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02. Juni 2010, 11:33 Uhr

Insider packen aus

Wer HD+ sehen will, muss leiden

Von Ulrich von Löhneysen

Das HD+ genannte HDTV-Angebot der Privatsender knebelt die Zuschauer: Es kann nur gegen Gebühr empfangen werden, schränkt gleichzeitig die Rechte der Nutzer ein, setzt spezielle Hardware voraus. Das System, das viele Anwender ärgert, ist auch in der Branche umstritten, wie "Chip HD-Welt" herausgefunden hat.

Die große Freiheit sieht anders aus. Wer in Deutschland das volle HDTV-Programm sehen möchte, wird geknebelt und gefesselt. Denn nur die öffentlich-rechtlichen Sender sind frei empfangbar. Wer RTL HD, Vox HD, Sat.1 HD, Pro 7 HD und Kabel 1 HD sehen möchte, ist gezwungen, in neue Hardware zu investieren, bald neue Gebühren zu bezahlen - und dennoch große Einschränkungen beim täglichen TV-Konsum hinzunehmen. Das sind auf den Punkt gebracht die Nachteile, die sich aus der Einführung der HD+-Plattform für den Zuschauer ergeben. Doch wie jetzt Vertreter der Industrie gegenüber " Chip HD-Welt" zugaben, ist selbst ein großer Teil der Hersteller und Programmverantwortlichen mit dieser Situation nicht besonders glücklich. Ihr Fazit: HD+ ist ein hastig ins Leben gerufenes Konstrukt mit schweren Fehlern - und auch noch ein deutscher Sonderweg.

Das erste Ärgernis: Die Sender auf der vom Satellitenbetreiber Astra ins Leben gerufenen Plattform HD+ sind verschlüsselt. Zuschauer benötigen zum Empfang entweder HD+-zertifizierte Sat-Receiver oder Fernseher mit CI+- Schacht sowie ein CI+-Modul. Wer einen älteren Sat-Empfänger hat, kann die neuen HD-Sender derzeit nicht sehen - bald aber sollen viele Receiver durch spezielle CI-Module und ein Firmware- Update HD+ beherrschen (Infos unter www.hd-plus-modul.de).

Zweites Ärgernis: HD+ ist kostenpflichtig. Aktuell liegen den Empfangsgeräten für HD+ die Karten bei, die das Programm kostenlos freischalten. Sie gelten aber nur für ein Jahr, danach werden 50 Euro Jahresgebühr fällig.

Drittes Ärgernis: HD+ bringt große Beschränkungen mit sich. So können Sendungen nicht beliebig aufgezeichnet und angesehen werden, teilweise ist das Vorspulen eingeschränkt. Kopien auf externe Medien wie Blu-ray-Discs sind generell nicht gestattet.

Auch die Industrie ärgert sich über Sender und Betreiber!

Wer sich über das missratene HD+ beschwert, bekommt offiziell immer nur ausweichende, beschwichtigende Antworten. Von den Sendern. Von Astra. Und auch von den Hardware- Herstellern. "Alles gut", heißt es da immer. Von wegen! "Wir beten jeden Tag, dass HD+ bald wieder zugemacht wird", gibt ein Produktmanager aus der Geräteindustrie gegenüber "Chip HD-Welt" zu. Nur traut er sich nicht, es offen zu sagen - wie viele seiner Kollegen. Denn oft sind sie durch Verschwiegenheits-Verpflichtungen gebunden, die man für wichtige Detailinformationen unterschreiben muss. Plaudern sie etwas aus, drohen Schadenersatzforderungen. Andere wollen es sich nicht mit den Sendern und dem Satellitenbetreiber Astra verscherzen. Doch hinter vorgehaltener Hand ziehen viele Insider vom Leder. Auf den folgenden Seiten beantwortet "Chip HD-Welt" die wichtigsten Fragen zu HD+:

Warum verschlüsseln die Privatsender?

Um es auf einen Nenner zu bringen: Die Sender wollen die Kontrolle darüber behalten, was mit ihren teuer produzierten oder eingekauften Inhalten passiert. Sonst, so befürchten RTL, Pro 7 & Co., werden sie bald nur noch Stofflieferanten für große Festplatten-Server sein - mit denen andere Unternehmen Kasse machen. Eine unkontrollierte Weiterverbreitung übers Internet, die beliebige Sortierung von Wunschprogrammen bei gleichzeitiger Entfernung der Werbung - all das würde das Ende des werbefinanzierten Fernsehens bedeuten.

Am liebsten würden die Sender daher eigentlich auch die normalen Programme nur verschlüsselt ausstrahlen. Doch sie scheinen bei analoger und normal auflösender digitaler Verbreitung zu viel Angst vor Reichweitenverlust zu haben. So wollen sie die Verschlüsselung nun wenigstens bei HDTV einführen. Es wäre aber denkbar, dass bald bestimmte Top-Ereignisse aus Sport oder Film nicht mehr in den frei empfangbaren Programmen laufen, sondern nur noch in den verschlüsselten. Also nur bei HD+. Der Grund: Die Senderechte für ganz Europa sind wesentlich teurer als nur für Deutschland - durch die Verschlüsselung können Sender und Rechteinhaber sichergehen, dass das Ereignis nur in Deutschland gesehen werden kann. Und: Das Verschlüsselungsproblem beschränkt sich nicht auf HD+ allein. In den neu gestarteten DVB-T-Gebieten in Stuttgart und Halle/Leipzig strahlt RTL ebenfalls verschlüsselt aus. Auch in vielen Kabelnetzen sind die Privatsender in Standardauflösung nur mit Karte zu empfangen.

Warum soll man für etwas zahlen, was sonst gratis ist?

Nach Aussagen der HD Plus GmbH, einer Tochterfirma von Astra Deutschland, handelt es sich bei der geplanten Abgabe von 50 Euro nicht um eine Bezahlung für die Programme. Es sei vielmehr eine "Infrastrukturgebühr", ähnlich den Zahlungen an Kabelbetreiber. Auch dort zahlt man ja, selbst wenn man nur die prinzipiell frei empfangbaren Programme (Free TV) sehen will. Die 50 Euro im Jahr sollen demnach vor allem für die Kosten verwendet werden, die Verschlüsselung und Abrechnung der Karten verursachen.

Warum gibt es aktuell so wenige Empfänger für HD+?

Da haben sich Sender und Astra selbst ein Bein gestellt. "Das gesamte Projekt ist in gnadenloser Hektik entstanden", gibt ein Vertreter eines TVSenders gegenüber "Chip HD-Welt" zu. Offensichtlich hatten Sender und Plattform-Betreiber den HD-Boom in Deutschland unterschätzt. So heißt es etwa, dass RTL das HDTV erst einführen wollte, wenn etwa zehn Prozent der Haushalte dafür gerüstet wären. In den letzten Jahren aber war nicht nur die Zahl der HD-Fernseher explodiert, sondern auch die der HD-fähigen Digitaltuner. Um hier nicht schon wieder der Entwicklung sowie ARD und ZDF hinterherzulaufen, wurde die HD+-Plattform hektisch aus der Taufe gehoben. Die angestrebte Kontrolle über das Signal war aber mit den vorhandenen Geräten nicht möglich, also wurde HD+ geschaffen - eine Spezifikation, mit der die Boxen- Hersteller im Sommer 2009 überrascht wurden. Kaum einer konnte so schnell neue Geräte entwickeln.

Hinzu kommt: Angesichts der restriktiven Bestimmungen für HD+ und des daraus resultierenden Ärgers zögerten einige Hersteller, entsprechende Receiver zu produzieren. Für Sender wie RTL bedeutete dies: Statt mit zehn Prozent Reichweite begann man bei exakt null. Bei Sendestart von HD+ im letzten November gab es noch keine einzige Set-Top-Box dafür! Bei den Fernsehern mit eingebauten HD-Tunern sieht es noch schlechter aus, denn HD+ ist eine rein deutsche Plattform. Alle großen Hersteller entwickeln und produzieren aber nur noch einheitliche Modelle für den europäischen Markt. Deshalb ist nicht zu erwarten, dass es bald Fernseher mit bereits eingebauter HD+- Schnittstelle geben wird. Wahrscheinlich wird immer ein Zusatzmodul erforderlich sein.

Warum wurde nicht einfach die CI-Schnittstelle verwendet?

Die bisher eingesetzten Module für das Common Interface (CI) von Digitalempfängern entschlüsseln das TV-Signal intern, sodass es an dieser Schnittstelle und im Gerät selbst offen anliegt. Auch auf einer Festplatte zum Beispiel. Das entspricht nicht den Vorschriften der Hollywood- Studios für HD-Ausstrahlungen, weil davon relativ einfach Raubkopien bester Qualität angefertigt werden könnten. Daher sind sich im Prinzip alle Sender und auch die Netzbetreiber im Kabel einig, dass man ein Modul braucht, das selbst wieder verschlüsselt.

Das wurde mit CI+ realisiert. Damit sind die Forderungen der Studios erfüllt, wie sie zum Beispiel auch an Blu-ray-Player gestellt werden: gegenseitige Abfrage der Berechtigung, Verschlüsselung an allen Schnittstellen und Widerrufbarkeit von Lizenzen für den Fall, dass ein Schlüssel geknackt wurde. Dass damit Raubkopien nicht gänzlich unterbunden werden, ist allen Beteiligten klar, aber man erschwert sie und hat eine bessere rechtliche Handhabe bei Urheberrechtsverletzungen.

Warum darf man zum Teil nicht vorspulen oder aufzeichnen?

Ursprünglich hatte man geplant, das Vorspulen nur während der Werbung zu verhindern. Denn die Sender wollten sichergehen, dass die Spots gesehen werden - schließlich leben sie davon. Auch viele Internet-Videos blockieren den schnellen Vorlauf bei Werbung. Das stellte sich aber als nicht machbar heraus, weshalb nun meist jedes Vorspulen unterbunden wird. Das führt zu der absurden Situation, dass man zwar zurückspulen kann, dann aber alles noch mal in Normalgeschwindigkeit ansehen muss.

Das Aufzeichnen wird generell unterbunden, wenn die Geräte zwar HD+ empfangen, aber die Vorspulblockade nicht ausführen können. Damit wollen die Privatsender sicherstellen, dass die von ihnen gesendete Werbung gesehen wird. Sind Empfänger mit Festplatte HD+-zertifiziert, funktioniert das Aufnehmen normalerweise. Nicht möglich ist es in der Regel bei Geräten mit CI+-Schnittstelle, etwa bei einem TV mit USB-Recording oder bei den Blu-ray- Recordern von Panasonic.

Warum darf man dann manchmal doch vorspulen?

Empfänger mit Recorder-Funktion haben zweierlei Aufnahme-Betriebsarten: zeitversetztes Fernsehen und dauerhafte Aufzeichnung. Bei Geräten mit HD+-Zertifizierung sowie bei den kommenden Legacy-Modulen ist beides möglich. Bei Empfängern mit CI+-Modul nur zeitversetztes Fernsehen, Timeshift genannt. Der wird in der Regel vom Sender auf 90 Minuten begrenzt. Innerhalb dieses Timeshift-Zeitraums kann man beliebig vor- und zurückspulen. Die Privatsender lassen Timeshift bei CI+ wohl auch deshalb zu, weil neuerdings auch Zuschauer bei den Einschaltquoten eingerechnet werden, die das Programm zeitversetzt ansehen. Hier war die Quote wohl wichtiger als die Werbespots.

Warum kann eine HD+-Box mehr als ein Gerät mit CI+-Modul?

HD+ und CI+ sind zwar beide etwa gleichzeitig entstanden, und beide bieten sie Möglichkeiten, das Anschauen und Aufzeichnen einzuschränken - aber dennoch sind sie nicht identisch, teilweise sogar widersprüchlich. CI+ wurde vor allem in Hinblick auf Pay-TV- und Plattformbetreiber, etwa Kabelgesellschaften, entwickelt. HD+ orientiert sich mehr an den Bedürfnissen von privaten, werbefinanzierten Sendern. So wurde zum Beispiel bei der Definition des CI+Standards nicht an Ad-Skipping gedacht, also das Überspringen von Werbeblöcken. Das aber ist für Sender wie RTL oder Pro 7 wesentlich. Zwar gibt es regelmäßige Treffen aller Beteiligten, etwa in der Deutschen TV-Plattform. Man hat aber dort schlicht und einfach vergessen, sich aufeinander abzustimmen.

Warum gibt es noch keine Module für ältere Receiver?

Mit sogenannten Legacy-Modulen sollen vorhandene Set-Top-Boxen mit CI-Modulen für den Empfang von HD + aufgerüstet werden (siehe www.hd-plus-modul.de). Neben dem Modul brauchen die Empfänger noch eine neue Software, die das Vorspulen bei HD+-Aufnahmen verhindert. Die Module sind allerdings bis heute nicht im Handel, derzeit hofft man auf Juli oder August. Der Grund: Ursprünglich sah das HD+- Konzept vor, dass jedes Sat-Receiver-Modell ein eigenes Modul bekommen sollte. Erst nachträglich erfuhren die Verantwortlichen, dass die Fertigung gar nicht möglich ist, weil die Chips erst ab Stückzahlen von 50.000 aufwärts rentabel produziert werden. Danach einigte man sich auf ein einheitliches Legacy-Modul, doch auch hier kam im ersten Anlauf die benötigte Stückzahl nicht zustande. Ein erneutes Technik- Chaos, das einen hochrangigen Manager aus einem deutschen Unterhaltungselektronik- Unternehmen in seiner Meinung gegenüber HD+ bestärkt: "Wir glauben nicht, dass die Deutschen das auf Dauer mitmachen werden."

Warum gibt es keine gemeinsamen Boxen für Sky und HD+?

Das ist, Aussagen von Insidern zufolge, keine technische Frage. Denn sowohl das Programm von Sky als auch das von HD+ wird mit Nagravision verschlüsselt. Es wäre auch vorstellbar, bei HD+ zusätzlich NDS Videoguard aufzuschalten. Bei den aktuellen Gesprächen zwischen den Managern beider Seiten geht es eher um Dinge wie Kundenbetreuung, Datenverwaltung und Kostenabrechnung. Denn auch wenn derzeit das Pay-TV keine direkte Konkurrenz für RTL & Co. ist - auf mittlere Sicht wollen auch die Privatsender mehr Programme gegen Monatsgebühr anbieten. Da will man den Rivalen nicht erlauben, Einblick in die eigenen Geschäftsdaten zu nehmen.

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