Kindle Convert Neue Amazon-Software macht aus Büchern E-Books

Die eigene Büchersammlung auf einem Kindle lesen? Eine neue Amazon-Software soll es möglich machen. Aber wer will das eigentlich? Und wer hat die Zeit dafür?

Kindle Connect: Bücher digitalisieren mit Halbautomatik

Kindle Connect: Bücher digitalisieren mit Halbautomatik


Scheuen Sie den Kauf von E-Book-Titeln, weil Sie diese schon in gedruckter Form besitzen? Dann bietet Amazon seit dieser Woche einen Ausweg. Das neue PC-Programm Kindle Convert soll es jedermann ermöglichen, gedruckte Bücher in E-Books umzuwandeln, die sich dann bequem per E-Book-Reader lesen und archivieren lassen.

Die Veröffentlichung des Programms erfolgte still und leise. Nicht mal eine Pressemitteilung verschickte der Konzern. Die Konvertierungs-Software tauchte am 2. Februar unvermittelt im Amazon-Shop auf. Der Preis wird mit 49 Dollar angegeben, derzeit gilt ein Einführungspreis von 19 Dollar. Über den heimischen Vorgarten traut sich Amazon damit allerdings noch nicht hinaus: Der Konzern bietet die Software vorerst nur Kunden mit US-Rechnungsadresse und -Lieferanschrift an.

Neben einem PC mit Windows 7 oder 8 und einem Amazon-Account wird natürlich ein Scanner benötigt, um Kindle Convert zu verwenden. Besonders hohe Ansprüche stellt die Software an dessen Güte offenbar nicht: 300 bis 600 dpi Auflösung müsse der beherrschen, das konnten solche Geräte schon im vergangenen Jahrtausend.

Digitalisierung ist Handarbeit

Zum Digitalisieren müssen die einzelnen Seiten dann mit dem Scanner erfasst werden. Wer den Vorgang beschleunigen und es sich leichter machen möchte, benutzt dazu einen automatischen Einzelblatteinzug. Eine Technik, die leider nur funktioniert, wenn man das Buch zuvor in seine Einzelseiten zerlegt. Ansonsten muss man neben dem Scanner stehen und die Vorlage Seite für Seite manuell einscannen. Bei der dreibändigen Ausgabe von "Das Kapital" kann das eine Weile dauern.

Eine Texterkennungssoftware wandelt daraufhin selbstständig die Bilder in einen Fließtext um. Wer im Buch handschriftliche Notizen und Hinweise gemacht hat, kann diese als Bild ins E-Book einfügen. Das fertig konvertierte Dokument kann dann in die Amazon-Cloud hochgeladen werden. Von dort aus lassen sich die digitalisierten Bücher auf Kindle-Lesegeräte und in Kindle-Lese-Apps laden und dort genau wie gekaufte E-Books nutzen.

Die ersten Nutzer jammern

Die ersten Reaktionen von Anwendern zeigen ein eher maßvoll begeistertes Bild. An erster Stelle stört viele der umständliche und zeitraubende Prozess des Einscannens. Zudem ist die Arbeit mit Einscannen und Texterkennung noch lange nicht erledigt.

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Konzernzentrale in Seattle: Amazons unscheinbares Hauptquartier

"Endgadget" weist darauf hin, dass der digitalisierte Text noch mit weiteren, umständlichen Arbeitsschritten aufgehübscht werden muss. Auf jeder einzelnen Seite müsse der Textbereich manuell markiert werden. Dasselbe gelte für Kapitel und Zwischenüberschriften, danach seien noch Lesefehler zu eliminieren.

Musiksammler kennen das

Das Gejammer über die umständliche Digitalisierungsarbeit erinnert an die Probleme, mit denen all jene zu kämpfen hatten, die ihre alte Musiksammlung digitalisieren wollten. Egal ob von Kassette oder Schallplatte, wer analog gespeicherte Musik in MP3 oder ein anderes digitales Format umwandeln will, steht vor denselben Problemen.

So wie man bei Amazon jetzt Bücher Seite für Seite digitalisiert, muss man die alten Musikmedien in Echtzeit einlesen, weil es technisch nicht anders geht. Und auch eine digitalisierte Langspielplatte erfordert manuelle Nacharbeit, wenn Titelnamen, Albumtitel und ähnliches eingegeben werden müssen. Kein Wunder also, das viele Sammler geliebte Alben lieber noch einmal in einem der Online-Musikshops kaufen.

Es könnte einfacher sein

Das Blog "Lesen.net" macht allerdings darauf aufmerksam, dass es auch einfacher sein könnte. Mit Kindle MatchBook bietet Amazon seinen US-Kunden Kindle-Versionen ihrer gedruckt gekauften Bücher an. Einen ähnlichen Service gibt es auch für Musik, die man dort auf CD erworben hat.

Allerdings umfasse Kindle MatchBook derzeit nur 76.000 Buchtitel. Das seien nur 6000 mehr als beim Start des MatchBook-Angebots vor anderthalb Jahren. Offensichtlich hätten die Verlage kein Interesse, Käufern die Digitalversion ihrer Print-Titel gratis zu überlassen.

Mit Kindle Convert übe Amazon nun Druck auf die Verlage aus: "Botschaft: Wenn ihr eure Digital-Ausgaben nicht günstig verkaufen wollt, geben wir unserer Kundschaft ein Scan-Tool an die Hand, und ihr bekommt eben gar nichts."

meu/mak



insgesamt 29 Beiträge
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Brother Lui 04.02.2015
1. sehr gute Idee, Amazon!
Ich hoffe das setzt sich durch und lässt keinen Platz mehr für Verlage, die den Branchenriesen blockieren wollen. Wer heute noch analog liest ist stehen geblieben.
Falcon030 04.02.2015
2.
Das grundsätzliche Prinzip von Kindles MatchBook finde ich allerdings schon toll. Es muss ja nicht die Digitalfassung gleich gratis zum Buch dazu geben (auch wenn viele Filme es mittlerweile vormachen und zusätzlich zur Kauf-DVD / BluRay auch einen digitalen Download gratis anbieten). Aber warum denn nicht für einen moderaten Aufpreis zum gedruckten Buch noch einen Code für einen einmaligen Download des Ebooks mitliefern? Ich fände das einen tollen Service und bin sicher, dass viele (mich eingeschlossen) diese Option nutzen würden.
nomenestomen1 04.02.2015
3.
ich geh mal davon aus das die meisten scanner nach ein paar büchern den geist aufgeben ich versteh auch nicht warum sich nicht jemand dieser arbeit für den konsumenten annimmt ich les e-books nur wegen der augen ansonsten wär mir ein buch lieber leider überwiegt bei den e books zur zeit doch noch die "trivialliteratur"
Onzlow 04.02.2015
4.
Ich will IVONA Text-To-Speech auf einem Kindle, aber das traut sich Amazon (noch) nicht.
Paul Panda 04.02.2015
5. Lebensaufgabe
Beim Lesen des Artikels musste ich grinsen. Es geht auch ohne Amazon-Software: Mit einem Scanner und dem dazugehörigen Programm, einem OCR-Programm und einem Textverarbeitungsprogramm. Ich habe das nämlich mit meinem Scanner schon vor einem Jahr bei einem dicken Buch von 500 Seiten probiert und genau die gleichen Erfahrungen gemacht, wie im Artikel beschrieben: Man braucht sehr viel Zeit und Geduld. Nach einer Weile wird das Einscannen außerdem auch langweilig und die Pausen, die man braucht, werden immer länger. Das größte Problem ist die Falz des Buches in der Mitte. Der dort angesiedelte Text wird beim Scannen fast immer unscharf und daher von der OCR-Softare nicht richtig erfasst. Der Autor bringt es auf den Punkt: Man müsste das Buch nicht zuletzt auch deshalb zerschneiden - aber wer will das schon! So habe ich nach einigen Wochen dann trotzdem nur ein Viertel des Buches geschafft und den Rest auf unbestimmte Zeit vertagt. Wer mit dieser Methode eine ganze Bbliothek digitalisieren möchte, muss wissen, dass er damit eine Lebensaufgabe vor sich hat. Also besser Hände weg!
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