Klon aus dem 3D-Drucker: Huch, das bin ja ich

Von

3-D-Druck: Liebling, ich habe den Netzwelt-Redakteur geschrumpft Fotos
SPIEGEL ONLINE

Eine Hamburger Firma druckt Doppelgänger: Aus Dutzenden gleichzeitig aufgenommenen Fotos entsteht erst ein 3D-Modell, mit Hilfe von Pulver und Farbe wird dann eine erstaunlich detailreiche Figur erstellt. Wie echt wirken die kleinen Zwillinge? Ein Test.

Spitze Nase, Falten in der Hose, Bändsel an der Kapuze: Ja, das bin ich. 20,5 Zentimeter groß und 260 Gramm schwer, ein Miniatur-Doppelgänger, ausgedruckt in 3D. Und das mit erstaunlichen Details: Die Knöpfe an meiner Jacke sind zu erkennen, das Logo auf der Mütze, die Streifen auf den Sohlen meiner Turnschuhe.

Für mein Mini-Ich hat mich der Werbefilmer Timo Schaedel mit Digitalkameras von allen Seiten fotografiert. In einem Gründerzeithaus in der Hamburger City hat er sein Studio eingerichtet, ein rundes Gerüst aufgebaut und mit mehreren Dutzend Fotoapparaten behängt. Die Kameras lösen gleichzeitig aus, so dauert das Modellstehen nur ein paar Sekunden. Die Brille habe ich vorher abgenommen, sie wird extra fotografiert und später eingesetzt.

Dann heißt es warten: Aus den Fotos berechnet ein Computer ein 3-D-Modell, Schaedel kümmert sich um die letzten Details. Möglichst echt soll es aussehen. Digitale Schönheitsoperationen sind nicht drin: "Wir wollen schöne Porträts erschaffen", sagt Schaedel. Aus der Vorlage wird dann die Figur gedruckt. Nach ein paar Wochen kommt der Zwilling per Post, gebettet in Pappspäne und mit einer Grußbotschaft: "Hello friends, I am the twin of your kind." Ich halte meinen eigenen Klon in den Händen (siehe Fotostrecke).

Haustiere und Anfragen aus Indien

Monatelang haben Timo Schaedel und Kristina Neurohr an der Technik gefeilt und Druckverfahren ausprobiert. Im Juni waren sie dann endlich zufrieden mit ihren Fotofiguren. Auf Facebook veröffentlichten sie Bilder von Doppelgängern - und starteten damit ihre Firma Twinkind. Seitdem kommen stündlich neue Anfragen, selbst aus Indien, Korea oder Japan. Gerade erst war ein Geschäftsmann aus Finnland da, um sich drucken zu lassen.

"Wir wollen den Bilderrahmen auf dem Klavier ersetzen", sagt Schaedel. Großeltern können sich die Enkel ins Regal stellen, Eltern ihre Kinder auf den Büroschreibtisch. Auch eine Schwangere und Haustiere waren schon im Studio. Als Spielzeug taugen die Figuren aber eher nicht, dafür sind sie zu zerbrechlich - und zu teuer. Die kleinste Version kostet 225 Euro, eine rund 20 Zentimeter hohe Figur 290 Euro.

Im Gegensatz zu den vergleichsweise günstigen 3-D-Druckern, die mit farbigen Plastikfäden gefüttert werden und aus diesen ein einfarbiges Modell Schicht für Schicht aufbauen, ist mein Doppelgänger aus Polymer-Gips. Bei diesem Druckverfahren werden viele Lagen eines Gipspulvers übereinandergelegt, auf jede sprüht ein Druckkopf an die Stellen ein Bindemittel, aus denen das 3-D-Modell wächst.

3-D-Druck mit Pulver und Bindemittel

Der Doppelgänger liegt dann in einem Pulverhaufen - und muss nicht mehr nachträglich angemalt werden: Das Bindemittel lässt sich vor dem Auftragen einfärben, so ähnlich wie bei einem Farb-Tintenstrahldrucker. Ganz neu ist diese Technik nicht, doch der 3-D-Pulverdruck wird bisher vor allem in der Industrie eingesetzt. Die Maschinen sind schlicht noch zu teuer für den Hobbykeller.

Doch auch das dürfte sich ändern. Die 3-D-Technik hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Gedruckt werden nicht nur Prototypen, sondern auch passgenaue Hörgeräte oder Kunstwerke aus Zucker. Nicht wenige sprechen von einer Revolution, ähnlich bedeutsam wie die Erfindung des zweidimensionalen Druckens durch Johannes Gutenberg vor mehr als 500 Jahren. Neben Prothesen für beinamputierte Enten können Amateure mittlerweile schon rudimentäre Schusswaffen ausdrucken.

Die Fotofiguren von Twinkind fallen zwischen Hobbykeller und Industrie-Prototyp. Vor allem das Erstellen der digitalen Vorlage, ohne die der beste 3-D-Drucker nutzlos ist, stellt derzeit noch eine Hürde für Amateure dar. Timo Schaedel nutzt dazu seine Erfahrungen als Werbefilmer und 3-D-Grafiker. Andere Anbieter von 3-D-Figuren legen beispielsweise ein Foto auf voreingestellte Kopfformen oder scannen das Modell in minutenlanger Arbeit mit einer Kamera ab.

Nun steht mein kleiner Zwilling vor mir auf dem Schreibtisch. So müssen sich Babys fühlen, die sich zum ersten Mal im Spiegel selbst erkennen.

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Teurer Spaß
Trueless 29.07.2013
Zugegeben ein witziges Gimick. Als "3D-Foto" für Mutti sicher ein tolles Geschenk. Doch 400,-€ für eine "Ich"-Actionfigur. Für einen Spiegel-Autor mag es im Budget liegen. Ich muss von so einer Summe meine leider Miete zahlen und noch Jahre warten, bis das ganze Massentauglich ist.
2. optional
spon-facebook-1702879127 29.07.2013
Schon witzig, aber eine Recherche hätte zu Tage gebracht dass das ganze ein "alter Hut" ist, auch die herangehensweise mit mehreren Kameras gleichzeitig wird nun schon länger in Düsseldorf (www.deepend-productions.de) betrieben. Und nicht nun neu in Hamburg, wie der Artikel andeutet.
3.
Taraxacum 29.07.2013
Eine tolle Idee! Jemand mir sehr viel Geld könnte sich eine komplette Weihnachskrippe mit Freunden und Verwandten als Figuren drucken lassen. Oder ein individuelles Schachspiel.
4. Der moderne Gartenzwerg
lizard_of_oz 29.07.2013
Zitat von sysopEine Hamburger Firma druckt Doppelgänger: Aus Dutzenden gleichzeitig aufgenommenen Fotos entsteht erst ein 3-D-Modell, mit Hilfe von Pulver und Farbe wird dann eine erstaunlich detailreiche Figur erstellt. Wie echt wirken die kleinen Zwillinge? Ein Test. Klon aus dem 3-D-Drucker: Huch, das bin ja ich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/klon-aus-dem-3-d-drucker-huch-das-bin-ja-ich-a-913190.html)
Ich meine, dann könnte man lebensecht aussehende Politiker als Gartenzwerge ausdrucken und dann mit dem Kopf nach unten im Garten platzieren, Vorschlag: Misthaufen. Als Fotoersatz sehe ich die Idee nicht, denn erstens verbindet sich meist eine Erinnerung mit einem Foto und zweitens sehen die Druckerteile doch nicht so perfekt aus, ist ja auch kein Wunder bei diesen Minigrößen. Der Kopf nur so groß wie ne Murmel, den kann Oma doch gar nicht mehr erkennen. Als Einrichtung für die eigene Behausung kommt das nur bei sehr eitlen Menschen in die engere Auswahl. Gut würde ich das als Chef finden und in jedes meiner Mitarbeiterbüros so eine Figur von mir aufstellen. Den weisen Blick leicht überhöht in eine den Mitarbeitern verschlossene Ferne gerichtet.
5.
Greyjoy 29.07.2013
Eine ähnliche Idee gab es auch vor Jahren beim Online Spiel World of Warcraft. Da konnten Spieler ihre Online Charaktere ausdrucken und in einer Sammelbox bestellen. Diese Sache geht da noch eine Stufe weiter und als Geschenk finde ich die Sache echt nett. Genau wie diese Geschichte Fötus-Modell: 3D-Drucker bildet Fötus dreidimensional nach - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/foetus-modell-3d-drucker-bildet-foetus-dreidimensional-nach-a-869555.html) Ich arbeite schon seit ein paar Jahren mit verschiedenen 3D-Druck Techniken und bin immer wieder fasziniert welche Ideen manche Menschen mit der Technik umsetzen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gadgets
RSS
alles zum Thema 3D-Drucker
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 22 Kommentare

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.