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12. Oktober 2011, 07:49 Uhr

iPhone 4S im Test

Mit diesem Handy wird man sprechen

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Kleines Update oder großes Upgrade? Das neue iPhone 4S spaltet Apples Anhänger. Matthias Kremp hat das sprachbegabte Smartphone ausprobiert und erklärt, weshalb auch dieses Modell ein Megaseller wird - obwohl viele iPhone-Fans sich den Kauf des Neulings eigentlich sparen sollten.

Das soll das neue iPhone sein? Jawohl, das ist es, selbst wenn es genauso aussieht wie sein Vorgänger. Genauso? Fast. Denn wer das bisherige iPhone 4 oft genug angeschaut hat, wird einen kleinen Unterschied bemerken: Der Metallrahmen, dessen Bestandteile gleichzeitig als Antennen dienen, hat jetzt vier Teile statt bisher drei. Aber das ist auch alles, was von außen ersichtlich ist.

Dabei ist schon das, zumindest laut Apple, eine signifikante Neuerung. Bisher diente nur eine der Außenantennen dem Empfang - und damit gab es Ärger. Weil viele Menschen die Antenne beim Telefonieren versehentlich mit der Hand abdeckten, konnte sich der Empfang verschlechtern. Etliche Erstkäufer des iPhone 4 waren genervt. Auf die später als Antennagate bezeichnete Krise reagierte Apple mit dem Versand kostenloser Handy-Schutzhüllen an Betroffene.

Die vierte Antenne im neuen Modell soll das alte Problem jetzt lösen. Je nachdem, welche den besseren Empfang hat, kümmern sich abwechselnd zwei Antennen um die Verbindung zum Mobilfunknetz. Im Test waren jedenfalls keine Verbindungsprobleme mehr feststellbar.

Siri braucht den A5-Chip - sagt Apple

Beim iPhone 4S liegen die Neuerungen sonst vornehmlich unter der Haube. Eine für das iPhone modifizierte Variante des A5-Prozessors aus dem iPad 2 soll das Handy schneller, die Grafikausgabe besser machen. Tatsächlich spürt man davon herzlich wenig. Bisher gibt es offenbar noch keine Apps, welche die neue Leistung tatsächlich ausnutzen können - außer einer.

Laut Apple ist der neue Prozessor nämlich unverzichtbar für den sprachgesteuerten Assistenten Siri. Eben deshalb könne man Siri nicht am iPhone 4 nutzen. Das mag sein, wirft aber die Frage auf, weshalb es Siri nicht am iPad 2 gibt, das ebenfalls einen A5-Chip enthält.

Freihändig diktieren

So oder so: Siri macht Spaß. Nicht nur, weil man es munter mit Fragen löchern und Aufgaben betrauen kann: "Brauche ich in München einen Regenschirm?", "Erinnere mich morgen, dass ich einen Friseurtermin ausmachen will." Das funktioniert meist recht gut, erfordert aber eine stabile Datenverbindung. Offline schaltet Siri sich ab.

Vor allem aber fehlen Siri in der deutschen Version viele Möglichkeiten der US-Variante. Weder kann es Auskunft darüber geben, wo der nächste Pizzabäcker sitzt, noch kann es den Weg zum Flughafen berechnen. Dafür richtet das deutsche Siri Termine ein, spielt Musik ab, sucht Adressen und leitet Anrufe ein. Alles Weitere will Apple nachliefern, nennt aber dafür keinen Termin.

Praktisch sind die Spracherkennungsfähigkeiten des iPhone 4S vor allem in Situationen, in denen man beide Hände freihaben sollte oder will: Mal eben eine SMS oder eine E-Mail ins Handy diktieren, funktioniert gut, sofern man sich um eine halbwegs deutliche Aussprache bemüht.

Schöner, ruhiger Bilderstrom

So sensationell wie Apple die Siri-Fähigkeiten des iPhone 4S darstellt, sind sie allerdings nicht. Google nennt die Sprachfähigkeiten seines Android-Systems Voice Actions, bietet damit ähnliche Möglichkeiten wie Apples Siri. Genau wie Siri funktionieren die Voice Actions nur bei bestehender Online-Verbindung. Die Sprachaufnahmen werden per Datenverbindung an Server geschickt, auf denen die eigentliche Spracherkennung erfolgt. Aber Google will noch mehr: Die Technik versucht sich bereits an der Übersetzung gesprochener Sätze, langfristig sollen Handys als Fast-Simultanübersetzer einsetzbar sein. Noch ist das Zukunftsmusik.

Das andere große technische Update des 4S ist seine Kamera. Auch sie profitiert vom schnelleren Prozessor. Einerseits, weil die Kamera-App schneller startet und jetzt grundlegende Bildbearbeitungsfunktionen bietet. Andererseits, weil die Kamera-App beim Fokussieren erkennt, ob sich ein oder mehrere Gesichter im Bild befinden, auf die sie automatisch scharfstellt. Möglich werden diese Funktionen laut Apple, weil in den A5-Chip des iPhone 4S, anders als im iPad 2, ein ISP (Image Signal Processor) integriert wurde.

Mindestens ebenso wichtig: Das Objektiv der Kamera wurde nicht nur um eine fünfte Linse erweitert, sondern es dringt dank verbesserter Blendenöffnung jetzt mehr Licht zum Foto-Chip, was bessere Bilder bei schlechter Beleuchtung ermöglicht. Das ermöglicht Fotos, die weniger verrauscht sind als beim iPhone 4. Gut ist die Bildqualität allemal.

Das gilt auch für die Videofunktion. Filme werden in der Full-HD-Auflösung 1080p aufgezeichnet, was mehr Details ergibt. Vor allem stellt das neue iPhone Videoaufnahmen automatisch ruhig. Soll heißen: Das Gewackel von Freihand-Aufahmen wird beseitigt - zumindest zum Teil. Zappelt man bei der Aufnahme aber zu sehr, kann auch die Beruhigungsfunktion des iPhone nicht mehr gegensteuern.

In der Wolke geht die Sonne auf

Die wohl wichtigste Neuerung am iPhone 4S ist allerdings seine Software. Apple hat seine Mobil-Software in der fünften Version kräftig aufgewertet und sie auch um eine überfällige Funktion erweitert, die wohl jedem iPhone-User sofort gefallen wird: die Mitteilungszentrale, in der Nachrichten, Hinweise und Erinnerungen aus etlichen Apps gesammelt werden, die per Fingerwisch abrufbereit sind. Hier kann eBay melden, wenn eine Auktion sich dem Ende nähert, hier werden anstehende Termine und das Wetter angezeigt. Welche Apps dort hinein Nachrichten absetzen dürfen, lässt sich einstellen - sonst litte man schnell an Information-Overflow.

Ebenso nützlich sind die "Erinnerungen"-App und der Kurznachrichtendienst iMessage, der als kostenloser SMS-Ersatz fungiert - leider nur zwischen iOS-Geräten. Bemerkenswert ist auch, dass Updates für das iOS endlich ohne PC-Hilfe eingespielt werden können.

Die wohl wichtigste Neuerung in iOS 5 dürfte die Integration von iCloud sein, Apples in der Grundversion kostenloser Datenwolkendienst. iCloud ersetzt das alte MobileMe vollständig, dient als Online-Datenspeicher, Backup-Medium und Synchronisierungsdienst. So ziemlich alles, was auf dem Handy gespeichert wird, lässt sich in der iCloud sichern: Adressen, Bookmarks, Kalendereinträge. Wer iOS 5 installiert und einen Account einrichtet - egal ob auf einem alten oder neuen Handy - bekommt 5 Gigabyte kostenlosen Speicherplatz. Das mag wenig erscheinen, reicht aber für grundlegende Anwendungen aus. Im Test waren nach einer Woche rund 2,8 GB belegt. Teuer wird es allerdings, will man zusätzlichen Speicherplatz anmieten. Ein Upgrade auf 50 GB kostet satte 100 Dollar pro Jahr.

Ob man die braucht, ist eine andere Frage. Der Fotostream-Dienst etwa, der Schnappschüsse sofort auf iCloud hochlädt, benötigt keinen Speicherplatz, da Fotos kostenlos in iCloud gelagert werden: maximal 1000 und jedes davon nicht länger als 30 Tage. Das klingt kleinlich. Für den eigentlichen Zweck reicht das aber locker aus. Denn der besteht darin, Bilder nicht dauerhaft zu lagern, sondern zwischen allen mit einem Account verbundenen Geräten auszutauschen. Im Test erschienen mit dem Handy geknipste Fotos meist schon nach zehn Sekunden auf einem iPad beziehungsweise einem Apple-Rechner. Derselbe Trick klappt mit Musik und Apps ebenso problemlos. Abzuwarten bleibt nur, wie stabil der Datenaustausch per iCloud funktioniert, wenn mehrere Millionen User das System gleichzeitig nutzen und nicht nur die wenigen Test-User der Beta-Phase.

Millionen Vorbestellungen

Dieser Real-Life-Test dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Das iPhone 4S soll am 14. Oktober erhältlich sein. Innerhalb der ersten 24 Stunden nach Beginn der Vorbestellungsfrist gingen bei Apple mehr als eine Million Vorbestellungen ein. Beim iPhone 4 waren es im selben Zeitraum noch 600.000 Exemplare gewesen.

Wer die Vorbesteller sind, lässt sich leicht erraten: Vor allem Besitzer alter iPhones der Serien 3G und 3GS dürften darunter sein. Diese Anwender haben zum Teil erheblich darunter gelitten, dass ihre Handys von Apples letztem Software-Update auf iOS 4 überfordert waren und teilweise sehr langsam wurden. Außerdem sind ihre mit dem Handykauf abgeschlossenen Verträge jetzt mindestens zwei Jahre alt - und damit reif für den Kauf eines subventionierten Smartphones.

Altes iPhone wird neues iPhone

Wer dagegen schon ein iPhone 4 besitzt, braucht das Modell 4S nicht. Sicher, die Kamera ist deutlich besser, der sprachgesteuerte Assistent Siri eine reizvolle Ergänzung. Doch den Neukauf nach nur einem Jahr rechtfertigen beide nicht. Ganz ähnlich sah es seinerzeit aus, als das iPhone 3GS erschien. Aber das kann iPhone-Nutzern durchaus recht sein. Behält Apple seinen jetzigen Rhythmus bei, kann man sich auf ein signifikantes Update alle zwei Jahre einrichten, synchron zur Laufzeit üblicher Mobilfunkverträge.

Das kostenlose Update auf iOS 5 kann dagegen jedem Anwender empfohlen werden, der ein taugliches Gerät besitzt. Auf den ersten Blick sieht iOS 5 nicht viel anders aus als sein Vorgänger. Doch wer ein wenig tiefer gräbt, findet manche Perle. So wie eine Erinnerungsfunktion, die nicht nur zu einer bestimmten Uhrzeit anschlägt, sondern auch vermelden kann, wenn man sich an einem vorher definierten Ort befindet. Davon werden vor allem Besitzer des iPhone 4 profitieren: Ihr Handy wird mit der neuen Software zu einem iPhone 4S light.

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