Hacker-Abwehr: Russischer Geheimdienst FSO setzt auf Schreibmaschinen

Typenhebel einer Schreibmaschine: Agenten sollen wieder tippen Zur Großansicht
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Typenhebel einer Schreibmaschine: Agenten sollen wieder tippen

Der beste Schutz vor Hackern ist: keinen Computer zu benutzen. So jedenfalls scheinen es russische Geheimdienstler zu sehen. Aus einer Ausschreibung geht hervor, dass der Föderale Schutzdienst Schreibmaschinen anschaffen will, um besonders brisante Dokumente zu sichern.

Moskau - Ein gewiefter Hacker, so heißt es oft, kann in jedes Computersystem eindringen. Um ihre Geheimnisse dennoch vor Spionage zu schützen, setzen russische Sicherheitsdienste nun auf bewährte Technik: Der Föderale Schutzdienst (FSO), der unter anderem für die Sicherheit des Präsidenten und der Regierung zuständig ist, bestellte nach einem Bericht der Zeitung "Iswestija" 20 Schreibmaschinen. Besonders heikle Dokumente sollen demnach nur auf Papier und nicht auf elektronischen Datenträgern archiviert werden, um sie zu schützen.

Üblich sei diese Praxis in Russland nicht nur in den Geheimdiensten, sondern auch im Verteidigungs- und im Zivilschutzministerium, sagte der frühere Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Nikolai Kowaljow, der Zeitung. Dem Bericht zufolge ist besonders das deutsche Modell Triumph-Adler Twen 180 bei den russischen Geheimdiensten beliebt. Wichtig sei für die Sicherheitsdienste, dass jeder Schreibmaschinen-Typ eine eigene "Signatur" habe - anders als etwa in Serienproduktion hergestellte Drucker. Auch die handschriftliche Aufzeichnung geheimer Informationen sei üblich, erklärte Kowaljow.

Hersteller Olympia bestätigt die russische Anfrage

Ein seit dem 3. Juli im Internet einsehbares Dokument zeigt, dass der FSO "elektronische und tragbare" Schreibmaschinen mit kyrillischen und lateinischen Buchstaben anschaffen will. Zudem sucht die selbst auf Abhöraktionen spezialisierte Behörde auch Hunderte Farb- und Korrekturbänder für die Triumph-Adler Twen 180 sowie für die Olympia Comfort. Gut 200 Euro wollen die Russen pro elektrischer Schreibmaschine ausgeben, wie aus der Bestellanforderung hervorgeht. Das Gesamtpaket mit den Bändern hat ein Volumen von 486.540 Rubel (rund 11.600 Euro).

Der Hersteller Olympia im nordrhein-westfälischen Hattingen bestätigt, dass Russland in der vergangenen Woche ein Angebot für 20 Schreibmaschinen und für Farbbänder gemacht habe. Experten in dem Land vermuten, dass Geheimdienste traditionell eher auf Gewebefarbbänder setzen. Bei Karbonbändern seien die getippten Buchstaben leicht zu entziffern und damit im Grunde auch der Text.

Zwar soll alles bis zum 30. August geliefert sein. Bei Olympia aber dürfte die Zeit bis zu diesem Termin knapp werden, weil seit Schließung der Produktion in Wilhelmshaven keine Maschinen mehr selbst montiert werden. "Die Vorlaufzeit für eine Produktion aus China sind sicherlich fünf Monate", teilte Geschäftsführer Heinz Prygoda mit. Olympia habe bisher in diesem Jahr rund 2800 Schreibmaschinen verkauft. Nach Darstellung des Unternehmens werden die Maschinen auch in Afrika gern genutzt. Vor allem beim Ausfüllen von Formularen seien sie weiter beliebt.

Auch bei Triumph-Adler sprechen Mitarbeiter von einer regelrechten Nostalgie-Welle und einer Wiedergeburt der guten alten Schreibmaschine. Dennoch verkaufte das Unternehmen 2003 nach 105 Jahren seine Schreibmaschinensparte. Die Marke Triumph-Adler/Twen vertreibe jetzt die Firma Bandermann im nordrhein-westfälischen Kaarst.

bos/kpg/dpa

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insgesamt 90 Beiträge
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1. Russisches Denken ... alles so einfach wie möglich
coyote38 11.07.2013
Schreibmaschinen ... GENIAL !!! Typisch Russland. Beim Wettlauf ins All brauchte man einen Stift, der in der Schwerelosigkeit schreibt. Die Amerikaner entwickelten für 1 Million Dollar den Kugelschreiber. Die Russen benutzten ... einen BLEISTIFT.
2. low tech
tailspin 11.07.2013
Ich hatte mich schon gewundert, warum die Russen keine groesseren Anstrengungen unternommen haben, Snowden fuer sich zu behalten zB in der Spionageabwehr. Jetzt ist das natuerlich klar, die hatten keine Verwendung. Oder ist die Schreibmaschinengeschichte vieleicht doch eher die typische, altbekannte russische Desinformation?
3.
CaptainSubtext 11.07.2013
Zitat von coyote38Schreibmaschinen ... GENIAL !!! Typisch Russland. Beim Wettlauf ins All brauchte man einen Stift, der in der Schwerelosigkeit schreibt. Die Amerikaner entwickelten für 1 Million Dollar den Kugelschreiber. Die Russen benutzten ... einen BLEISTIFT.
Trotz der möglichen Probleme verwendete die NASA auf ihren ersten Missionen Bleistifte...... Noch im selben Jahr bot Fisher der NASA den Space Pen an.....Sie kaufte zunächst 400 Stifte zu einem Stückpreis von 2,95 US-Dollar. ..... Als eine moderne Sage gilt, dass die NASA den Space Pen für eine Million Dollar entwickeln ließ, während die sowjetischen Kosmonauten der Einfachheit halber einen Bleistift benutzten. Space Pen (http://de.wikipedia.org/wiki/Space_Pen)
4. Wenn man sich dem NSA-Skandal
mielforte 11.07.2013
Zitat von sysopDer beste Schutz vor Hackern ist: keinen Computer zu benutzen. So jedenfalls scheinen es russische Geheimdienstler zu sehen. Aus einer Ausschreibung geht hervor, dass der Föderale Schutzdienst Schreibmaschinen anschaffen will, um besonders brisante Dokumente zu sichern. Hacker-Abwehr: Russischer Geheimdienst FSO kauft Schreibmaschinen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/hacker-abwehr-russischer-geheimdienst-fso-kauft-schreibmaschinen-a-910607.html)
mit Verstand nähert, kommt man zu dem Schluß, daß zuerst der Wunsch nach Spionage da war und danach die notwendige Technologie "erfunden" wurde. Facebook ist vom ersten Tage an ein subversives Werkzeug der Mächtigen.
5.
t.h.wolff 11.07.2013
Das erinnert an die Röhrenelektronik der MiG-25, die, anders als Transistoren, resistent gegen EMP-Effekte war. Ziemlich cool.
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