Enzensberger und die Digitalisierung Sack gemeint, uns alle getroffen

Hans Magnus Enzensberger wettert gegen die Digitalisierung und die Sprache derer, die sie vorantreiben. Dabei gerät ihm leider einiges durcheinander. Replik auf einen Wutausbruch.

Hans Magnus Enzensberger
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Wenn man einen Wutausbruch hat, bringt das ja oft eine gewisse argumentative Unschärfe mit sich, oder man wirft Dinge in einen Topf, die gar nicht zusammengehören. Manchmal schlägt der Wütende auch so um sich, dass er dabei Umstehende erwischt, denen er eigentlich gar nichts Böses wollte.

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Heft 16/2016
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Es passt deshalb gut, dass der Gastbeitrag von Hans Magnus Enzensberger im aktuellen SPIEGEL neben der Überschrift "Elektronik als Massenbetrug" den Untertitel "Ein Wutausbruch" trägt. Enzensberger geht in dem Text, mit dem er eine lose Reihe von kritischen Wortmeldungen zum Thema Digitalisierung fortsetzt, hart mit der Gegenwart ins Gericht. Und erwischt dabei zwangsläufig fast alle, die in dieser Gegenwart leben.

Das eigentliche Ziel von Enzensbergers Zorn sind Firmen, die elektronische Geräte herstellen und "Unternehmen, die der Kommunikation dienen sollen", kurz "die IT-Branche". Zu deren Geschäftsgrundlage gehöre es, schreibt er, "sich möglichst unverständlich auszudrücken": "Was einen Bitkom von einem Bitcoin und einer Blockchain unterscheidet, soll sich nur dem Fachmann erschließen." Was Enzensberger eigentlich meint, ist aber: Er selbst versteht die Welt nicht mehr. Und das kann einen durchaus wütend machen.

"Formulierungen wie Spotify und Instagram"

Schön zeigen das die Beispiele, die der Dichter, Dramatiker, Essayist, Übersetzer und Herausgeber aus dem offenbar umfangreichen Fundus des ihm Unverständlichen herausgegriffen hat, um den "eigenartigen Soziolekt" der "Propagandisten der Digitalisierung" zu illustrieren. Enzensberger stört sich zum Beispiel an "Formulierungen wie Spotify, Instagram, Snapchat, Matse, Bot, Iversity, Moocs, d!conomy und EyeEm". Das sind, in dieser Reihenfolge: drei Unternehmensnamen, die Abkürzung für den Beruf des mathematisch-technischen Softwareentwicklers, ein Wort für ein autonom agierendes Stück Software, eine Plattform für Onlinekurse, eine Abkürzung für solche Kurse, ein für die IT-Messe Cebit erdachtes Werbekunstwort und noch mal ein Unternehmensname.

Es ist nicht die letzte solche Aufzählung im Text, Enzensberger lässt wütend auch noch Abkürzungen für veraltete und aktuelle Standards zur Übertragung von Videobildern, Internet-Überlastungsangriffe, Arbeitsspeichermodule und den Namen eines amerikanischen Musik- und Technikfestivals auftreten.

Ob ihn Abkürzungen und "Formulierungen" wie Chevrolet, VW, AEG, MGM, BMW, ABS, Edeka, Langnese, Pleuelstange, Glühzünder-Zweitakter oder Desoxyribonukleinsäure, die nicht der digitalen Gegenwart entstammen, ähnlich verärgern, teilt der Autor nicht mit.

Ein Symptom dafür, dass wir alle betrogen werden

Dafür muss auch noch der Begriff "Update" herhalten, eine im Englischen bereits im 19. Jahrhundert gebräuchliche Bezeichnung dafür, jemanden auf den aktuellen Informationsstand zu bringen. Für Enzensberger ist das Wort dagegen ein weiteres Beispiel für diese "Geheimsprache, deren Grundlage eine Art Pidginenglisch ist". Der Begriff "könnte in der Umgangssprache auch ein Rendezvous bedeuten, das hoch hinaus will", scherzt er, "während es bei Computerleuten für eine Optimierung oder Aktualisierung der Software steht".

So geht es immer weiter, der Begriff und auch das Konzept von "Cyborgs", also technisch unterstützter Menschen, erregt ebenso Enzensbergers Verärgerung wie die Verwendung des Begriffs "intelligent" für irgendwelche Geräte oder Dienste, von Künstlicher Intelligenz (KI) ganz zu schweigen. All diese ärgerlichen und verwirrenden Begriffe, Konzepte und Entwicklungen sind, darum scheint es zu gehen, für den Autor ein Symptom: dafür, dass die Konzerne uns weismachen wollen, die "nächste, unwiderstehliche Revolution" sei ausgebrochen, "und wehe dem, der zögert, sich ihr anzuschließen".

Wann ist Molière gestorben?

Abgekürzt könnte man sagen: Enzensberger, der selbst nach eigenem Bekunden kein Smartphone besitzt, hält die ganze Gegenwart für einen Schritt in die falsche Richtung. Dass so viele andere das nicht so sehen, muss an den Manipulationen der Konzerne aus dem Silicon Valley liegen, deshalb: "Massenbetrug".

Und da liegt das Problem: Wenn Betrug vorliegt, dann muss es auch Betrogene geben. Das sind, anders kann man Enzensbergers Text kaum deuten, wir alle, die wir mitmachen bei dem ganzen Unsinn, und womöglich gar nichts dabei finden, wenn eine Firma Spotify oder Snapchat heißt. Wir, die Smartphones nicht deshalb benutzen, weil Google oder Apple uns das so befohlen haben, sondern weil sie so unheimlich nützlich sind. Weil wir jetzt immer wissen, wo wir gerade sind, auch in der Fremde, weil wir unseren Eltern jederzeit Fotos ihrer Enkel schicken können, weil wir nicht mehr stundenlang darüber diskutieren müssen, wann Molière gestorben ist, weil wir diese und jede beliebige andere Information immer in der Tasche bei uns tragen.

Enzensbergers Text ist eine Generalabrechnung mit der vernetzten Gegenwart, von der Sorte , die man eigentlich als seit Jahren überwunden betrachtet hatte. Wer aber die Gegenwart als solche verachtet, der verachtet, zumindest in einer freiheitlichen Demokratie, immer auch ihre Bewohner.

Enzensberger hat in den Siebzigerjahren einmal Molières böse Gesellschaftssatire "Der Menschenfeind" in einer gefeierten Übersetzung in die damalige Gegenwart verpflanzt. Vielleicht gibt es ja bald noch eine weitere Übersetzung für das digitale Heute. Ein Update sozusagen.



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spon-48t-823r 20.04.2016
1. Verwirrt und abgehängt
wirkt Enzensberger Ausbruch auf mich. Was stört er sich an Fachvokabular, das von Fachleuten untereinander benutzt wird? Einer Diskussion von Chemikern oder Betriebswirten untereinander wird er auch schwerlich folgen können. Nicht mangels Intellekt, sondern mangels glossarischer Kenntnisse. Das ist normal und nichts schlimmes.
gerd0210 20.04.2016
2.
Nun, ich kann ihn verstehen. Wenn analog bedeutet, da ist etwas im Ganzen gelassen, also unversehrt geblieben, dann bedeutet digital eben: Da wurde etwas verhackstückt. Das klingt etwas nach Hackfleisch, aus vielen kleinen Teilen zu etwas Neuem zusammengefügt. Guten Appetit.
frankn.stein 20.04.2016
3. Breaking News:
Old Man yells at cloud! Zitat: Die Simpsons.
seiplanlos 20.04.2016
4. bei
Das Wort Update hat es geschafft, das normale Sätze sehr unschön klingen. => Ich habe meinen Rechner geupdatet => Ich habe meinen Rechner aktualisiert mir kann keiner sagen, das er die erste Version schöner findet und flüssiger aussprechen kann.
Fackus 20.04.2016
5. leider !
"Enzensbergers Text ist eine Generalabrechnung mit der vernetzten Gegenwart, von der Sorte , die man eigentlich als seit Jahren überwunden betrachtet hatte." Leider werden kritische Geister zum Thema nicht mehr gehört. Ich habe selbst einen IT-Master-Abschluss und muss gerade auch darum konstatieren: Der Mann hat recht.
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