Kopfhörer im Test: Was Weiches auf die Ohren

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Kopfhörer, die man über die Ohren stülpt, statt sie in den Gehörgang zu drücken, werden immer populärer. Unser Test vergleicht drei sehr unterschiedliche Modelle von Logitech, B&W und RHA - wie gut klingen Edel-Kopfhörer und Schnäppchen?

Die drei Testkopfhörer: Vollkommen unterschiedliche Klangerlebnisse Zur Großansicht
Matthias Kremp

Die drei Testkopfhörer: Vollkommen unterschiedliche Klangerlebnisse

In-Ohr-Kopfhörer sind heute der Standard, wenn es darum geht, Musik unterwegs oder zu Hause ohne Lautsprecher zu hören. Der Grund: Fast jedem Handy liegt ein Paar solcher Kopfhörer bei. Sie sind praktisch, weil man sie einfach in die Jackentasche stopfen kann. Aber jedermanns Sache sind sie nicht. Manche stören sich am Klang, der quasi direkt in den Gehörgang gepumpt wird, andere mögen das Gefühl nicht, wenn die kleinen Stöpsel im Ohr stecken.

Für diese In-Ohr-Verächter gibt es traditionelle Kopfhörer, die man sich über die Ohren stülpt (over-ear) oder auf die Ohren legt (on-ear). Drei sehr unterschiedliche Exemplare dieser Alternativen habe ich getestet:

  • den UE 9000 von Logitech, den man mit Kabel oder ohne benutzen kann und der auch zum Telefonieren taugt,
  • den noblen P5 von Bowers & Wilkins,
  • den günstigen RA950i des britischen Herstellers RHA, der mit Preis und Technik punkten soll.

Logitech UE 9000

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Der Moderne: Logitech UE 9000
Ergonomie: Für einen Kopfhörer, der zu großen Teilen aus Metall besteht und wegen Elektronik und Akku recht schwer ist, schmiegt sich der UE 9000 gut an den Kopf an. Die weich gepolsterten Ohrmuscheln und der ebenfalls gut gepolsterte Tragebügel sorgen dafür, dass der Kopfhörer nicht störend drückt, auch wenn er längere Zeit getragen wird. Die gesamte Konstruktion wirkt sehr robust. Ein feines Detail: Die Markierungen für links und rechts sind farbig aufgedruckt, links in weiß, recht in Rot.

Als eher nervig habe ich die Tasten empfunden, mit denen die beiden Ohrmuscheln bedeckt sind. Insgesamt sind es fünf Tasten, zwei LEDs und zwei Anschlüsse, da muss man sich einiges merken. Besser also, man verinnerlicht die Bedienungsanleitung.

Sound: Hinsichtlich des Klangs muss sich der UE 9000 nicht vor ähnlich teuren Konkurrenzmodellen verstecken. Er kann sehr kräftige Bässe produzieren, die tiefe Trommeln regelrecht gegen die Ohren hämmern lassen. Dabei wird der Kopfhörer aber nicht schwammig, sondern bleibt auch im Mitten- und Hochtonbereich transparent. Diese Eigenschaft sorgt beispielsweise bei Maximo Parks "Apply Some Presure" dafür, dass man sehr gut die mittige Charakteristik des Basses heraushören kann, die sonst oft von der sehr breiten Bassdrum übertönt wird. Die Klangcharakteristik ist sehr warm, mit minimal abgeschwächten, aber gut ortbaren Höhen.

Einen großen Unterschied macht es, ob man den Kopfhörer passiv oder aktiv betreibt. Im aktiven Modus (also einfach per Kabel mit einem Zuspielgerät verbunden) liefert er einen recht neutralen Sound. Der ist gut zum Beurteilen von Musik geeignet, könnte manchem Musikhörer aber als zu flach erscheinen. Schaltet man den Kopfhörer ein, wird nicht nur die Geräuschunterdrückung aktiviert, sondern auch ein Verstärker. Der macht die Musik zum einen lauter, zum anderen werden die Bässe etwas angehoben. Im Bluetooth-Betrieb gibt der UE 9000 eine Klangbild von sich, das ungefähr zwischen der aktiven und passiven Kabelbetriebsart steht.

Extras: Weil der UE 9000 über eine aktive Geräuschunterdrückung verfügt und schon durch seine dicken Ohrmuscheln Außengeräusche gut abschirmt, verliert man beim Tragen den akustischen Kontakt zur Außenwelt. Über eine "Listen Through"-Taste kann der wieder hergestellt werden. Die Taste aktiviert ein Mikrofon, das Außengeräusche durchleitet und stellt gleichzeitig die Musik stumm. Allerdings nur im Bluetooth-Betrieb. Verglichen mit den ebenso teuren Bose Quiet Comfort 15 ist die Geräuschunterdrückung allerdings weniger effektiv.

Zudem lässt sich der UE 9000 mit bis zu acht Geräten koppeln, was beileibe nicht üblich ist. Viele Bluetooth-Kopfhörer akzeptieren nur eine oder maximal zwei drahtlose Gegenstellen und müssen bei einem Wechsel des Zuspielers umständlich umkonfiguriert werden.

Fazit: Logitechs UE 9000 kann in vielen Bereichen punkten: Er klingt gut, besteht aus hochwertigen Materialien und ist drahtlos, verkabelt und als Headset einsetzbar. Mit einem Listenpreis von 350 Euro ist er aber auch sehr teuer. Eine Alternative könnte Logitechs UE 6000 sein, der etwas schlichter gestaltet und ausgestattet ist, dafür aber auch 150 Euro weniger kostet.

Bowers & Wilkins P5

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Der Edle: Bowers & Wilkins P5
Ergonomie: Der britische Hersteller Bowers & Wilkins (B&W) gibt sich Mühe, mit teuren Materialien zu überzeugen. Edelstahl, Aluminium und neuseeländisches Schafsleder sind die Hauptzutaten der P5. Das Ergebnis dieser Kombination ist ein Paar sehr leichter und gleichzeitig robuster Kopfhörer. Eine Besonderheit sind die magnetisch gehaltenen Ohrpolster, die ohne Werkzeug mühelos abnehmbar sind. So könnte man sie theoretisch auch schnell auswechseln, was aber gar nicht wünschenswert ist. Unter dem Lederbezug bestehen sie aus einem Kunststoff, den der Hersteller als Memory-Schaum bezeichnet, der sich der Ohrform des Trägers anpassen soll. Ich konnte nichts dergleichen bemerken, wahrscheinlich habe ich sie nicht lange genug getragen.

Der Tragebügel scheint mir etwas kurz geraten zu sein. In maximaler Auslenkung passen die Ohrpolster gerade so auf meine Ohren. Menschen mit größeren Köpfen sollten die P5 vor dem Kauf ausprobieren.

Sound: Laut Bowers & Wilkins soll der P5 einen besonders natürlichen Klang liefern. Dafür müsste man freilich definieren, was natürlicher Klang ist. Von einem neutralen Klangbild jedenfalls sind die Kopfhörer weit entfernt. Aber das ist sicher auch nicht der Anspruch.

Zumal viele Menschen einen neutralen Klang als langweilig empfinden. Denen könnte dieser Kopfhörer gefallen. Der P5 betont die Bässe und Höhen, ohne sie aufdringlich in den Vordergrund zu schieben. Die oberen Mitten allerdings sind etwas überbetont. Das macht Sprache und Gesang zwar gut verständlich, verändert das Klangbild aber deutlich. Insgesamt wirkt der Sound etwas indirekt, er könnte mehr Klarheit vertragen.

Extras: Dem P5 liegen zwei Anschlusskabel bei, eines mit Steuerungsfunktionen für Apple-Geräte und ein zweites ohne eingebauten Schalter. Außerdem ist ein Adapter von Miniklinke auf Klinkenstecker dabei. Für den Transport liefert B&W eine gesteppte Transporttasche mit, die den Brit-Look komplettiert.

Fazit: Mit dem P5 hat Bowers & Wilkins einen Kopfhörer geschaffen, der perfekt zu Automarken wie Jaguar oder Bentley passt: Die Verarbeitung ist hervorragend, die Materialien hochwertig. Der Sound allerdings ist Geschmackssache. Ich würde ihn als gemütlich bezeichnen, wären da nicht die etwas zu stark ausgeprägten Mitten. Die Bässe sind sehr deutlich vernehmbar, reichen aber nicht bis auf den Boden des Basskellers, die oberen Höhen wirken sanft abgeregelt. Das sorgt zwar für einen warmen Grundton, nimmt aber etwas Brillanz. Da der P5 rund 270 Euro kostet, sollte man ihn deshalb unbedingt mit bereits bekannter Musik Probe hören, bevor man ihn kauft.

RHA SA950i

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Der Günstige: Kopfhörer RHA SA950i
Ergonomie: Beim Auspacken wird schnell klar, dass der Kopfhörer des kleinen britischen Unternehmens RHA in einer anderen Liga spielt als die teure Konkurrenz. Der Tragebügel ist mit Kunstleder bezogen, der Bügel selbst fällt deutlich dünner aus, die Ohrmuscheln sind aus Plastik, die Ohrpolster mit Kunststoff verkleidet.

Trotzdem ist der Tragekomfort recht gut, wenngleich mir auch hier die Tragebügel etwas zu kurz gewählt scheinen. Verglichen mit dem P5 und dem UE 9000 ist beim SA950i alles etwas klapprig, wirkt aber nicht billig. Dazu trägt auch bei, dass das Anschlusskabel abnehmbar ist, das mitgelieferte Kabel i-Geräte steuern kann und ein Mikrofon zur Nutzung als Freisprecheinrichtung enthält.

Sound: Während das Äußere also nicht ganz überzeugen kann, bringt der RHA-Kopfhörer klanglich recht erstaunliche Ergebnisse zustande. Die Bässe sind kräftig und tief. Der Moog-Bass am Anfang von Rushs "Tom Sawyer" etwa drückt schön von unten. Die Höhen sind ebenso gut ausgeprägt. Die unteren Mitten allerdings sind etwas überbetont, was den Sound leicht muffig und pappig machen kann.

Extras: Im Paket des SA950i stecken die Kopfhörer samt Anschlusskabel und einem kleinen Info-Heftchen. Mehr ist nicht drin.

Fazit: Bei Material, Verarbeitung und Funktionsumfang muss sich der SA950i der Edel-Konkurrenz klar geschlagen geben. Sein stoffummanteltes Kabel verhindert zwar Kabelsalat, reibt aber leider auch an der Kleidung und überträgt diese Geräusche wiederum in die Ohrmuschel. Die Klangqualität allerdings ist erstaunlich, sie überzeugt allein im Mittenbereich nicht ganz. Überzeugend dagegen ist der Preis: Nur 60 Euro kosten die SA950i-Kopfhörer im Online-Versandhandel.

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1.
johnnychicago 20.11.2012
Zitat von sysopKopfhörer, die man über die Ohren stülpt, statt sie in den Gehörgang zu drücken, werden immer populärer. Unser Test vergleicht drei sehr unterschiedliche Modelle von Logitech, B&W und RHA - wie gut klingen Edel-Kopfhörer und Schnäppchen? Kopfhörer im Test - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/kopfhoerer-im-test-a-867510.html)
Klar kann ein CD/SACD-Player,Verstärker, etc, von guten Kopfhörern profitieren (genauso wie gute Lautsprecher eine Anlage aufwerten, eigentlich ist es das einzige was eine Anlage !hörbar! aufwertet), aber was manche Tester alles aus Kopfhörern resp. Anlagen, Kabel, etc... raushören wollen, ist mir ein Rätsel. Unlängst ist doch bekannt, dass dies zum grössten Teil auf subjektive Wahrnehmungen basiert. In der Hifi-Szene wird mit viel Hokus-Bokus sehr viel Geld umgesetzt.Na gut, selbst schuld wer sich auf so was einlässt. Ich gehe jede Wette ein, dass ein Mensch mittleren Alters mit normalem Gehör, bei allen drei Kopfhörern keinen Unterschied feststellen kann und wird. Ich weiss nicht wie alt der Schreiber des Artikels ist, aber sein Gehör wird vorgeschädigt sein, sofern er tatsächlich so viel Musik über Kopfhörer hört, dass er einen Unterschied festzustellen glaubt.
2. Es lohnt sich halt ...
wühlmaus_reloaded 20.11.2012
Zitat von sysopKopfhörer, die man über die Ohren stülpt, statt sie in den Gehörgang zu drücken, werden immer populärer.
... so wie ich sich jedem Modetrend zu versagen. Mein 20 Jahre alter Sony-Kopfhörer hat mich von Anfang an durch seinen Tragekomfort überzeugt (und dem Frequenzgang eines guten Kopfhörers kann sowieso kein menschliches Ohr folgen). Mit diesen Ohrenschmalz-Stopfern konnte ich mich eh' nie anfreunden. Fazit: Schon wieder Bares gespart.
3. In-Ohr-Kopfhörer sind heute der Standard?
gsfx 20.11.2012
Hallo, Da lese ich: "In-Ohr-Kopfhörer sind heute der Standard..." Dazu meine ich: Aber auch nur bei Menschen, denen Qualität nicht wichtig ist, oder denen Qualitätsunterschiede nicht auffallen. Gerade Menschen, die bei der Klangwiedergabe auf Qualität stehen, haben oft keine In-Ohr-Kopfhörer. Ich höre heute noch gerne Musik mit Kopfhörern von Sennheiser. Als alle Welt mit klapprigen Walkman-Kopfhörern herumgelaufen ist, habe ich lieber einen Sennheiser 450 II benutzt, der Klang war um Welten besser. Und auch heute tragen alle Leute, die ich kenne und die auf qualitativ hochwertige Musik stehen, ihre Kopfhörer nicht IM sondern AUF dem Ohr. Aus gutem Grund. Manche von meinen Freunden verweigern sogar das Hören von MP3s (auf Grund der doch gut hörbaren Qualitätsverluste gegenüber nichtkomprimierten Medien). Beste Grüße gsfx
4. optional
HenryS 20.11.2012
Für 150 Euro bekommt man einen guten Kopfhörer, dessen Kabel normalerweise leicht austauschbar sind. Ein Opferheadset und der nötige Stecker schlagen nochmals mit knapp 15 Euro zu Buche, Lötkenntnisse vorausgesetzt (es gibt auch Elektronikläden, die das für einen machen können). Man bekommt also für weniger als 200 Euro ein Headset, dass klanglich mindestens ebenbürtig ist und kann auf eine viel größere Kopfhörerauswahl zurückgreifen.
5. beatsaudio
divina_commedia 20.11.2012
Hier ist der htc Ausstatter beatsaudio mit dem Produkt Kopfhörer ziemlich groß im Geschäft. Zumindest rein subjektiv. Fast jeder Jugendliche bei mir im Zug (morgens/abends) hat beatsaudio Kopfhörer die (nach eigener Recherche) ca. 120,00 € /- kosten.
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