Bierproduktion im Hackerspace: Ein echter Nerd braut selbst

Von , Düsseldorf

Selbstgemachtes Bier: Hier wird der Hackerspace zur Brauerei Fotos
Chaosdorf

Im Düsseldorfer Hackerspace Chaosdorf wird nicht nur gecodet und gelötet, sondern auch gebraut. Computerfreunde greifen statt zur Tastatur zum Kochlöffel und stellen ihr eigenes Bier her. Damit sind sie nicht allein - denn mit ihren Getränken sind viele Geeks sehr eigen.

Niemanden scheint der süßliche Geruch zu stören. Im Raum verteilt sitzen Menschen an Laptops und unterhalten sich, einer schraubt etwas zusammen, ein anderer programmiert. Jeder werkelt an Werkbank oder Schreibtisch ruhig vor sich hin und stört die anderen dabei nicht. Anders die vier Männer in der Küche, die sich nur bei ihren Spitz- und Vornamen nennen, Yrthy, Robert, Fibre und Hep: Zwar sind auch sie beschäftigt, allerdings nicht mit Programmieren oder Basteln, sondern mit Maischen. So nennt man ein Arbeitsverfahren beim Bierbrauen, und deshalb wabert jetzt durch alle Räume ein süßlich-malziger Dampf, es ist ein durchdringender Geruch wie in einer Brauerei.

Allerdings ist das hier keine Brauerei, sondern ein Hackerspace in Düsseldorf. Er nennt sich Chaosdorf und wird - wie viele solcher Orte - von Mitgliedern des Chaos Computer Clubs betrieben, die sich hier als Verein einen Treffpunkt geschaffen haben, einen Ort, an dem kreativ mit Technik umgegangen wird - und mit Getränken.

Mit Geeks und Getränken ist das so eine Sache. Auf den Treffen der Szene wird nicht achtlos irgendeine Limo gekippt, es wird normalerweise auch nicht bis zur Besinnungslosigkeit getrunken; stattdessen gibt es bestimmte Kult-Getränke, denen in fast religiösem Stil gehuldigt wird. Mate ist eines davon, eine koffeinhaltige Brause, die zu Kongressen und Konferenzen tausendliterweise angekarrt werden muss, um den Bedarf zu decken. Sie wird pur getrunken oder abends mit Rum zu einem Cocktail gemischt, es gibt sie mittlerweile in zig Varianten, die Geeks haben Bücher darüber geschrieben und bieten Workshops an, um selbst Mate herzustellen.

Pilgerreise in die Brauerei

Wie weit die Verehrung für ein Getränk gehen kann, weiß jeder, der einmal an einer "Intergalaktischen Club-Mate-Party" (ICMP) teilgenommen hat. Das ist ein Zeltlager, ein kleines Hackercamp, im mittelfränkischen Münchsteinach. Keine 1500 Menschen leben in diesem Ort, und trotzdem ist er vielen Nerds aus der ganzen Republik eine Reise wert; denn hier befindet sich die Brauerei Loscher, es ist der Ort, aus dem die Club-Mate kommt. Die Hackerszene hat dem Getränk zu seiner Bekanntheit verholfen, hat einen Hype darum gemacht und dafür gesorgt, dass es in den großen Städten fast überall erhältlich ist. Wenn sie in Münchsteinach sind, besuchen die Nerds den Brauereimeister, den sie liebevoll "Papa Loscher" nennen, und besichtigen seine Brauerei. Es ist eine Pilgerreise.

Im Düsseldorfer Chaosdorf ist Mate stets in mindestens drei Varianten vorrätig, und die Nerds kochen hier sogar Marmelade daraus, um das Erfrischungsgetränk auch noch aufs Brot schmieren zu können. Aber auch ein gutes Bier wissen die rheinischen Hacker zu schätzen - und deshalb brauen sie es sich selbst. Das ist für einen solchen Ort gar nicht so ungewöhnlich wie es klingt; es gibt mehrere Hackerspaces mit kleinen "Brau-it-Yourself"-Projekten, sogar in Tokio.

"Mich haben schon immer die Mikro-Brauereien in den USA fasziniert", sagt Yrthy, Initiator der Hobby-Brauerei in Düsseldorf, "solche Biersorten hätte ich mir auch hier gewünscht." Yrthy ist ein großer Mann mit dunklen Augen und dunklem Vollbart, von Beruf ist er Pharmazeut. Seit ein paar Jahren ist er Mitglied im Chaos Computer Club, auf seinem schwarzen T-Shirt prangt eine Tastatur im roten Stern. In der einen Hand hält er ein Netbook, zugepflastert mit Aufklebern, und liest das Rezept. In der einen Hand hat er einen riesigen Kochlöffel und rührt in einer braunen Suppe auf dem Herd. Daraus soll irgendwann ein dunkles Maibock werden.

Bogk-Bier dient als Vorbild

Den Ausschlag gegeben, das mit dem Brauen einfach einmal selbst zu versuchen, hat ein Hacker aus Berlin: "Es hat damit angefangen, dass wir einen Podcast mit Andreas Bogk gehört haben", sagt Yrthy, "er hat da über das Bierbrauen gesprochen, das hat mich fasziniert." Bogk ist bekannt in der Szene, er betreibt eine Privatbrauerei in einem Keller, bloggt und podcastet zum Brauen. Bogk ist quasi der Vorzeige-Bierhacker.

Die Düsseldorfer wollten es ihm gleichtun. Yrthys Mitstreiter sind Informatiker, Programmierer und ein Abiturient. Das Brauen haben sie sich selbst beigebracht und dabei viel gelernt. Erst kauften sie Hopfen und Malz, Gäreimer und Bierspindel und machten dann Bekanntschaft mit dem Zollamt, denn zum Bierbrauen gibt es in Deutschland strenge Gesetze. Deshalb mussten sie sich nicht nur mit Würze und Maische, mit Enzymen und Stärke beschäftigen, sondern auch mit Genehmigungen und Steuern.

Brauen und Hacken verträgt sich gut

Mittlerweile kennen sie sich sowohl mit dem einen als auch mit dem anderen gut aus und brauen sich alle paar Wochen oder Monate nebenbei einen Kasten Bier. Das dauert. Erst stehen die Männer einen Tag lang in der Küche, dann putzen sie die Küche, dann warten sie einen Tag. Dann kommt die Hefe dazu, dann warten sie ein bis zwei Wochen. Dann füllen sie das Bier in Flaschen und warten noch mal etwa vier Wochen, bis das Bier fertig und trinkbar ist. Maischen, Läutern, Kochen, Abseien, Gären. Und all das, obwohl der nächste Kiosk nur ein paar Schritte entfernt ist.

Trotzdem machen sie es gern. "Das Schöne daran ist, dass man alles selber macht", sagt Yrthy. Den Vorgang zu verstehen und es einfach selbst einmal zu versuchen, es sich zuzutrauen, auch wenn es erst ein paar Mal schief läuft - das ist eben ein typischer Bastlergedanke. Der gilt fürs Löten genauso wie fürs Brauen.

Eigentlich passt die Getränkeherstellung also ganz gut in einen Hackerspace, als typischer Bestandteil der Nerdkultur. Es ist schließlich nur ein Projekt von vielen, im Chaosdorf werden sonst Vorträge und Workshops gegeben, es wird technisch gearbeitet und gelehrt. Doch ab und an unterhalten sich die Computerliebhaber nicht mehr über Code oder Netzpolitik, sondern über Spelzen und Enzyme, über Hopfenpellets und Würze. Und sie geben ihr Wissen und die Rezepte in einem Wiki weiter, damit andere es nachmachen können.

Dass aus den Mate-Liebhabern deshalb plötzlich Säufer werden, die am Rechner nichts mehr auf die Reihe kriegen, ist allerdings nicht zu erwarten. "Es ist nicht ratsam, sich damit zu betrinken", sagt Yrthy, "die selbstgemachten Biere haben viel mehr Fuselöle, und davon bekommt man Kopfschmerzen." Deshalb bleibt es meistens bei einem oder zwei Bieren, dann gibt es eine Mate zum Nachspülen.

Dieser Text ist der vierte Teil einer Serie, in der wir verschiedene Hackerspaces und Fablabs im deutschsprachigen Raum vorstellen. Dafür besuchen wir mehrere Werkstätten oder Clubräume und treffen Menschen, die uns von ihren außergewöhnlichen Projekten erzählen.


WAS SIND FABLABS UND HACKERSPACES?

Wir besuchen verschiedene Räume, in denen kreativ mit Technik umgegangen wird. Lesen Sie hier, was man eigentlich unter einem FabLab oder einem Hackerspace versteht.


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insgesamt 7 Beiträge
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1. Mikro-Brauereien und Mate
raber 25.05.2013
Ich finde die Mikro-Brauereien in den USA auch super. Man kann dann in so ein Dorf mit 9.000 Einwohnern (Truckee, Kalifornien) gehen und hat gleich ein Dutzend lokaler Marken kaufen die auch schmecken. Jetzt habe ich von einem erfahren, der eine Mikro-Brauerei am Strand in Zentralamerika aufziehen will. Interessant, dass man aus Mate Bier machen kann. Wissen dies schon die Argentinier und Uruguayer?
2. Titel verfehlt!
PeterStraffrei 25.05.2013
Frau Horchert, Ihr Artikel ist wie "Warten auf Godat". Denn alle warten auf ihn, doch er steht nicht einmal im Drehbuch. In Ihrem Drehbuch, obiger Artikel, "Bier...." passiert alles, aber es wird kein Bier gebraut. Hin und wieder ein Satz, damit der Leser nicht die Lust am Artikel verliert. Schade, hat er aber doch! Naja, passiert Anfaengern, sollte Profis aber nicht passieren.
3.
werists 25.05.2013
Zitat von PeterStraffreiFrau Horchert, Ihr Artikel ist wie "Warten auf Godat". Denn alle warten auf ihn, doch er steht nicht einmal im Drehbuch.
Hm, also ich hab ihn gelesen, ganz ohne Warten.
4. Meine Erwartungshaltung war groß....
clemensbarono 26.05.2013
Oft und bei verschiedensten Gelegenheiten frage ich mich: Warum immer die alten Hasen...? Gibt es keinen Nachwuchs? Nun wurde etwas vom Nachwuchs verfaßt und nach dem Lesen der Überschrift war mein Anspruch sehr groß - ich wurde enttäuscht: Jedoch werde ich irgendwann mein eigenes Bierchen brauen!
5. Titel passt doch
mark.j.p. 26.05.2013
Auch wenn man sich vermeintlich originell "Straffrei" nennt, muss man nicht grundlos Kritik üben. Der Artikel handelt von Anfang bis Ende vom Brauen, wenngleich der Mate-Kult als Aufhänger genommen wird. Somit wird es nicht langweilig, weil hier eben nicht nur eine Brauanleitung mit Rezepten wiedergegeben wird. Ein Profileser sollte das erkennen und würdigen können.
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