Ifa in Berlin Solche Probleme muss man sich leisten können

"Innovation für ein besseres Leben", heißt es zur offiziellen Eröffnung der Elektronikmesse Ifa. Aber nur für jene, die schon ein gutes haben. Die Visionen der Aussteller: technische Lösungen für Probleme, die viele gerne hätten.

Samsungs Ifa-Stand
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Samsungs Ifa-Stand

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Ein junger Mann spricht mit seinem smarten elektronischen Styleberater, es geht um die Grillparty am Abend: "Im T-Shirt wird mir kalt, ich habe Schnupfen", sagt der Mann. Der Styleberater empfiehlt einen Schal. "Den habe ich verloren. Kauf mir einen neuen, der so ähnlich aussieht."

Willkommen in der Zukunft in der Version von LG. Zwei seiner Topmanager hatte der koreanische Konzern nach Berlin entsandt, um die Eröffnungsrede der Ifa zu halten: CEO Jo Seong-jin und Technikchef I.P. Park. Eine Grundsatzrede sollte es sein, über die Veränderung der Welt durch 5G, Big Data und natürlich maschinelles Lernen (das auf der Messe niemand so nennt, weil "künstliche Intelligenz" viel glamouröser klingt). Die Geschichte des jungen Mannes und seiner sprechenden Möbel war Teil des Auftritts, in Form eines Videos.

Ist Schnupfen ein Problem, das künstliche Intelligenz lösen muss?

Park sprach von "Innovation für ein besseres Leben", es war so etwas wie sein Leitmotiv. Auf der Ifa heißt das: ein besseres Leben für jene, deren größte Probleme Grillpartys, ein kühler Abendwind und Schnupfen sind. Und nicht etwa Hunger, Klimawandel und Malaria. Lieber reich und gesund als arm und krank - so hätte die Rede auch überschrieben sein können.

Das Leben wird in der Erzählung von LG besser, wenn man sich im Auto zu Hause fühlt, auch wenn man auf dem Weg ins Büro im Stau steht. Wenn die Klimaanlage zu Hause von selbst merkt, in welchem Zimmer man sich aufhält. Wenn der Fernseher Tipps zum Kofferpacken für die nächste Fernreise gibt.

Kein Wort dazu, dass das eigentliche Problem an Staus nicht die Temperatur im Auto ist. Dass es Jobs gibt, die nicht in Büros ausgeübt werden. Dass Klimaanlagen ebenso wenig eine Lösung für den Klimawandel sind wie Fernreisen. Auf wessen Kosten "das bessere Leben" einiger weniger geht und dass weltverändernde Technik auch Verlierer kennen kann, bleibt unerwähnt.

Nur einmal präsentieren die LG-Manager etwas, das mehr löst als ein First-World-Problem: ein Exoskelett, das gebrechlichen oder gelähmten Menschen das Gehen ermöglicht.

Die größte Sorge der Millennials ist nicht die nächste Dinnerparty

Auf Samsungs Pressekonferenz am Vortag klang es ähnlich. Zwar ging es unter anderem um die Lebensverhältnisse der Millennials, von denen auch in Europa sehr viele noch bei ihren Eltern oder in Wohngemeinschaften leben. Doch in Samsungs Welt ist deren größtes Problem die Instagram-taugliche Aufmachung von Dinnerpartys, das aber zum Glück der smarte Kühlschrank löst.

Hallo, Samsung: Millennials leben nicht bei ihren Eltern, weil deren Küche eine tolle Partylocation ist, sondern weil sie keine Jobs finden, die genug für die Miete einer eigenen Wohnung einbringen. Sie arbeiten nicht am Küchentisch, weil der Ofen so umwerfend schön designt ist. Würde man ihnen eine Festanstellung anbieten statt ständig neuer "Gigs", und wären die Mieten in den Städten nicht jenseits von Gut und Böse, sie würden sofort ausziehen. Könnten smarte Maschinen und Big Data auch etwas daran ändern?

Nun geht es auf der Ifa vorwiegend um "Consumer Electronics" - und ohne Geld kann man schlecht konsumieren. Es ist auch nachvollziehbar, dass die Entwicklung neuer Technik teuer ist und die ersten Produkte nur für Wohlhabende erschwinglich sind. Mit der Zeit gibt es meist einen "Trickle-down-Effekt", dann können auch weniger reiche Menschen davon profitieren. Aus diesem Grund ist die Technikberichterstattung - auch die von SPIEGEL ONLINE - so auf die neuesten Geräte und Dienste fixiert: Sie zeigen, was mittelfristig alltäglich werden wird.

Aber wenn die Chefs von LG, Samsung oder der Executive Director der Ifa ihre Visionen darlegen, wie Technik "das" Leben, "die" Menschen und "die" Welt verändern wird, sollen sie ehrlich sein. Und erwähnen, dass sie damit zunächst einmal nur das gute Leben, privilegierte Menschen und die Erste Welt meinen.



insgesamt 37 Beiträge
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fratan666 31.08.2018
1. Und nun?
Was will mir der Autor dieses Beitrages sagen? Hat irgendwer geglaubt, das auf der IFA nun zukünftig die Lösungen für alle Probleme dieser Welt vorgestellt werden? Ganz weit am Thema vorbei...
Planquadrat 31.08.2018
2. Was
soll mir das nützen, wenn meine Waschmaschine mir per Smartphone mitteilt, dass sie fertig ist? Entweder ich bin zu Hause, dann höre ich den Signalton, bin ich nicht zu Hause, dann ist diese Information ebenfalls nichts, das ich dann unbedingt wissen müsste. Das gilt auch für eine vernetzten Kühlschrank und andere unsinnige, sogenannte Innovationen, die den Alltag mehr und mehr digitalisieren wollen. Auf Dauer kann eine solche ständige Vernetzung mehr Lebensqualität rauben als bringen.
titoandres 31.08.2018
3. @fratan666
Ganz einfach. Der Autor will Ihnen (bzw. eigentlich denjenigen, die Interesse am Artikel haben) sagen, auf der IFA würden technische Lösungen für banale Scheinlösungen präsentiert. Was gibt es da nicht zu verstehen?
ein-berliner 31.08.2018
4. Es geht noch besser
Warum nicht noch mehr Verschlüsselung für jeden Unsinn, damit noch mehr Profit generiert werden kann. Merkwürdig aber wenn die gesamte schlaue Industrie nicht einmal das Auto vor jedem hergelaufenen Dieb schützen kann. Nicht umsonst heißt es ja keyless go und go und go.
noahsk 31.08.2018
5. "Millenials" als Opfer der Immobilienhaie?
Verzeihung, wenn ich es so klar sage - es trifft nicht auf alle von ihnen zu. Aber viele dieser sogenannten Millenials leben noch zuhause, weil sie niemals ein Maß ein Selbstständigkeit erlernt haben, in der sie ausziehen könnten oder wollten. Gerade die bereitwillige Unterstützung, stellenweise auch Verhätschelung, durch Eltern, die ihre Kinder als verlässliche Anlegemöglichkeit sehen, sorgt dafür, dass diese jungen Leute denken, Geld spiele keine Rolle. Irgendwann fallen sie auch auf den harten Boden der Tatsachen, aber bis dahin wird die IFA immer "First World Problems" angehen. Und zwar weil zum einen nur die auch wirklich bei der Zielgruppe ankommen und zum anderen, weil in Ermangelung von Wissen über die Realität von Immobilien, Steuern und Co. der technische Schnick-Schnack das A und O für die "Millenials" wird. Aber natürlich bestätigen da die Ausnahmen die Regel.
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