Luxus-Smartphone Das iPhone X ist noch nicht teuer genug

Apple bringt sein neues Luxus-iPhone auf den Markt - für mehr als 1000 Euro. Und doch fehlt dem Gerät ein entscheidendes Feature: Fairness.

iPhone-Verkäufer in Hongkong zählt Bargeld
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iPhone-Verkäufer in Hongkong zählt Bargeld

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Ist ein Produkt günstig, hat meist schon jemand anderes dafür bezahlt. Für die Eier zum Spottpreis hat wahrscheinlich das Huhn in der Legebatterie zahlen müssen, für die Billigstkleidung aus dem Discounter vielleicht eine Näherin in Kambodscha und fürs günstige Kinderspielzeug der Arbeiter in einer chinesischen Fabrik.

Bezahlt wurde dann nicht mit Geld, sondern mit Leid, Schweiß, Arbeit. In Bergwerken oder Minen, auf Plantagen und in Sweatshops dieser Welt zahlen Tag für Tag andere Menschen den eigentlichen Preis für unsere Produkte.

Wer das nicht möchte und es sich leisten kann, hat oft eine Wahl: Es gibt auch faire Produkte, für die dann - hoffentlich - wirklich nur der Konsument die Rechnung bezahlen muss. Nur sind die meist wesentlich teurer als ihre herkömmlich hergestellten Gegenstücke.

Es gibt aber auch Produkte, die sehr teuer sind - und trotzdem hat schon einmal jemand anderes dafür bezahlt. Und zwar einen hohen Preis. Zu diesen Produkten gehören Smartphones.

Für den Preis gibt es Luxustechnik

Am heutigen Freitag kommt Apples Jubiläums-iPhone X in den Handel, je nach Ausführung zu einem Preis zwischen 1149 und 1319 Euro. Kritiker empört der Preis, dabei kosten auch ein aktuelles Google Pixel 2 XL oder ein Galaxy Note 8 je nach Ausführung um die 1000 Euro. Es ist Technikluxus, ja. Für den Preis gibt es aber auch Luxustechnik. Ein ordentlicher Computer kostet eben einiges. Bei vielen Menschen dürfte das Smartphone der beste Computer im ganzen Haushalt sein, oft wohl auch der meistgenutzte.

Ärgerlich ist nur: Selbst wer so einen hohen Preis bezahlen kann und bezahlen will, bekommt dafür immer noch kein faires und somit wirklich gutes Produkt. Auch wenn die Hersteller immer wieder beteuern, sich etwa um bessere Arbeitsbedingungen zu bemühen, so kommt das bei Smartphones einfach nicht hin.

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Apple-Smartphone: Das kann das iPhone X

Die Komplexität unserer globalisierten Welt in einem Gerät

Die Geräte bestehen aus enorm vielen verschiedenen Komponenten, für die ganz unterschiedliche Rohstoffe gebraucht werden. Die Lieferketten sind kompliziert und undurchsichtig, das Problem lässt sich schwer beherrschen. Das Kobalt für die Akkus wird in Minen im Kongo gewonnen, laut Amnesty International oft durch Kinderhände. Nach einem Bericht von Anfang 2016 haben sich mehrere große Hersteller zusammengeschlossen, um die Arbeitsbedingungen bei der Kobalt-Gewinnung zu verbessern. Apple hat den Ankauf aus kleinen Minen , in denen von Hand abgebaut wird, sogar vorerst gestoppt.

Allerdings hatte der Konzern schon zuvor richtigerweise darauf hingewiesen, dass von der Arbeit in den Minen viele Menschen in den ärmsten Ländern leben und ein Boykott ihnen massiv schaden kann. In der Smartphone-Produktion findet sich eben die ganze Komplexität unserer globalisierten Welt wieder.

Denn im genannten Beispiel ging es ja allein um Kobalt und Kinderarbeit. Man könnte gleich weitermachen mit Zinn, Wolfram oder Gold. Und mit Minen, in denen Erwachsene ausgebeutet werden oder die zur Finanzierung von Bürgerkriegen beitragen. Bei der Smartphone-Herstellung gibt es so viele Baustellen, dass selbst Transparenz-Initiativen wie die von Apple über ihre Lieferketten und die durchaus vorhandenen eigenen Bemühungen auf dem Gebiet nicht überall Licht ins Dunkel bringen.

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Fairphone 2 im Test: Das Selbermachen-Smartphone

Wer als bewusster Käufer ein sozial verträgliches Smartphone zu erwerben wünscht, hat kaum eine Wahl. Allenfalls käme wohl das Fairphone aus den Niederlanden infrage. Dessen Macher versuchen, die Handys möglichst ohne Ausbeutung und mit so wenig Umweltbelastung wie möglich herzustellen. Das ist auch für die kleine Firma so kompliziert, dass sich selbst das Fairphone keineswegs komplett fair herstellen lässt. Vor allem aber hat es mit dem Technikluxus eines iPhone X nichts zu tun - es ist auch viel billiger.

Fairness als Feature

Wäre es aber nicht schön, für einen viel höheren Preis dann auch eine faire Variante des Technikluxus zu bekommen? Könnte Apple mit seinem Geld, seiner Macht und seinen immensen Ressourcen nicht die Vorreiter-Rolle übernehmen und das erste wirklich komplett faire Telefon herstellen?

Wenn ich schon bereit wäre, mehr als 1300 Euro für ein Smartphone auszugeben, dann dürfte es auch noch 100 Euro teurer sein - und dafür unter etwas besseren Bedingungen produziert werden. Natürlich könnte man das bestimmt gleich einpreisen, aber ich will Apple gar nicht um seine verdiente Gewinnspanne bringen. Schließlich gibt es genug Leute, die gewillt sind, den Preis zu zahlen - ohne auch nur nachzufragen, unter welchen Bedingungen das Produkt hergestellt wird. Ich gehöre nicht dazu.

Ich wünsche mir ein Luxus-Smartphone, das diesen Namen wirklich verdient. Das nicht nur einen schnieken Bildschirm, eine potente Kamera und eine ausgefeilte Gesichtserkennungsfunktion hat, sondern ein weiteres wichtiges Feature: Fairness. Auch wenn es dadurch noch teurer wird. Zumindest für mein Edeltelefon würde ich nämlich gern selbst bezahlen dürfen.

Video: Das kann das iPhone X

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Philipp Reinhard 03.11.2017
1. Der Markt entscheidet, nicht die Herstellungskosten.
Bei der Höhe des Preises spielen die Herstellungskosten keine Rolle. Entscheidend ist der Markt (die Preise der Konkurrenz-Modelle) bzw. die Kaufbereitschaft der Kunden. Ein fair produziertes iPhone müsste also nicht teurer sein.
rainerwäscher 03.11.2017
2. Iponepreis + Steuern = fair
Es ist doch eine bekannte Tatsache, dass wir hier unseren Reichtum zu einem guten Teil der Ausbeutung der Ärmsten verdanken. Das betrifft alle möglichen Produkte. Aus diesem Grunde sind wir auch moralisch verpflichtet, denen zu helfen, die bei uns Schutz suchen. Das kostet den Staat Milliarden und der Smartphonekäufer trägt mit seinen Steuern dazu bei. Ist doch fair.
mischamark 03.11.2017
3. Wünschenswert, und am
ehestens bei einem Produkt mit einer hohen Gewinnmarge zu verwirklichen, aber wie soll das gehen? Der Zug ist doch längst abgefahren. Nehmen wir an, ein Hersteller wollte ein solches Gerät in Europa herstellen lassen. Dann könnte man es höchstens dort zusammenbauen lassen, da die aufwendigeren Komponenten von ganz wenigen Herstellern kommen, die sowieso in Fernost angesiedelt sind, - wir also die Kapazitäten und Möglichkeiten gar nicht hätten, gewisse Komponenten in der ersten Welt herstellen zu lassen. Das würde sich am stärksten im unteren Preissegment auswirken, mit der Folge, dass sich Otto Normalverbraucher heute selbstverständliche Produkte nicht mehr leisten könnte. Sehe ich da was falsch?
Phi-Kappa 03.11.2017
4. Fairness-Maximierung
Sehr schön auf den Punkt gebracht. Und wie Sie schon anmerken: Was spricht wirklich dagegen, wenn sich die großen Gadget-Hersteller zu einer Initiative zusammenschlössen, mit dem Ziel, nein nicht der Gewinn-, sondern der Fairness-Maximierung?
Paddel2 03.11.2017
5. Wunschdenken
Ich kann dem Autor nur zustimmen. Trotzdem wird es Wunschdenken bleiben. Apple hat zwar die Macht, seine Fertigungsfabriken in China zu verändern, nicht aber die Rohstoffgewinnung. Was juckt es Mienenbetreibern wenn sich ein Smartphone-Hersteller verabschiedet, wenn die Ökobewegung immer mehr Elektroautos fordert, deren Akkus jeden von Smartphones deutlich übertreffen?! Smartphones sind zudem global nachgefragte Produkte und Deutschland kann da wenig ausrichten. So muss sich jeder selbst fragen, ob das Raushalten aus technologischen Märkten ein vertretbarer Preis für ein reineres Gewissen ist.
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