Von Frank Patalong
Darüber hinaus scheint das Web-fähige TV-Gerät vor allem als Vertriebsmedium für IPTV und Video-on-demand interessant. Doch obwohl hier auch schon HD-Inhalte geboten werden, tut sich die Branche schwer: Kein Wunder, kommt das IPTV-Angebot doch meist eher als eine Art um On-demand-Angebote erweiterte Alternative zu Kabel-TV daher. Die Zahl der mühselig eroberten Kunden des IPTV-Angebotes der Telekom wird auf rund 25.000 geschätzt - Peanuts im Vergleich zur Zahl der Nutzer multimedialer Features des Internet.
Die sind in den letzten Jahren immer multimedialer geworden. Und im Gegensatz zur P2P-Hochzeit, als jedem Mediengenuss eine mindestens mehrstündige Downloadphase vorausging, versprechen moderne Streams und sukzessive Downloads Mediengenuss nach wenigen Sekunden Wartezeit. Eine völlig ungeklärte Zahl von Web-Nutzern substituiert ihren TV-Konsum bereits vor dem Rechner sitzend durch Streaming-Portale, wo sie on-demand alle denkbaren TV- und Filminhalte bekommen, teils in HD. Technikaffine Medienjunkies verbinden ihre Laptops per HDMI mit dem Monitor im Wohnzimmer und streamen sich ihr eigenes Programm zurecht.
Denn das sagt zwar kaum jemand laut, aber genau hier liegt die natürliche Nutzung eines Fernsehers mit Internetverbindung. Es ist dagegen weder naheliegend noch vorteilhaft, E-Mails oder Ebay auf dem großen Fernseher anzusehen. YouTube-Videos mit mieser Auflösung sehen erwartungsgemäß mies aus, und das Lesen von Texten aus drei Metern Entfernung ist auch kein Heidenspaß - CE-Html hin oder her. Reizvoll ist dagegen alles, was qualitativ hochwertig und visuell ist - von Google Earth über digitale Diashows bis hin zu Streaming-Portalen, die - mal legal, mal eher nicht - ihre Filme inzwischen oft in 720p-Auflösung anbieten.
Wenn es legal nichts gibt, nehmen Surfer eben illegal
Auch das ist eine Internetnutzung, die eine Tastatur erfordert - egal ob es eine kleine ist wie bei Vizio oder eine ausgewachsene wie bei Asus Eee Keyboard. Mehr noch aber schreit die sich abzeichnende Veränderung des Medien-Rezeptionsverhaltens nach legalen Angeboten, die diese Bedürfnisse befriedigen. So wie Hulu.com in den USA, das dort selbstverständlich auch einfließt in die abgespeckten Internet-Angebote der Internet-TV-Hersteller wie beispielsweise Vizio. Ken Lowe, der Mitbegründer des US-TV-Herstellers, redet in Interviews inzwischen nicht mehr von Fernsehapparaten, sondern von "Entertainment Displays", auf denen klassisches TV-Programm nur noch eines von vielen Angeboten sei - und keines von steigender Bedeutung.
In Europa werden solche attraktiven Videoangebote bisher durch Kleinstaaterei und teils überzogene Begehrlichkeiten verhindert - Hulu gab nach monatelangen Verhandlungen kürzlich seinen Versuch auf, in Europa aktiv zu werden. Statt dessen gibt es eine Unzahl von Insellösungen privater und öffentlich-rechtlicher Sender, die man sich als Nutzer mühsam zusammensuchen müsste - auf dem internetfähigen Fernseher ein Unding, wenn man sich per Fernbedienung und Bildschirmtastatur da durchhangeln muss.
Die Sender, Lizenzinhaber, die Verwertungsgesellschaften und selbst der Gesetzgeber haben das Phänomen Streaming und die damit eingeleitete Veränderung der Medienkultur bisher weitgehend ignoriert oder zum Nischenphänomen erklärt. Wenn Streams statt TV-Programm ganz alltäglich über den Fernseher flimmern, wird die Sache kaum noch zu ignorieren sein.
Bis 2015, sagt Goldmedia, sollen 61 Prozent der Haushalte über Internet-TV verfügen. Zuzüglich der Nutzer, die statt eines Internet-TV-Sets andere Möglichkeiten nutzen, den Stream auf den Monitor zu bringen? Egal: Bis 2014, rechneten die Netzwerkspezialisten von Cisco kürzlich vor, werde 91 Prozent des Web-Verkehrs auf legale und illegale Videodaten entfallen.
Ciscos Prognose geht davon aus, dass das Gros davon auf legale TV-, VoD- und Streamingportale entfallen, P2P weiter rückläufig sein wird und "nur" 30 Prozent auf Web-Videoangebote - alles von Youtube bis zum "inoffiziellen" Serienportal - entfallen werde. Das aber setzt voraus, das entsprechende legale Angebote gut zugänglich zur Verfügung stehen. In Europa ist das bisher nicht zu sehen.
Was die Frage aufwirft, was sich die 61 Prozent der Haushalte dann im TV-Web wohl ansehen werden. Twitter, Ebay oder E-Mail wohl kaum.
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