Fablab "Dingfabrik" in Köln: Die Welt ist unsere Leinwand

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Basteln, Bauen, Tüfteln: Ein Besuch in der Kölner Dingfabrik Fotos
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Hier entstehen selbstgebaute Möbel, Origami-Kunstwerke und hypnotisierende Projektionen: In der Dingfabrik in Köln, einem sogenannten Fablab, wird gesägt, gefaltet, gelötet und gecoded. Zwei der Bastler schaffen in der Werkstatt auch ganz kurzlebige Kunstwerke - aus Kartons und Licht.

Irgendwo in Köln-Deutz, in einem alten Verwaltungsbau hinter dem Messegelände, bringen zwei Männer die Welt zum Leuchten. Zumindest ein bisschen. Sie heißen Alexander Speckmann und Martin Wisniowski und sitzen zwischen Schraubenziehern und Sägeblättern in einem ehemaligen Büro. Wisniowski hat seinen Laptop aufgeklappt, weil er gerade über Projection Mapping spricht und zeigen möchte, was man darunter versteht. Er öffnet ein Video, klickt auf "Play" - und lächelt.

Bestimmt hat er diesen Film unzählige Male gesehen, er stammt ja von ihm, aber auch nach vielen Wiederholungen noch sieht das cool aus, was er da sieht. Es ist ein Arrangement aus Kartonwürfeln, drei Meter hoch, viereinhalb Meter tief und zweieinhalb breit. Und die Kartons leuchten, weil sie von zwei Seiten mit Beamern angestrahlt werden, mal einzeln, mal gemeinsam. Zu sehen sind verschiedene Muster und Filmsequenzen. Faszinierend wirkt das, fast ein bisschen hypnotisierend, allerdings auf den ersten Blick gar nicht so kompliziert. Ist es aber.

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Projection Mapping: Viel Vorarbeit am Computer
Alexander Speckmann sitzt auf der anderen Seite des Laptops, seinem Freund gegenüber, und hat sich aus irgendeiner Ecke einen kaputten Fön geschnappt, den er fast beiläufig repariert, während er das erklärt. Speckmann ist Maschinenbau-Ingenieur, und in seiner Freizeit repariert er nicht nur alte Föns, sondern widmet sich zusammen mit dem Software-Entwickler Wisniowski seit einiger Zeit dem Projection Mapping. Mit Hilfe dieser Technologie lassen sich nahezu beliebige Oberflächen in eine Leinwand verwandeln: Häuser, Mauern oder Skulpturen, ganz egal wie uneben ihre Oberfläche auch sein mag. Damit das klappt, braucht man unter anderem eine spezielle Software, mit deren Hilfe man das gewünschte Objekt abbilden und in einem Schema festlegen kann, wie die Projektion am Schluss ausgerichtet sein muss.

Das Objekt - eben zum Beispiel ein Kartonstapel - muss dann genau im richtigen Winkel aufgestellt werden, die Beamer exakt platziert. Dann zaubern die beiden auf die diversen Oberflächen der Objekte unterschiedliche Bilder, die präzise an deren Form angepasst sind. Es sieht ein bisschen aus, als leuchteten die Kartons von innen heraus.

Das dafür nötige Programm hat der Software-Entwickler Martin Wisniowski geschrieben und Sentinel genannt. Jetzt hat er es geöffnet und zeigt, wie die Vorarbeit am Rechner aussieht. Im rechten Fenster sieht man den Code, im linken ein blinkendes Schema der Würfelskulptur. Dann löscht Wisniowski eine Zeile Code, und plötzlich blinken die Seiten der Würfel nicht mehr farbig, sondern weiß. "Mit der Software kann ich gar nichts anfangen, das muss er alles machen", sagt Speckmann, "ich bin eher der Produzent." Das heißt, er übernimmt später die Arbeiten in der Realität, setzt die Lichtchoreografie um, kümmert sich um Aufbau und Ablauf - bis alles sitzt. Denn Projection Mapping ist in jeder Hinsicht Maßarbeit. "Mich ärgert, dass zum Beispiel Discotheken ihre Projektionen so unglaublich schlecht einsetzen", sagt er. Man müsse zum Beispiel nicht nur den Beat berücksichtigen, sondern auch die Stimmung der Musik.

Selber probieren für den Lerneffekt

Geld verdienen die beiden mit ihren Animationskünsten nicht, und das ist auch gar nicht das Ziel. Sie wollen die Kunstform einfach erlernen, mit Technik und Material experimentieren und etwas Schönes zustande bringen. "Wir könnten ja auch auf bereits bestehende Lösungen aufbauen", sagt Speckmann, "aber uns geht es um den Lernprozess."

Die beiden sind leidenschaftliche Bastler - und deshalb sind sie zusammen hier in Köln-Deutz. Das ehemalige Büro, in dem sie sitzen, heißt jetzt Dingfabrik und ist ein sogenanntes Fablab. Das ist eine Art Hightech-Werkstatt, die sich mehrere Menschen teilen, um gemeinsam Dinge zu bauen und herzustellen, auch solche, für die man normalerweise eine Fabrik bräuchte. In Köln hängen an den Wänden Klebeband und Zangen, in den Regalen stehen Farben und Lack, es gibt einen 3-D-Drucker und einen selbstgebauten Lasercutter. An einem schmutzigen Fenster, durch das man eben noch so die Seilbahn über den Rhein sieht, hängt ein grüner Zettel: "Beton Mischverhältnis" steht darauf, "3,5 Kilogramm Sand, 1,5 Kilogramm Zement, ein Liter Wasser". Theoretisch kann hier jeder bauen, was er will.

Die Dingfabrik zieht um

Aus der Dingfabrik kommen sowohl Möbel als auch Origami-Kunstwerke. Geräte, die kaputt hereingetragen werden, verlassen sie oft wieder heil. Etwa zweimal pro Woche verbringen Speckmann und Wisniowski einen Abend hier, oft mit anderen Bastlern, die gerade wieder etwas Neues bauen. "Mich zieht es allerdings eher zu visuellen Sachen", sagt Wisniowski, "eines Abends saß ich hier und dachte: Ich will gar keine Möbel bauen."

Seitdem macht er Animationskunst, baut also keine Dinge für die Ewigkeit, sondern für den Moment. Das hat einen großen Vorteil: Diejenigen Dingfabrikanten, die hauptsächlich am Laptop sitzen und programmieren, nehmen schließlich kaum Platz weg. Der nämlich ist im Kölner Fablab rar, der 70-Quadratmeter-Trakt platzt schon jetzt aus allen Nähten. Deshalb wollen die Vereinsmitglieder die Dingfabrik im Sommer umsiedeln, sie haben schon eine große Halle in einem anderen Stadtteil avisiert, die sie günstig mieten können. "500 Quadratmeter ist die groß", sagt Speckmann, "es ist unglaublich, was man da erst alles machen kann!"

Dieser Text ist der erste Teil einer Serie, in der wir verschiedene Hackerspaces und Fablabs im deutschsprachigen Raum vorstellen. Dafür besuchen wir mehrere Werkstätten oder Clubräume und treffen Menschen, die uns von ihren außergewöhnlichen Projekten erzählen.


WAS SIND FABLABS UND HACKERSPACES?

Wir besuchen verschiedene Räume, in denen kreativ mit Technik umgegangen wird. Lesen Sie hier, was man eigentlich unter einem FabLab oder einem Hackerspace versteht.


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1. Zukunft der Produktion ... .
herrbecker 01.04.2013
Bin ja mal gespannt, ob ich in fünfzig Jahren sagen darf, ich hätte der entscheidenden Weiterentwicklung der Produktivkräfte leibhaftig zugeschaut. Kombiniert man noch Open Data mit entsprechenden, hier vorgestellten lokalen Produktions- und Diskussionsräumen, hat man eine Idee von einem hochprofitablen 21. Jahrhundert. Ich freue mich drauf.
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