Telefeministinnen Die Abwimmel-Nummer für unerwünschte Aufreißer

Eine falsche Handynummer stellt aufdringliche Verehrer zu feministischen Botschaften und Zitaten durch. Das ist keine Problemlösung, schreibt eine Autorin des "Missy Magazine", aber ein potenziell subversives Hilfsmittel.

Jugendliche mit Handys:  Beim Flirt sollte stets die interessierte Partei ihre Nummer weitergeben
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Jugendliche mit Handys: Beim Flirt sollte stets die interessierte Partei ihre Nummer weitergeben

Von Dominique Haensell


Nette Idee: Gibt eine Frau diese Nummer weiter, erfolgen SMS-Retouren oder emanzipatorische Ansagen vom Band. So haben unfreiwillig angebaggerte Frauen endlich Ruhe und müssen ihre kostbare Freizeit nicht an eine unerwünschte Balz verschwenden. Nebenbei kann Casanova vielleicht noch etwas lernen. Nichts weiter also als ein spaßiges Gimmick für flirtverdrossene Feministinnen?

Die Fake-Nummer, die von einer anonymen Gruppe namens Feminist Phone Intervention frei verfügbar online gestellt wurde, kontert Anrufe und SMS mit Zitaten der US-amerikanischen Theoretikerin bell hooks.

Anfangs auf die USA beschränkt, wurde die Nummer in netztypischer Windeseile um weitere Länder-Durchwahlen erweitert. Schon bevor die Feminist Phone Intervention einen offenen Code auf ihre Seite postete, entwickelten die Telefeministinnen - ein loser Zusammenschluss Düsseldorfer AktivistInnen- eine deutsche Variante. Seit letzter Woche können nun auch aufdringliche Nummern-Eintreiber aus Deutschland mit feministischen Retouren überrascht werden. Die betreffenden Antworten sind hierbei nicht auf bell hooks beschränkt - auch Zitate von Audre Lorde oder Rosa Luxemburg dürfen zum Umdenken anstoßen.

Auftritt der Telefeministinnen (Screenshot): Zitate von Rosa Luxemburg

Auftritt der Telefeministinnen (Screenshot): Zitate von Rosa Luxemburg

Laut eigener Angaben wurde die hooks-Hotline im Fahrwasser des #YesAllWomen-Hashtags entwickelt - der Netzbewegung, die seit des tödlichen Amoklaufs in Kalifornien auf die anerzogene Gefahrensensibilität aller Frauen hinweist. "Tech to protect"- lautet nun auch die Devise jener cleveren Programmierleistung. Aber wie alle Schutzmaßnahmen, so lustig oder nebensächlich sie für manche scheinen mögen, lädt auch die kongeniale Netz-Initiative dazu ein, den Blick auf das eigentliche Problem zu lenken. "Weil wir in dem Wissen erzogen werden, dass eine falsche Telefonnummer anzugeben oft sicherer ist, als eine persönliche Abfuhr zu erteilen", heißt es da unter anderem auf dem Blog der Gruppe.

Herrschaftsansprüche haben in der Liebe nichts verloren

Die Situation kommt vielen bekannt vor und könnte eigentlich so einfach sein. Wenn ein Mann eine Frau kennenlernen möchte, wird ihm die Frau durch Mimik, Gestik oder verbal zu verstehen geben, wenn sie daran kein Interesse hat. Dass auch deutliche Signale oft nicht richtig interpretiert werden, sondern häufig noch aufdringlicheres Baggern hervorrufen, liegt an der noch immer weitverbreitenden Mär von der sich zierenden holden Maid. Abgesehen davon, dass auch ein freundliches Lächeln nicht unbedingt den sehnlichen Wunsch ausdrückt, abgeschleppt zu werden, wird Desinteresse auch im 21. Jahrhundert noch gern als weibliche Flirttechnik gedeutet.

Folgt schließlich die obligatorische Frage nach der Handynummer, sollten spätestens hier die Alarmglocken läuten. Mit einem höflichen Nein lässt sich ein selbsternannter Frauenheld nicht abwimmeln. So willigt die Frau meist ein. Um des lieben Friedens willen.

Als Faustregel beim Flirten sollte aber grundsätzlich gelten: Die interessierte Partei gibt ihre eigene Nummer weiter. Dazu müssen Kontaktsuchende selbstbewusst genug sein, sich in eine Situation zu begeben, die sie nicht kontrollieren können. Ein von der Hotline verwendetes Zitat von bell hooks bringt das schön auf den Punkt: "Whenever domination is present, love is lacking." Herrschaftsansprüche haben in der Liebe nichts verloren.

Dass Abgewiesene jedoch nicht nur hartnäckig, sondern auch gewalttätig reagieren können, ist die Schattenseite dieser Situation. Zuletzt hat uns dies der Amoklauf in Santa Barbara brutal vor Augen geführt.

"Überdenke dein aufdringliches Verhalten!"

Im regen Zuspruch auf die Feminist Phone Intervention zeigt sich ebenso wie in der rasend schnellen Verbreitung des #YesAllWomen-Hashtags, dass zwar nicht alle Männer im Alltag aggressiv auf Ablehnung reagieren, aber alle Frauen mit solch einem Verhalten rechnen müssen.

Vielleicht ist es naiv zu glauben, dass penetrante oder gar gewalttätige Aufreißer ihr Verhalten durch intellektuelle Anregungen grundsätzlich ändern werden. In der deutschen Version, deren anfängliche Zitatauswahl teilweise kritisiert wurde, gibt es nun noch deutlichere Reaktionen. SMS-Antworten wie: "Niemand hat ein Anrecht auf meine Aufmerksamkeit, überdenke dein aufdringliches Verhalten!" senden eine direkte Botschaft.

Sind falsche Nummern nicht der falsche Weg?

Manche mögen es auch als feige empfinden, dem Gegenüber keine persönliche Antwort und dadurch die Möglichkeit zur Verteidigung zu geben. Wäre es nicht besser, anstatt fadenscheiniger Ausreden oder falscher Telefonnummern zur eigenen Position zu stehen? Zugegeben, das wäre es. Allerdings nur, wenn Frauen sich nie mehr bedroht fühlen müssten.

Bei aller Kritik dürfen hier Ursache und Wirkung nicht verwechselt werden. Es kann ja nicht Aufgabe der Frau sein, jeden dahergelaufenen Schürzenjäger aufzuklären. Wenn sich eine Frau dazu entscheidet, ihre Zeit und Energie in eine gesamtgesellschaftliche Emanzipation zu stecken, dann ist das eine schöne Sache. Die Verantwortung, am eigene Verhalten zu schrauben, obliegt aber noch immer dem Verursacher der Situation.

Die Fake-Nummer erlaubt es Frauen, sich selbst und ihre Daten zu schützen und in ungewollten Situationen nicht die Kontrolle zu verlieren. Sie ist dabei beileibe keine Problemlösung, sondern potenziell subversives Hilfsmittel - nicht mehr und nicht weniger.

Zur Autorin
    Dominique Haensell ist freie Mitarbeiterin des "Missy Magazine" und Doktorandin der Nordamerikastudien. Sie lebt in Berlin, schreibt über Politik und Popkultur und promoviert zu zeitgenössischen Kosmopolitismustheorien. Für SPIEGEL ONLINE berichtet sie im Wechsel mit Chris Köver, Sonja Eismann und Katrin Gottschalk als netzfeministische Korrespondentin.



insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
wackerdurchsaufen 24.06.2014
1. Tolle Idee ...
Zitat von sysopDPAEine falsche Handynummer stellt aufdringliche Verehrer zu feministischen Botschaften und Zitaten durch. Das ist keine Problemlösung, schreibt eine Autorin des "Missy Magazine", aber ein potenziell subversives Hilfsmittel. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/handy-fake-nummer-fuer-unerwuenschte-aufreisser-a-976967.html
Wo gibt´s das für Männer?
niska 24.06.2014
2.
Zitat von wackerdurchsaufenWo gibt´s das für Männer?
Fragen Sie dazu Ihren Gleichstellungsbesauftragten.
salobrena 24.06.2014
3. Ziemlich erbärmlich ...
... in einer Zeit der Gleichberechtigung wollen wir per Gewaltmaßnahme (Quote) angeblich befähigte Frauen in Führungspositionen heben ... aber ein einfaches Nein durchzusetzen ist nicht drin. Männer erlangen die Spitze, weil sie kämpfen und nicht weil sie nach feigen Ausreden und Ausflüchten suchen.
miss.parker 24.06.2014
4. Nein heisst Nein
Zitat von salobrena... in einer Zeit der Gleichberechtigung wollen wir per Gewaltmaßnahme (Quote) angeblich befähigte Frauen in Führungspositionen heben ... aber ein einfaches Nein durchzusetzen ist nicht drin. Männer erlangen die Spitze, weil sie kämpfen und nicht weil sie nach feigen Ausreden und Ausflüchten suchen.
Nur leider gibt es immer wieder Männer, die ein ganz eindeutiges Nein als Abfuhr nicht akzeptieren. Sie glauben nicht, wieviele Neins ich schon ausgesprochen habe, das männliche Gegenüber dies aber nur als "Herausforderung" angesehen hat. Das war nicht schön und ist mir sehr unangenehm. Selbst umdrehen und weggehen hat bei einigen Exemplaren nicht geholfen. Und die Wahrheit -ich stehe nicht auf Männer- ist sowas wie eine zusätzliche Einladung und endete meist noch unschöner. Ich habe nun im Notfall einen Mann und zwei Kinder, das hilft auch.
pfzt 24.06.2014
5.
Zitat von sysopDPAEine falsche Handynummer stellt aufdringliche Verehrer zu feministischen Botschaften und Zitaten durch. Das ist keine Problemlösung, schreibt eine Autorin des "Missy Magazine", aber ein potenziell subversives Hilfsmittel. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/handy-fake-nummer-fuer-unerwuenschte-aufreisser-a-976967.html
Tja, dann bleiben wir halt in Zukunft alle alleine.
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