Von Matthias Kremp
Microsofts kommendes Betriebssystem Windows 8 war der heimliche Star der Unterhaltungselektronikmesse CES: Eine Vorabversion lief auf etlichen ausgestellten Rechnern, Microsoft-Chef Steve Ballmer kündigte eine öffentliche Betaversion für Ende Februar an. Das lässt vermuten, dass der Konzern mit der Entwicklung gut vorankommt und nicht mehr allzu weit vom Endprodukt entfernt ist. Tatsächlich gibt Microsoft fast täglich neue Details zu Windows 8 preis. Jetzt wurden die Hardwareanforderungen des Systems bekannt, die vor allem erahnen lassen, wie Windows-8-Tablet-PC aussehen werden.
Leicht macht es der Konzern Hardware-Entwicklern damit aber nicht. Fast 300 Seiten umfassen die "Windows 8 System Requirements", die Microsoft auf der Website "Entwicklungscenter Hardware" veröffentlicht hat. Auf weiteren 943 Seiten sind die "Windows 8 Device Requirements" dargelegt. Verwunderlich: Obwohl die Dokumente bereits im Dezember online gestellt wurden, sind sie erst jetzt publik geworden.
Hardware-Entwicklern wird darin haarklein vorgegeben, welche Einzelheiten sie zu beachten haben, wenn sie das Windows-8-Logo auf ihre Produkte kleben wollen. Spannend ist dabei vor allem, welche Spezifikationen Microsoft für Tablet-Computer vorgibt. Der Konzern definiert für jedes wichtige Bauteil, was es können und wo es angebracht werden muss.
Reichlich Raum widmet Microsoft dabei Tablets und einer besonderen Geräteklasse namens Convertible PC. Das sind Tablets mit integrierter Tastatur, die man unter den Bildschirm klappen kann. Beiden Varianten ist gemein, dass ihre Bildschirmauflösung mindestens 1366 x 768 Pixel betragen muss. Damit ist einerseits ein Seitenverhältnis von 16:9 vorgegeben, andererseits die Fähigkeit HD-Filme bildschirmfüllend darzustellen. Dazu passt auch die Minimalanforderung für Webcams, welche mindestens die HD-Auflösung 720p bieten müssen. Billige VGA-Kameras fallen damit aus dem Raster - und das ist gut.
Mindestens zehn GB freier Speicher werden von Microsoft nach der Windows-Installation vorausgesetzt, zum Standard gehören Magnetfeldsensoren, Beschleunigungsmesser, ein Lage- und ein Lichtsensor. Zusätzlich zu W-Lan muss Bluetooth in der neuen Version 4.0 integriert sein.
In seinen Vorgaben legt der Konzern für einige Tasten sogar fest, wie groß sie sein müssen, wo sie liegen und wie sie sich anfühlen müssen. Neben Einschaltknopf, Lautstärkewippe und einem Knopf, der die Bildschirmausrichtung arretiert, muss eine Windows-Taste am Gehäuse angebracht werden. Weitere Hardware-Tasten sind nicht erlaubt.
Fünf Finger müssen es sein
Offensichtlich geht Microsoft davon aus, dass die Nahfunktechnik NFC (Near Field Communication) in vielen Windows-8-Rechner zu finden sein wird. Sollte ein Hersteller diese Technik einbauen, schreibt Microsoft vor, dass die Lage der NFC-Antennen auf dem Gehäuse markiert werden muss. Eine sinnvolle Vorgabe angesichts der geringen Reichweite von NFC.
Außerdem wird für Touch-PC und Tablets festgelegt, dass sie mindestens fünffach Multitouch-fähig sein müssen. Der Touchscreen soll also in der Lage sein, die Bewegungen von mindestens fünf Fingern gleichzeitig interpretieren zu können. Eine unverzichtbare Fähigkeit, will man ein umfangreiches Set an Fingergesten zur Steuerung des PC bieten.
Viele aktuelle Touchscreen-PC entsprechen deshalb nicht Microsofts Vorgaben, denn sie können oft nur mit einem oder zwei Fingern gesteuert werden. Das muss aber nicht bedeuten, dass das neue Windows nicht auf diesen Rechnern läuft. Microsoft-Sprecher betonen, Windows 8 werde auf jedem Computer funktionieren, auf dem auch Windows 7 läuft. Nur kann man dann möglicherweise nicht alle Funktionen nutzen, die das System auf zertifizierten Computern mit Windows-8-Logo bieten würde.
Droht ein Windows-Einheitsbrei?
Andere Windows-8-Fähigkeiten dagegen werden unabhängig von der Hardware auf jedem PC nutzbar sein. So zum Beispiel die neue Technik, Treibersoftware zu installieren, ohne dass ein Neustart nötig ist. Oder das digitale Rechtemanagement DRM (Digital Rights Management), mit dem Inhalteanbieter beispielsweise Filme und Musik vor unerlaubten Kopieraktionen schützen - und Nutzer nerven - können.
Insgesamt erinnern Microsofts Windows-8-Vorgaben an die noch rigideren Richtlinien des Konzerns für Windows-Phone-7-Handys. Der Softwarekonzern gibt PC-Herstellern ein sehr enges Korsett vor. Insbesondere Windows-8-Tablets dürften im ersten Anlauf ähnlich gleichförmig werden wie es Windows-Smartphones bis heute sind. Die strikten Regeln, mit denen Microsoft ein einheitliches Nutzungserlebnis für seine Software festschreiben und sich selbst Software-Updates erleichtern will, machen es Nutzern leicht, sich auf unterschiedlichen Geräten zurechtzufinden.
Hardware-Hersteller stehen dagegen vor der Aufgabe, ihre Windows-8-Tablets trotz all der Vereinheitlichung einzigartig zu machen. Wie schwer das sein kann, hat man bei den Windows-Handys gesehen. Nokias Lumia 8 war der erste echte Star unter diesen Geräten, es hebt sich zwar nicht technisch, aber zumindest optisch klar von der Masse der Konkurrenzmodelle ab.
Mit Windows 8 dürfte es für Hersteller leichter werden, ihre Tablets und Convertible PC durch Hardware-Verbesserungen abzuheben, die über Microsofts Minimalvorgaben hinausgehen. Höhere Auflösung, mehr Speicher - solche Besonderheiten werden naturgemäß teuer sein.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gadgets | RSS |
| alles zum Thema Microsoft Windows | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH