Instagram-Fotograf Daniel Arnold Der aus der Hüfte schießt

Daniel Arnold gilt als einer der besten Fotografen auf Instagram. Er hat über 110.000 Follower. Der Autodidakt publiziert digital - fotografiert aber analog.

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SPIEGEL ONLINE

Ein eleganter junger Mann in schneeweißen Jeans und Handschellen, abgeführt von einem schwer tätowierten Cop mit Verbrechervisage. Die Szene wirkt surreal, fast inszeniert. Ein ganz normaler Morgen in Manhattan, gesehen durch ein ungewöhnliches Temperament.

"Ich bin ein Paparazzo", sagt Daniel Arnold mit diesem Augenaufschlag, halb naiv, halb ironisch: "Aber ich bin nicht auf Promis aus, sondern auf Nobodys."

Arnold ist selbst ein Niemand in der Welt der Galerien, Bildbände und Hochglanzmagazine. Doch online ist er eine Legende. Auf Instagram hat er über 111.000 Follower, weitaus mehr als viele berühmte Magnum-Lichtbildner zusammen: Sebastiao Salgado, Elliott Erwitt, Bruce Gilden, Jonas Bendiksen. Digital läuft alles besser, das Onlineportal "Gawker" bejubelt ihn als "Best Photographer on Instagram" und lobt seine "brillant voyeuristischen Schnappschüsse."

Fotostrecke

8  Bilder
Instagram Fotograf: Daniel Arnold auf der Straße
Wer mit ihm unterwegs ist auf der Fifth Avenue, verliert ihn leicht aus den Augen: Arnold scheint in der Menge unterzugehen: Mittelgroß, Bart, blaugraues T-Shirt einer Baufirma aus Staten Island, ein Jedermann mit schnellem Schritt und scheinbar müdem Blick. Doch was er alles sieht!

Ein Anzugträger mit zerknautschtem Blick läuft seinem psychedelisch-bunten Schlips hinterher, aus seinem linken Ohr scheint ein Sternenbanner zu wuchern. Klick. Arnold zieht schneller, als man "Street Photography" sagen kann.

Die Szenen, die der unauffällige Jedermann in der Menge einfängt, sind so flüchtig, dass man immer wieder überrascht ist, wenn man nach einem gemeinsamen Spaziergang seine Bilder sieht. Was - ich soll dabei gewesen sein?

Analog, digital, scheißegal

Menschenmassen ergießen sich über Zebrastreifen, indifferent, gleichförmig, Jeans und Sneaker und Hektik, mittendrin ein bärtiger Hipster mit verträumtem Blick und pinkfarbenem Sonnenschirm, der ihn gleich wie eine weiße Wolke in den Himmel emportragen wird, so scheint es. Klick. War da was?

So flüchtig Arnold seine Bilder knipst, so flüchtig werden sie betrachtet: Nur für Sekunden erscheinen sie ganz oben auf dem Handybildschirm seiner hunderttausend Fans. Tausend, zweitausend, dreitausend Likes pro Foto sind ganz normal für Arnolds Werke. Vorbei, der Ruhm ist flüchtig, und wenn man wieder hinsieht, sind sie nicht mehr da auf dem Bildschirm, verdrängt von einer Flut von Selfies mit falschem Lächeln und faden Filtern.

Arnolds verwackelte Vignetten sind gleichzeitig ein Produkt der Instagrammatik - und ihre Antithese. Immer wieder fragen seine Fans, welches Smartphone er verwende. Und fallen dann aus allen Clouds: Er knipst mit einer alten, zerbeulten Contax G2, auf Filmrollen aus Zelluloid mit jeweils 36 Negativen. Ist die Rolle voll, muss er umständlich den Rückdeckel öffnen und eine neue Filmrolle einlegen, ganz physisch. Abends trägt er die Filme in die Drogerie zum Entwickeln, holt sie am nächsten Tag ab, scannt sie ein und stellt sie online. Der König der Digitalknipser arbeitet analog, so scheint es. Doch auch das täuscht. Arnold arbeitet hybrid, ein Wandler zwischen den Welten. Vielleicht sogar ein Vorreiter, nach dem Motto: Analog, digital, scheißegal. Whatever works.

"Ich war sofort süchtig"

Für Arnold war Instagram zunächst eine Flucht aus dem Hamsterrad der Alltagskreativität, die ihn Tag für Tag aus der überfüllten U-Bahn an einen Schreibtisch beim Kinderkanal Nickelodeon ausspuckte. Dort dämmerte er als Website-Betreuer im Zeitraffertempo einem Burnout entgegen. Zum Trost und zur Selbsttherapie begann er 2011, in der U-Bahn mit dem iPhone zu knipsen: alltägliche Szenen, Sensationen des Alltags, geadelt durch seinen unverwechselbaren Blick. "Auf dem eigenen Bildschirm erschienen mir die Bilder erst bedeutungslos und irgendwie unecht", sagt Arnold: "Aber dann lud ich sie auf Instagram hoch und bekam all diese Reaktionen. Ich war sofort süchtig."

Arnold hat einen schnellen Schritt, er schaut starr geradeaus, verfolgt aber aus dem Augenwinkel genau, wer um ihn herum geht, manchmal kreist er um sein Motiv wie ein Hai, nähert sich, fotografiert dann aus direkter Nähe. Oft schießt er blind, ohne zu schauen, ohne innezuhalten. Dann murmelt er "Thank you". Und die Fotografierten antworten oft "You're welcome" - ein antrainierter Freundlichkeitsreflex.

Doch 2012 kam der Absturz. Zwei Frauen am Strand, oben ohne am Fort Tilden Beach in Brooklyn, sie fotografieren sich gegenseitig und lachen. Klick. Das Foto verbreitete sich viral. Es gab so viele Kommentare, dass Arnolds Handy leer war, als er nach Hause kam. Am nächsten Tag war sein Account gesperrt. Instagram, das zum legendär prüden Facebook-Konzern gehört, verbietet jede Form von Nacktheit.

Drittes Auge mit Rundumsicht

Die große Freiheit online hat enge Grenzen im puritanischen Amerika. Arnolds Fans protestierten mit dem Hashtag "#Free Arnold". Vergebens. Er legte ein neues Profil an und begann wieder bei null.

Dann kündigte er seinen Job. Und streifte nun tagelang durch die Straßen, ohne einen Auftrag, ohne ein Ziel, aber mit einer Mission: Die Jagd nach dem entscheidenden Augenblick. Nach ein paar Monaten war er pleite.

"Ich habe keinen Penny mehr. Morgen ist mein 34. Geburtstag", postete er im März 2014. Und bot seinen Fans Ausdrucke seiner Motive an, für 150 Dollar pro Stück. Am nächsten Tag war er 15.000 Dollar reicher. Das "Fortune Magazine" berichtete über die wundersame Geldvermehrung.

Arnold ist gerissen, furchtlos und schnell wie ein Taschenspieler. Seine alte Contax hat er mit der Trageschlaufe an seine rechte Hand gewickelt, als sei sie Teil seines Körpers, eine Art drittes Auge mit Rundumsicht. Sein Blitz ist immer eingeschaltet, um die Person im Vordergrund klarer freizustellen. Er beobachtet seine Motive aus dem Augenwinkel, dann schießt er aus der Hüfte, ohne auch nur einen Schritt auszusetzen. Manchmal fotografiert er sogar blindlings hinter sich, die Kamera am Rücken, als wollte er dort einen Mückenstich kratzen. Klick. Manchmal wird er angebrüllt. Auch online. Er trägt es mit Gleichmut. Straßenfotografie ist Risikosport, und Arnold spielt gerne mit vollem Einsatz.

Unsichtbare Digital-Armee in der Hosentasche

Wenn er an einer Ampel stehen bleiben muss, starrt der Analogfotograf oft auf sein Smartphone: Ständig flammen Diskussionen um seine Bilder auf: Darf er Fremde knipsen? Sind seine Bilder genial oder banal? Aber nur selten mischt er sich ein: "Meist verteidigen meine Fans mich, die sind wie eine Kavallerie". Die unsichtbare Digital-Armee in seiner Hosentasche schützt die sichtbare Analogkamera in seiner Hand.

Hin und wieder werden ihm Schläge angedroht. Aber das größere Risiko ist die Paranoia. Independence Day, der Nationalfeiertag vor einem Jahr. Ein kleines Mädchen jagte Tauben auf der Straße, ganz selbstverloren in unschuldigem Sadismus. Klick. Schon stand der Vater neben ihm und zeigte ihn an: ein Perverser! Die Cops nahmen ihm mit auf die Wache. Er verbrachte die Nacht im Gefängnis. Happy Independence Day.

Dann die Anhörung vor Gericht. Das Bild war zum Glück verwackelt, sagt Arnold: "Das beste Bild meines Lebens war missglückt, zum Glück." Erfolg und Absturz liegen in Arnolds Bildern immer ganz dicht beisammen. Wie in seinem Leben.

Mitten im Satz springt er auf. Eine Mama mit nacktem Bauchnabel und knallkurzer Jeans geht Hand in Hand mit einem Schuljungen, er ist gierig in sein Eis vertieft. Klick. Thank you. You're welcome.



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Seite 1
dbrown 13.09.2015
1. Und?
Würde der Mann in Bielefeld wohnen wäre er ein Unbekannter. Reines Glück. Als gäbe es nicht schon genügend Bilder über die Nobodys in NYC. Immer dieser Hype, grausam.
Schampusfüralle 13.09.2015
2. Cops 'n Robbers
"Solche Bilder kann man auch in New York nur sehr unauffällig knipsen." Deshalb hat der "Fotograf" auch mit Blitz fotografiert... Ich kann den Hype über sogenannte Streetfotografen nur schwer nachvollziehen,mittelmäßige Fotos,die,mit etwas Mut und Kaltschnäuzigkeit jeder hinbekommen würde. Vergleichbar mit den Musikcharts,da fragt man sich auch oft wie Lieder dort landen.
marco_marc 13.09.2015
3. seltsam kritiklos / unlöschbar ungewollt der Privatheit entrissen
Nur, weil viel Leute seine Bilder sehen wollen, sollte man nicht vergessen, dass er mit ihnen signifikant die Persönlichkeitsrechte der fotografierten Menschen verletzt. Der Spiegel nennt's "gerissen", ich nenne es rücksichtslos, egoistisch und gefährlich. Wer von uns möchte von Hunderttausenden im Netz angeschaut (belächelt, ausgelacht, gemobbt) werden, in Alltags-Situationen, die wir nicht veröffentlicht wissen möchten? Und/oder wer möchte das bei seinen Kindern? Nehmen wir (bzw. als Sprachrohr SPON) die Selbstverständlichkeit, mit der Privates im Netz unlöschbar veröffentlicht wird - in diesem Fall unfreiwillig (!) - inzwischen einfach so hin? Ich jedenfalls verwahre mich dagegen, ungewünscht fotografiert zu werden. Genau wegen solcher empathieloser, egozentrischer Hirnis ohne Verantwortungsbewusstsein.
Mehrleser 13.09.2015
4.
Was haben Zufallsschnappschüsse mit "brilliant" zu tun? Die Anzahl der "Follower" ist kein Indiz für fotografische Fähigkeiten, sondern für Voyeurismus.
fiendie 13.09.2015
5. Hipster
Wer 2015 mit einer analogen Messsucherkamera Leute auf der Straße fotografiert, um die Fotos dann ausgerechnet bei Instagram hochzuladen, ist selbst ein Hipster ;)
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