Intelligenter Thermostat iPod-Erfinder entwirft den Hightech-Heizungsregler

So schön kann ein Temperaturregler sein: Ingenieur Tony Fadell, der für Apple den iPod erfand, hat einen Super-Thermostat entwickelt, der US-Haushalten beim Energiesparen helfen soll - mit iPhone-Unterstützung, wenn man will.

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Was macht man als nächstes, wenn man das wohl populärste Elektronik-Gadget des vergangenen Jahrzehnts erfunden hat? Vor diesem Problem stand Tony Fadell. Für Apple hatte der Ingenieur Anfang des Jahrtausends den iPod entwickelt, mehrere Jahre lang die iPod-Abteilung des kalifornischen Konzerns geleitet. 2008 schließlich verließ er das Unternehmen ohne klares Ziel. Das scheint er jetzt gefunden zu haben: Fadell hat einen Thermostat erfunden. Allerdings einen, von dem er glaubt, damit die Welt verändern zu können, so wie er es schon mit Apples Musik-Player gemacht hat.

Dass Fadell sich nicht scheut, weit in die Zukunft zu schauen, weiß man, seit "Wired"-Autor Leander Kahney 2004 einen Artikel über ihn schrieb. In dem wurde beschrieben, wie Fadell Apple die Idee verkaufte, einen MP3-Player an einen eigenen Online-Musik-Shop zu binden. Fadell soll damals gesagt haben: "Dieses Projekt wird Apple runderneuern, so dass es in zehn Jahren eine Musikfirma und keine Computerfirma mehr ist." Fadell behielt recht. Bis heute hat Apple mehr als 300 Millionen iPods und über den iTunes Store mehr als 16 Milliarden Songs verkauft.

Mit seinem neuen Projekt will Fadell diesen Erfolg wiederholen. Nachdem er 2008 seinen Posten bei Apple niedergelegt und mit seiner Familie für ein Jahr nach Paris umgezogen war, hatte er die Idee, erneut ein Produkt sexy zu machen, das es bisher nicht ist: automatische Temperaturregler.

Gemeint ist damit allerdings nicht der Feld-, Wald- und Wiesen-Thermostat, den man in Deutschland an Heizkörpern findet, sondern das Steuergerät, mit dem man vom Wohnzimmer aus die Leistung von Heizung oder Klimaanlage regelt. In Deutschland sind solche Geräte noch lange nicht Standard, in amerikanischen Eigenheimen findet man sie dagegen fast immer: an die Wand geschraubte beigefarbene Kästen mit einen Schieberegler zur Temperatursteuerung und manchmal einem weiteren zu Regelung der Lüfterdrehzahl der Klimaanlage.

Fernsteuerung per iPhone

Diese Kästen will Fadell durch seinen Nest genannten Heizungsregler ersetzen. Er hat sich nicht weniger vorgenommen, als den Thermostat neu zu erfinden. Schick und einfach soll er sein. Und genau wie beim iPod sieht er einen gewaltigen Markt für seine Neuentwicklung. Fadells neuer Firma Nest Labs zufolge hängen Temperaturregler in 250 Millionen US-Haushalten an den Wänden. Von der Einstellung dieser Geräte sei demnach die Hälfte des US-Energieverbrauchs abhängig - und die USA sind nach China der zweitgrößte Energieverbraucher der Welt. Viele dieser Geräte werden Fadell zufolge aber unsachgemäß genutzt. Etwa, weil moderne Apparate kompliziert zu programmieren sind oder weil Hausbesitzer es vergessen, die Heiz- oder Kühlleistung zu reduzieren, wenn sie das Haus verlassen.

Mit dem Nest-Regler soll all das automatisiert ablaufen, verspricht Fadell. Etwa eine Woche brauche das Gerät, um zu lernen, wann sein Besitzer zu Hause ist, wann er es wie warm oder kalt haben möchte. Von da an soll alles automatisch ablaufen: Morgens, bevor die Familie aufwacht, wird das Haus aufgewärmt. Später, wenn die Kinder in der Schule und die Eltern bei der Arbeit sind, wird die Heizung wieder abgeschaltet.

Ändert sich etwas am Tagesablauf, kann der Anwender die gewünschte Temperatur manuell korrigieren. Tut er das mehrmals hintereinander, passt sich der Nest an. Und ein bisschen kann er sich auch selbst anpassen: Registrieren seine Sensoren zwei Stunden lang keine Bewegung mehr im Raum, schaltet er Heizung oder Klimaanlage selbst ab. Und weil Fadell von Apple kommt, lässt sich der Regler auch per Computer oder iPhone-App fernsteuern. Ein integrierter W-Lan-Zugang macht's möglich.

Macht der Nest Energiesparen hip?

Wie erfolgreich der iPod-Erfinder mit seiner neuen Erfindung sein wird, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Immerhin 250 Dollar kostet ein Nest-Regler - zuzüglich Montage. Die Kosten allerdings, rechnet die Firma auf ihrer Homepage vor, könne man binnen weniger als zwei Jahren über die Energierechnung wieder einsparen. Als Motivation zeigt der Regler immer dann ein grünes Blatt auf seinem Display an, wenn er für Einsparungen gesorgt hat.

US-Medien orakeln seit Monaten, woran Fadell wohl arbeitet. Der wiederum hatte seine Firma zu Stillschweigen verpflichtet, so wie er es bei Apple gelernt hat. Jetzt, nachdem er den Schleier gelüftet hat, ist ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit der Presse sicher. Und damit auch die seiner potentiellen Kunden, die sich mehrheitlich wohl noch nie Gedanken darüber gemacht haben, ob oder wie man den Energieverbrauch seines Hauses mit einem Hightech-Heizungsregler senken kann.

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
HariboHunter, 25.10.2011
1. Aw:
"In Deutschland sind solche Geräte noch lange nicht Standard" ... und werden es hoffentlich auch nie werden! Der US-Normal-Vorortbewohner heizt (und kuehlt) sein Haus ueber eine Luftwaermepumpe. (Split-Klimageraet) Dieses erzeugt heisse/kalte Luft, die ueber ein Schachtsystem im ganzen Haus verblasen wird (inkl. Keime). Damit ist eine Regelung nur zentral moeglich und alle Zimmer im Haus werden etwa gleich warm/kalt. Gleichzeitig fuehrt diese Art des Heizens zu sehr trockener Raumluft. Diese einfache Heizmethode ist billiger als eine Zentralheizung mit Radiatoren jeddoch ziemlich uneffektiv. Also sind wir technisch jetzt schon viel weiter als Ihr 'noch lange nicht'-Standard, da wir sogar nur den Raum heizen brauchen, in dem wir uns aufhalten. Toll, oder?
makutsov 25.10.2011
2. Hipster-Abzocke
Na toll, wenns aussieht wie ein Ipod, wirds die Hipsterhorde sicherlich kaufen. Elektronische Thermostate mit diversesten Funktionen gibt es schon ewig!
vogelskipper 25.10.2011
3. Ein richtiger Schritt
Wenn die Amis damit nur 15% ihres Energieverbrauchs für Heizung/ Klimaanlage einsparen könnten, dann wäre das schon ein großer Schritt! Gerade bei der Klimatisierung sehe ich ein enormes Einsparpotential, denn die müssen ja immert alles gleich auf Kühlschranktemperatur haben, damit man dann drinnen friert. Mir graust es immer, wenn ich daran denke, wieviel Energie da vergeudet wird, aber den meisten US-Amerikanern ist das Thema komplett fremd.
marthaimschnee 25.10.2011
4. der Markt ist gewaltig
Apple ist bekannt dafür, Geräte für den absoluten DAU (Dümmster Anzunehmener User) herzustellen - gegen entsprechende Bezahlung versteht sich. Und von überbezahlten Nichtskönnern haben wir ja mehr als genug. Alle anderen lassen lieber die Finger davon, entweder weil sie sich nicht bevormunden lassen wollen. Oder weil sie kein Gerät wollen, bei dem sie für das Einstellen von nicht vom Entwickler/Hersteller vorgesehenen Funktionalitäten das Einbruchswerkzeug auspacken müssen. Mir wäre zB ein frei programmierbare Zeitschaltung wichtig, weil sich mein Leben eben nicht im apple-konformen 7- sondern dank Schichtarbeit im 35-Tage Rhytmus abspielt.
tomesch 25.10.2011
5. Intelligenter Thermostat - für wen?
Als regelmäßiger StarTrek-Konsument weiß ich, dass der Fortschritt nicht aufzuhalten ist und sich technische Innovationen durchsetzen. Aber wie immer, liegt die Weisheit im letzten Satz des Beitrags: Überbordende Technik ist wiederum speziell für die internationalen Zeitgenossen, die sich überhaupt noch keine Gedanken um ihren Energieverbrauch gemacht haben. Also, was ist wichtig? Aufklärung und Gehirn einschalten! Dann kann man mit ein wenig kostenloser Handarbeit alles selber regeln ohne sich gedankenlos anderen auszuliefern.
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