Projekt Ara Google entwickelt Bausatz-Handy

Google macht Ernst mit einer alten Idee: Ein von Motorola übernommenes Entwicklerteam soll ein Telefon nach Baukastensystem entwerfen - man hat es auf eine Kundengruppe mit wenig Geld abgesehen.

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Jeder PC ist ein Baukasten. Ist die Grafikkarte zu langsam, wird sie ersetzt, ist der Arbeitsspeicher zu klein, wird er erweitert, denn die Hardware ist modular, standardisiert und damit flexibel.

Bei Smartphones ist das anders. In einem Handy von heute sind die Komponenten auf so engem Raum zusammengepackt, dass es schwierig ist, sie separat ein- und auszubauen, alles ist verschachtelt, miteinander verzahnt, vom Akku einmal abgesehen. So mancher glaubt deshalb, dass ein modulares Handy niemals wirklich wird funktionieren können.

Googles Design-Philosophie ist eine andere. Sie war schon immer eher an der offenen Architektur des PC - oder des Internets selbst - orientiert als an der perfekten, aber hermetischen Verpackung, die etwa Apple-Produkte auszeichnet. Deshalb basiert das mobile Betriebssystem Android auf der Idee quelloffener Software (Open Source). Und deshalb ist man bei Google offenbar begeistert von einem Projekt, das als eine Art Restmasse übrigbehalten wurde, als der Suchmaschinenkonzern den Handy-Hersteller Motorola nach kurzer Zeit wieder verkaufte.

Ein Handy, so modular wie ein PC

Die Gruppe mit dem Namen Advanced Technology and Projects (Atap), geleitet von Regina Dugan, ehemals Chefin der Militär-Forschungsbehörde Darpa, war bei Motorola fürs Abseitige zuständig. Nun soll Atap unter anderem etwas erschaffen, woran diverse andere Unternehmen schon gescheitert sind: ein Telefon, das ebenso modular und damit veränderbar ist wie ein PC.

Das Projekt, das schon bei Motorola begonnen hatte, trägt den Namen Ara, laut "Time" benannt nach Ara Knaian, einem der Gründer eines kaum bekannten, aber offenbar sehr renommierten Ingenieurbüros in Cambridge, Massachusetts. Knaians NK Labs sollen wichtige Teile der Entwicklungsarbeit beaufsichtigen. Bei Atap selbst wird das Projekt von Paul Eremenko geleitet, einem ehemaligen Darpa-Mitarbeiter. Eremenko soll offenbar die Beiträge externer Unternehmen koordinieren. "Time" zufolge gehört dazu beispielsweise auch 3D Systems, bekannt für seine 3-D-Drucker.

Ballons für den Netzzugang, Ara-Handys für Milliarden Menschen?

Zentrales Ziel der Entwicklungsarbeit ist nicht nur ein Telefon, bei dem man auf Wunsch eine bessere Kamera oder einen schnelleren Prozessor blitzschnell einbauen kann. Es geht auch darum, ein wirklich preiswertes Smartphone herzustellen, um Google in Entwicklungsländern neue Kundschaft zu verschaffen. Jeder neue Internetnutzer bringt Google potentiell Werbegelder ein, aber Milliarden von Menschen haben bislang keinen Internetzugang.

Googles X-Labore entwickeln derzeit Wifi-Ballons, mit denen Funk-Internet auch in entlegene Gebiete gebracht werden soll. Ara-Handys könnten, so die Vision, dafür sorgen, dass dort dann auch Geräte vorhanden sind, mit denen man Gmail nutzen und googeln kann. Ein "Telefon für sechs Milliarden Menschen", soll Ara werden, sagt Eremenko.

50 Dollar soll das günstigste Handy kosten, nach oben ist der modularen Architektur theoretisch keine Grenze gesetzt. Ara soll eine Plattform sein, für die beliebige Hardware-Unternehmen Bauteile liefern können, genau, wie das beim PC seit jeher der Fall ist. Ein "Modules Developers Kit" soll bald erhältlich sein, und für den 15. und 16. April hat Google eine Entwicklerkonferenz für Ara angekündigt.

Es sieht also aus, als ob man in Mountain View an die Idee glaubt, obwohl modularen Mobiltelefonen bislang keine allzu großen Erfolge beschieden waren: Projekte wie das Gadget-Lego der Firma Bug Labs etwa bekamen zwar viel Presse, es blieb jedoch bei Konzepten. Das modulare Telefon des israelischen Unternehmens Modu kam auch nie so recht aus den Startlöchern - Modus Patente kaufte Google im Frühjahr 2011 für die bescheidene Summe von knapp fünf Millionen Dollar. Und die Firma zzzPhone, die 2008 mit der Idee von sich reden machte, nach dem Dell-Prinzip Handys auf Wunsch zusammenzustellen, ist einfach verschwunden.

Für Aufsehen sorgte dagegen das Phonebloks-Projekt des niederländischen Designers Dave Hakkens: Mit einem Konzeptvideo und einem Dummy aus Aluminium überzeugte er 2013 über 900.000 Menschen, dass ein modulares Handy nicht nur eine gute, sondern auch eine nachhaltige und damit umweltfreundliche Idee sein könnte.

Der Erfolg der Phonebloks-Kampagne soll auch bei Googles Entscheidung, auf das Projekt Ara zu setzen, eine Rolle gespielt haben. Im Oktober bereits hatte Projektleiter Eremenko in einem Motorola-Blog angekündigt, Hakkens werde an Ara mitarbeiten. Nun, da das Projekt auf dem Machbarkeitsradar von Google-Chef Larry Page angekommen zu sein scheint, dürften die Chancen stark gewachsen sein, dass diesmal aus der Idee auch tatsächlich ein Produkt wird.

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onkendonk 28.02.2014
1. Stimmt! Modelle für Kunden mit wenig Hirn gibt es schon genügend.
Wer hätte das mal gedacht: Die menschen kaufen sich freiwillig Wanzen von M$, Googel und Äppel.
mwroer 28.02.2014
2. Würde ich kaufen ...
Aussehen ist für mich kein Thema. Gewicht im Prinzip auch nicht - 4 Gramm weniger oder 20 Gramm mehr sind mir egal. Ich will ein Gerät dass ich brauchen kann und wenn es dann ein Mobiltelefon ist dass auch ohne Kamera auskommen kann: Prima.
janohh 28.02.2014
3.
"Offene Architektur" vs. "hermetische Verschachtelung"? Ich denke, es geht doch eher um schlechtes vs. gutes Industriedesign. Ob letzteres modular gelingt, muss Google erstmal beweisen. Ein Blick auf und in bisherige Google-Handys lässt keine allzu große Hoffnung zu. Und wie "hermetisch" Google selbst ist, zeigt die gegenwärtige Android-Vergabepraxis. (Trotzdem ist die Idee des modularen Handys natürlich gut.)
y0urselfishment. 28.02.2014
4. optional
"Der Erfolg der Phonebloks-Kampagne soll auch bei Googles Entscheidung, auf das Projekt Ara zu setzen, eine Rolle gespielt haben." - Natürlich wieder mal 1-A kopiert von der Datenkrake! Das machten sie immer schon so und das wird auch so bleiben! Schon die Suchmaschine war nicht ihre Idee. Kleiner Parasit ganz groß.
tobilechat 28.02.2014
5. Wozu, wofür?
Vor einiger Zeit habe ich ein Dual-SIM-Handy für 18€ gekauft, Hersteller ist die Consumer-Electronics-Sparte eines französischen Rüstungskonzerns. Tut es vollkommen, ist mir lieber als irgendso’n NSA/USA-stuff. Wozu sollte ich den Google-Bausatz brauchen?. Kostet der noch weniger als 18€?. Auch Google, oder gerade Google, hat doch nichts zu verschenken. Apple, Microsoft, Google, waren das nicht die main player im NSA-Skandal?. Was ist mir lieber, ‚ne portable US-Wanze oder gesamteuropäische Verteidigung, die meiner Meinung nach dringend Not tut?. Was verkauft Google da? Ein Handy oder eine mobile NSA-Abhörstation?. Ich habe für mich beschlossen, dass es sich komplett ausgegoogelt hat, genauso wie ausgeappelt. Und irgendwann finde ich auch den Absprung zu Linux. Ich kann mich nicht mit der NSA, Apple, Google oder Microsoft anlegen, will es auch nicht. Ich kann nur eins: So wenig wie möglich tun, damit diese Großkonzerne Geld verdienen. Denn nur da trifft man sie noch: wenn sie nichts verdienen, wenn sie Profite nicht weiter maximieren können, wenn diese bestenfalls rückläufig sind. Konzerne sind Hegemonie pur. Suchen mit Google, vergiss es, Tobias!. „Wer suchet, der findet nicht. Wer nicht sucht, der wird gefunden.“ (Zitat, das Franz Kaffka zugeschrieben wird). Damals gab's kein Internet, stimmen tut's deshalb vermutlich nicht: Wenn ich nicht im Internet suche, dann werde ich auch nicht gefunden.
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