Von Matthias Kremp
Woran erkennt man, dass Apple bald ein neues iPhone-Modell vorstellen wird? Online-Marktplätze bersten fast vor einem Überangebot an gebrauchten iPhones. Allein die deutsche Ausgabe von Ebay listet mehr als 4500 vertragsfreie iPhone-Angebote. Offensichtlich bereiten sich viele Fans darauf vor, bald ein neues Apple-Handy zu erwerben. Den Anlass für die Verkaufseuphorie hat Apple selbst geliefert: Vergangene Woche verschickte der Konzern Einladungen zu Veranstaltungen in San Francisco und London an Medienvertreter.
"Es ist bald hier", lautete die Überschrift, darunter war eine große Zwölf als Datum genannt, deren Schatten eine Fünf bildete. Das lässt keine Frage offen: Apple wird am 12. September das iPhone 5 vorstellen. SPIEGEL ONLINE wird am Mittwoch ab 19 Uhr live von der Veranstaltung berichten und die ersten Details zur sechsten iPhone-Generation liefern.
Doch schon jetzt kann man sich aus den seit Monaten kursierenden Gerüchten und Berichten ein ungefähres Bild davon machen, wie das nächste Apple-Handy aussehen, mit welchen Funktionen es ausgestattet sein wird. Die wichtigsten Eckdaten haben wir im folgenden zusammengefasst:
iOS 6
Mit dem neuen iPhone wird Apple auch eine stark überarbeitete Version seines Mobilbetriebssystems iOS einführen. Mehr als 200 neue Funktionen soll die Software enthalten, die auch für ältere iPhones, iPads und den iPod touch verfügbar werden wird. Die sprachgesteuerte Assistenzfunktion Siri wird darin verbessert, Apple-eigene Landkarten und die Ticket-App Passbook eingeführt. Die bisher vorinstallierte YouTube-App soll dagegen nicht mehr zum Lieferumfang gehören. Laut Apple ist die Lizenz dafür abgelaufen. Ein großer Verlust ist das freilich nicht. Gerade erst hat Google eine neue Version der YouTube-App für iOS angekündigt, die man bald auch aus dem deutschen App Store wird laden können.
Wahrscheinlichkeit: sicher
Display
Der Bildschirm des neuen iPhones muss größer werden. Während die Konkurrenz sich mit Displays von bis zu 5,5 Zoll in Richtung Tablet-Format entwickelt, hält Apple seit 2007 an 3,5 Zoll Bildschirmdiagonale fest. Zu erwarten ist, dass der Bildschirm auf etwa vier Zoll erweitert, dabei aber nicht viel breiter als bisher wird. Auf diese Weise könnte einerseits die zur Verfügung stehende Bildschirmfläche erweitert werden, um einer weiteren Reihe Icons Platz zu schaffen. Andererseits bliebe die Ergonomie des 3,5-Zoll-Formats annähernd erhalten.
Wahrscheinlichkeit: hoch
LTE
Eine neues iPhone ohne LTE (Long Term Evolution), ist kaum denkbar. Sowohl in den USA als auch in Europa gilt der schnelle Datenfunk als nächste Ausbaustufe der Mobilnetze. Bis zu 100 MBit/s können die Mobilfunknetze der vierten Generation übertragen, übertreffen damit DSL-Anschlüsse. Das aktuelle iPad ist bereits mit dieser Technik ausgestattet, kann sie aber nur in US-Netzen nutzen. Beim iPhone 5 dürfte dies zu Ende sein. So wie Nokias neues Windows-Handy Lumia 920 wird es vermutlich mit einem Pentaband-LTE-Chip ausgestattet sein, der weltweit funktioniert.
Genau diese Fähigkeit könnte Apple aber neuen Ärger einbringen. Sowohl Samsung als auch HTC planen angeblich, die Kalifornier wegen ihrer LTE-Patente zu verklagen, sollte das iPhone 5 tatsächlich LTE-Technik enthalten.
Wahrscheinlichkeit: hoch
NFC
Bei Sony, Samsung, Nokia und Co. gehört der Kurzstreckenfunk NFC mittlerweile zur Grundausstattung besserer Smartphones. Die Technik hilft, drahtlose Verbindungen zu Lautsprechern, Headsets oder anderen Handys aufzubauen, sie könnte auch zum Bezahlen genutzt werden.
Noch sind die Einsatzmöglichkeiten allerdings begrenzt. Zudem wäre es naheliegend, wenn Apple NFC erst einführen würde, wenn es auch passende Apple-Peripheriegeräte dafür gäbe.
Wahrscheinlichkeit: mittel
Dock Connector
Der Dock Connector, den Apple vor Jahren eingeführt hat, um alle i-Geräte mit einem Standardstecker zu bestücken, wird vermutlich von einem viel kleineren Stecker abgelöst. Das verschafft Apple Platz für Veränderungen am Gehäuse und mehr interne Bauteile, macht aber auch alle bisherigen Zubehörgeräte, die den Dock Connector verwenden, inkompatibel. Apple wird einen Adapter anbieten, der eine Zwischenlösung bietet. Ein Coup wäre es, wenn sich Gerüchte bestätigen, wonach der neue Connector kompatibel zu Mini-USB ist. Dann wäre man zum Aufladen des Akkus nicht mehr auf Apples Spezialkabel angewiesen.
Wahrscheinlichkeit: hoch
Prozessor
Ein neues System, ein neuer Prozessor. Während beim iPad 3 noch eine verbesserte Variante des A5-Chips aus dem iPhone 4S zum Einsatz kommt (der A5X), könnte im iPhone 5 bereits ein neuer Chip mit Quadcore-Technik Eingang finden. Die logische Bezeichnung wäre A6.
Wahrscheinlichkeit: mittel
Nano-Sim
Als Apple mit dem iPhone 4 die Jahrzehnte alten Mini-Sims durch Micro-Sims ersetze, ging ein Aufstöhnen durch die Reihen der Nutzer. Kaum ein Netzbetreiber konnte die neuen, kleineren Handykarten liefern. So griffen viele iPhone-Käufer zur Schere und schnipselten ihre alten Karten klein - das funktioniert, wenn man es vorsichtig macht, tatsächlich. Mittlerweile sind die platzsparenden Micro-Sims auch bei anderen Herstellern weit verbreitet. Nun könnte Apple erneut voranschreiten und als erster sogenannte Nano-Sims verwenden, die 40 Prozent kleiner sind als Micro-Sims. Laut iphone-ticker.de hat die Telekom bereits begonnen, Vertriebspartnern solche Karten zuzusenden, verbunden mit dem Hinweis: "Geben Sie diese nicht an Kunden heraus. Wir informieren Sie in Kürze über die weitere Vorgehensweise."
Wahrscheinlichkeit: hoch
Speicher
Bisher gibt es das iPhone 4S in Varianten mit 16, 32 und 64 GB Flash-Speicher. Einige Blogs orakeln nun, es werde künftig auch eine Version mit 128 GB geben. Der Wunsch ist verständlich, ob er aber erfüllt wird, ist fraglich. Ein 128-GB-iPhone müsste noch teurer sein als es die bisherigen Modelle schon sind, würde möglicherweise über 900 Euro kosten.
Wahrscheinlichkeit: gering
Wann geht's los?
Fast sofort, aber eben nur fast. Bestellungen wird Apple sofort nach der offiziellen Vorstellung des neuen Modells am Mittwochabend auf seiner Website entgegennehmen. In Läden wird man es aber erst gut eine Woche später sehen. Gerüchte deuten auf den 21. September als Verkaufsbeginn beziehungsweise Auslieferungstag für Bestellungen hin. Das würde passen, in den vergangenen Jahren hat Apple stets an einem Freitag in der Woche nach der Produktvorstellung mit dem Verkauf der neuen iPhone-Modelle begonnen.
Kollateralschaden
Mindestens ein Opfer wird der Fortschritt fordern: das iPhone 3GS. Seit drei Jahren bietet Apple das einstige Top-Modell an, mittlerweile wird es als Lowcost-iPhone für 369 Euro verkauft. Die technischen Daten des Smartphone-Oldies - 8-GB-Speicher, 3-Megapixel-Kamera, 600-MHz-Prozessor - sind zu weit von dem entfernt, was man heute von einem guten Handy erwartet. Abgeschrieben werden Besitzer des 3GS indes nicht: Das neue iOS 6 soll auch auf dem alten Modell noch laufen. Die Ablösung könnte das iPhone 4S in der 16-GB-Version antreten, mit dem iPhone-Einstiegskunden die meisten iOS6-Funktionen und außerdem Siri nutzen könnten.
Und was kommt noch?
Glaubt man Digitimes, einer oft gut informierten Branchen-Website, die von Taiwan aus über die Entwicklungen in der Computerindustrie berichtet, wird es am Mittwochabend nicht bei einem neuen iPhone und iOS6 bleiben. Am 10. September meldete die Seite, Apples Zulieferer hätten mit der Massenfertigung neuer iMacs und eines kleineren Macbooks mit Retina-Display begonnen. Dringend nötig wäre eine solche Überarbeitung, denn das letzte Hardware-Update der All-in-one-Rechner liegt mehr als ein Jahr zurück. Mit einer Einführung Ende September kämen die neuen Modelle gerade rechtzeitig für das umsatzstarke Quartal zu Beginn des neuen Schul- beziehungsweise Studienjahres.
Und was kommt nicht?
Ein kleines iPad. Gerüchte, Apple arbeite an einer kleineren und billigeren Variante seines Tablet-Rechners halten sich seit langem hartnäckig. Apple-Mitgründer Steve Jobs hat ein solches Modell vehement abgelehnt und dazu gesagt: "So etwas ist nutzlos, außer man legt ihm Sandpapier bei, damit die Anwender ihre Finger auf ein Viertel ihrer Größe abschleifen können."
Mittlerweile aber sind kleine Tablets wie Amazons Kindle Fire und Goolges Nexus 7 immens erfolgreich. Will Apple nicht langfristig Kunden an Hersteller solcher Geräte verlieren, ist ein 7-Zoll-iPad wohl unausweichlich. Am 12. September jedoch wird man es nicht zu sehen bekommen. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit soll hier ganz auf das neue iPhone fokussiert werden. Ein iPad-Update könnte Apple vier bis sechs Wochen später nachschieben - und würde damit immer noch die Weihnachtssaison erreichen.
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