Handy-Betriebssystem Symbian: Nokia verschenkt sein Kronjuwel

Erst kostenlose Navigation, jetzt ein kostenloses Betriebssystem: Nachdem Handy-Hersteller Nokia erst vor zwei Wochen bekanntgab, die GPS-Software Ovi Maps künftig kostenlos zu verteilen, folgt nun das Symbian OS, das den finnischen Telefonen als Grundlage dient.

Web-Seite der Symbian Foundation: Das Nokia-Betriebssystem wird Open Source Zur Großansicht

Web-Seite der Symbian Foundation: Das Nokia-Betriebssystem wird Open Source

Geschenke kommen gut an. Das hat der finnische Nokia-Konzern in den letzten Wochen deutlich zu spüren bekommen. Die Ankündigung, die bisher kostenpflichtige Handy-Navigationssoftware Ovi Maps könne man künftig kostenlos aus dem Netz laden, nahmen Heerscharen von Nokia-Nutzern dankbar auf. Insgesamt 1,4 Millionen Downloads der Software habe man seit dem 21. Januar registriert, erklärte das Unternehmen am Mittwoch. Das, so Nokia-Sprecher Anssi Vanjoki, entspreche etwa einem Download pro Sekunde. Jetzt will der Konzern offenbar noch einen drauflegen. Übereinstimmenden Berichten verschiedener US-Web-Seiten zufolge wird Nokia sein Handybetriebssystem Symbian noch heute zu Open Source erklären.

Angekündigt war dieser Schritt schon lange, geplant war allerdings, die Software erst Mitte des Jahres freizugeben. Nun aber soll es offenbar schon viel früher jedermann freistehen, die mit Millionenaufwand entwickelte Software nach Gusto zu verändern und zu verbessern. Mehrere Millionen Zeilen Programmiercode gehören zu dem Projekt, an dem Nokia und seine Partner in den letzten zehn Jahren gearbeitet haben.

Die Geschichte von Symbian ist aber schon viel älter. Ende der achtziger Jahre entwickelte das britische Unternehmen Psion für seine Organizer und Handheld-Computer das Betriebssystem Epoc. Neben diversen Psion-PDAs basierten auch legendäre aber weitgehend erfolglose Geräte wie das Psion-Netbook auf diesem Betriebssystem. 1998 wurde die Entwicklungsabteilung für das Betriebssystem in die eigens dafür gegründete Firma Symbian ausgelagert. Neben Psion beteiligten sich auch Motorola, Ericsson und Nokia sowie später noch einige weitere Handy-Hersteller an diesem Unternehmen.

Seither wird Symbian-Software auf etlichen Mobiltelefonen eingesetzt. Aktuell nutzen fast 200 mobile Geräte Symbian als Betriebssystem. Im Jahr 2008 allerdings übernahm Nokia für rund 250 Millionen Euro sämtliche Anteile an der Symbian Ltd., machte aus der Entwicklungsgesellschaft die Symbian Foundation. Deren Mitglieder können die Symbian-Software für ihre Produkte nutzen, ohne dafür Lizenzgebühren zahlen zu müssen. Auf einer Pressekonferenz kündigten die Gründungsmitglieder der Symbian Foundation damals an, das gesamte Betriebssystem binnen zwei Jahren in Open Source umzuwandeln.

Lebensverlängernde Maßnahme für den OS-Oldie

Eine Vorreiterrolle nimmt der finnische Konzern damit allerdings nicht ein. Google beispielsweise hat sein Handybetriebssystem Android sofort nach der Veröffentlichung als Open Source freigegeben. Allerdings wurde Android nicht vollständig geöffnet. Symbian hingegen soll nun von der ersten bis zur letzten Zeile Open Source werden. Zudem soll nicht etwa eine veraltete Variante, sondern das neue und gerade grundlegend überarbeitete Symbian 3 veröffentlicht werden.

Wann man erste Auswirkungen der Veröffentlichung des Symbian-Quellcodes in Form greifbarer Produkte sehen wird, steht freilich noch in den Sternen. Nokia selbst kündigte gegenüber der taiwanesischen Digitimes an, erst im dritten Quartal des Jahres entsprechende Handys vorstellen zu wollen. Spätestens Anfang 2011 sollen dann bereits Geräte mit Symbian 4 folgen.

Mit der Open-Source-Veröffentlichung von Symbian geht bei Nokia also offenbar nicht etwa ein schleichender Abschied von Nokias-Stamm-Betriebssystem einher. Vielmehr dürfte sich die Firma von der Freigabe neue Impulse für die leicht eingestaubte Software erhoffen. Vermutungen - oder Hoffnungen -, das mit dem N900 eingeführte Linux-System Maemo 5 könnte kurzfristig zu Nokias Grundpfeiler werden, dürften damit widerlegt sein.

mak

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