Anti-Diebstahl-App Darf man Handydiebe per Twitter suchen?

Einem Mann wird das Smartphone geklaut. Eine App auf dem Handy schickt ihm ein Foto von dem, der es gerade in der Hand hat. Der Bestohlene twittert das Bild, um den Täter zu finden, es wird tausendfach geteilt. Ist das erlaubt?

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Twitter-"Fahndungsfoto" (Screenshot, von der Redaktion gepixelt): "Auch böse Menschen sind nicht rechtlos"

Twitter-"Fahndungsfoto" (Screenshot, von der Redaktion gepixelt): "Auch böse Menschen sind nicht rechtlos"


Irgendwo zwischen Hamm und Düsseldorf muss Friedhelm Runge* eingenickt sein. Als er wieder aufwachte, war sein Handy aus der Jackentasche verschwunden. Erst vier Wochen war es alt, 500 Euro hatte er dafür bezahlt. Runge ging zur Polizei. Dann wartete er auf eine E-Mail. Allerdings nicht von der Polizei.

Runge hat auf seinem Handy eine spezielle Software namens Cerberus installiert. Sobald jemand die falsche PIN eingibt, macht das Smartphone von allein ein Foto und schickt es an Runge. Damit kann er sehen, wer sich da gerade Zugriff zu seinem Telefon verschaffen will. "Das Programm hat mir auch immer mal wieder Fotos von mir selbst geschickt, wenn ich aus Versehen die falsche PIN eingetippt habe", sagt er. Zwei Tage lang muss er diesmal warten, dann landet in seinem Postfach tatsächlich eine Nachricht samt Foto.

Das Smartphone hat sich bei seinem Besitzer gemeldet, ihm mitgeteilt, wer daran herumgetippt hat. "Als das Foto kam, habe ich es zuerst der Polizei gezeigt", erzählt Runge, "aber meine Dienststelle vor Ort konnte mir nicht mehr groß weiterhelfen, weil es in der Bahn passiert ist und dann die Bundespolizei dafür zuständig ist." Dort würde ein Handydiebstahl bestimmt "nicht die oberste Priorität haben", dachte sich Runge und beschloss, selbst aktiv zu werden. Er veröffentlichte das Foto per Twitter.

"Sie haben mein Handy 'gefunden'. Super! Ich hätte es gern wieder", schrieb er dazu und: "Finderlohn, logo. Wer kennt diese Person?" Darunter das Bild von einem jungen Mann, er ist gut zu erkennen. Er steht offenbar in einem Lagerraum mit Regalen bis unter die Decke. Vielleicht in einem Krankenhaus, mutmaßen manche Twitterer, es könnte aber auch das Hinterzimmer eines An- und Verkaufladens sein. Es blieb bei dem einen Foto, ein weiteres schickte Runges Handy nicht.

"Auch böse Menschen sind nicht rechtlos"

Innerhalb von zwei Tagen wird Runges Tweet mit dem Foto mehr als 1500-mal retweetet. Es gibt viele Kommentare zu dem Foto, nur in den wenigsten weisen Nutzer darauf hin, dass es fragwürdig ist, das Foto zu veröffentlichen. Vereinzelt ist von "Hetze" die Rede.

Runge selbst habe gezögert, bevor er das Foto veröffentlichte, sagt er. "Ich habe da schon drüber nachgedacht. Wäre erst zwei Wochen später ein Foto angekommen, hätte ich es nicht veröffentlicht. Aber es kam ja schon zwei Tage später." Da sei zumindest anzunehmen, dass die Person auf dem Bild noch etwas mit dem Diebstahl zu tun hatte.

"Das darf man nicht", sagt der Berliner Medienanwalt Thorsten Feldmann von der Kanzlei JBB Rechtsanwälte, "hier wird das Bildnis einer Person 'öffentlich zur Schau gestellt', wie es juristisch heißt." Und das dürfe man für gewöhnlich nur in zwei Fällen: "Entweder wenn der Betroffene seine Einwilligung erteilt hat - das ist in diesem Fall wohl ausgeschlossen. Oder wenn es sich um ein zeitgeschichtliches Ereignis handelt - auch das ist hier nicht der Fall." Der Tweet diene keinem öffentlichen, sondern einem rein privaten Interesse. "Selbst wenn es hier womöglich einen 'Bösen' trifft: Auch böse Menschen sind nicht rechtlos."

Problematisch seien auch die Worte zum Bild: "Der Text mit dem 'gefunden' in Anführungszeichen suggeriert ganz klar: 'Der Typ hat mein Handy geklaut.' Und diese Behauptung gepaart mit der Veröffentlichung eines Fotos ist schon eine sehr empfindliche Persönlichkeitsrechtsverletzung, wenn das nicht stimmt." Tatsächlich bleibt unklar, ob es sich bei dem Fotografierten tatsächlich um den Dieb handelt.

Auch ein Retweet kann zu einer Abmahnung führen

Auch wo das Foto gemacht wurde, spielt eine Rolle: Man kann sich strafbar machen, wenn man jemanden in einem "gegen Einblick besonders geschützten Raum" ohne Erlaubnis fotografiert.

Allerdings: Damit das rechtliche Konsequenzen hat, müsste sich der Mensch auf dem Foto aus der Deckung wagen und sich darum kümmern, dass Runge eine Abmahnung bekommt. "Das ist in diesem Fall sehr unwahrscheinlich. Es wird wohl nicht zu einer Verfolgung kommen", sagt Feldmann. "Zumindest nicht, bevor der Täter gefasst ist. Wenn er ermittelt ist und seine Identität daher nicht mehr schützen muss, könnte er nachtreten und abmahnen."

Das könnte dann nicht nur unangenehm für den ersten Veröffentlicher werden, sondern auch für all diejenigen, die das Bild durch einen Retweet weiterverbreitet haben - und ihn so einem Publikum zugänglich gemacht haben, das vom Ursprungs-Tweet niemals erfahren hätten. "Für einen Retweet könnte es theoretisch auch eine Abmahnung geben", sagt Feldmann.

Selbst die Polizei darf das Foto nicht twittern

Wesentlich besser ist das Bild laut Feldmann also bei der Polizei aufgehoben, die es für ihre Ermittlungen nutzen kann. Auch sie darf es übrigens nicht veröffentlichen: "Eine Bagatellstraftat wie ein Handydiebstahl rechtfertigt das nicht. Eine Foto-Fahndung ist nur bei schwerwiegenden Straftaten gerechtfertigt", so der Anwalt.

Schon zwei Tage nach dem Tweet hat sich die erste Person gemeldet, die glaubte, den Menschen auf dem Foto zu kennen - wenn auch nicht namentlich. "Ich weiß auch noch nicht so genau, wie es jetzt weitergeht", sagt Runge, "ich würde ihn wohl anrufen und sagen, dass ich weiß, wer er ist, und die Anzeige zurückziehe, wenn er es zurückgibt."

Dieser Deal ist problematisch, findet Feldmann. Denn der Mensch auf dem Foto wolle jetzt wohl in erster Linie, dass sein Bild aus der Öffentlichkeit verschwindet - und dafür könne Runge längst nicht mehr garantieren. Das Bild wurde im Netz tausendfach verbreitet. Das dürfte aber zumindest einen abschreckenden Effekt auf zukünftige Täter haben, glaubt Anwalt Feldmann: "Diese App ist schon ziemlich verlockend. Denn es klaut wohl niemand ein Handy, wenn er damit rechnen muss, fotografiert oder anderweitig getrackt zu werden."

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 338 Beiträge
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Seite 1
politik-nein-danke 02.10.2014
1. Täterschutz über alles....
Tolle Welt in der wir leben.....
tütü72 02.10.2014
2. wer ist wichtiger - Opfer oder Täter?
An diesen rein formaljuristischen Diskussionen kann man mal wieder erkennen, was in diesem Land wichtig ist. Allemal geht Täterschutz vor Opferschutz, da lacht sich doch der Dieb ins Fäustchen! Und dann wieder heißt es, dass Recht brauche dem Unrecht nicht zu weichen. wers glaubt.
Ben Major 02.10.2014
3. Wie schön
Das möchte ich dann doch mal sehen, wie der ertappte Dieb dann Strafantrag wegen der Veröffentlichung seines Bildes stellt und dann ein Richter den Bestohlenen verurteilt. In Deutschland nicht ganz undenkbar, deswegen kommen Richter und Staatsanwälte ja auch alle in die Hölle, weil sie im Zweifel immer den Täter schützen.
nixmitx 02.10.2014
4. Typisch Deutschland
Man kann immer wieder feststellen, dass die Rechte der Täter anscheinend höher als die Rechte der Opfer bewertet werden. Wenn der Typ geklaut hat, habe ich persönlich kein Problem damit wenn er an den Pranger kommt. Ist wahrscheinlich abschreckender als die x-te Strafe auf Bewährung.
Musashi01 02.10.2014
5. Mal wieder,
Täterschutz vor Opferrecht. Armes Deutschland.
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