Kritik an Apples iPad: Von wegen Wunderflunder

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Kein USB-Anschluss, kein Karten-Einschub, keine Kamera, wenig Speicher - und wozu braucht man das Ding eigentlich? Nach dem Hype wächst an Tag 1 der iPad-Ära der Unmut über Apple. Viele machen im Internet ihrer Enttäuschung über Steve Jobs' neuestes Gerät Luft.

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Angefasst: iPad im SPIEGEL-ONLINE-Schnell-Check
Dass nach dem unfassbaren Hype, der Steve Jobs' gestrigem Auftritt voranging, eigentlich nur Enttäuschung folgen konnte, war klar. Dass die Antiklimax mit Ansage aber so deutlich ausfallen würde, überrascht doch etwas.

Selbst Fans des Konzerns mit dem Apfel haben ein Problem. Alle Euphorie scheint schon in Erwartung des iPads aufgebraucht worden zu sein - nun noch einen draufzusetzen, ist ziemlich schwierig. Naheliegender ist es, nach den Fehlern des neuen Geräts zu suchen. Oder seinen Zweck gleich ganz in Frage zu stellen. Und genau das geschieht nun quer durch die Tech-Blogosphäre.

Die Redaktion des "TechCrunch"-Ablegers "CrunchGear" ist sich fast vollständig einig: So ein Gerät braucht derzeit kaum jemand, aus einer ganzen Reihe von Gründen. Matt Burns ist vor allem über die mangelnden Anschlüsse und Eingänge erbost - weder einen USB-Anschluss noch einen Einschub für Speicherkarten bietet das Gerät:

"Das iPad scheint gestaltet, um seinen Käufern den letzten Penny aus der Tasche zu ziehen. Ein eingebauter SD-Kartenslot würde den Konsumenten erlauben, den Speicher selbst zu erweitern. Das wäre nicht zu Apples finanziellem Vorteil, aber von Apple hat ohnehin niemand erwartet, sich um den Kunden zu sorgen. Das ruiniert die Sache für mich."

Sein Kollege Greg Kumparak ergänzt:

"Obwohl ich meine Erwartungen niedrig gehalten hatte, wurde ich doch noch enttäuscht." Besonders verärgert ist er über die Tatsache, dass das iPad keine Kamera mitbringt, "denn das bedeutet auch: keine Augmented Reality". Als Vehikel für neue, innovative Spielkonzepte falle das Gerät damit aus.

Die fehlende Kamera bemängelt auch Mike Melanson von ReadWriteWeb. Es handle sich um "ein ernstes Problem":

"Sollen wir wirklich zusätzlich eine Kamera herumschleppen und mit dem iPad verbinden, um Sachen ins Internet zu bringen? Was ist mit Skype, zweifellos einer der Favoriten, wenn es um das Kontakthalten mit Freunden und Familie in der Ferne geht? Video Chatting kommt nicht in Frage. Bilder sind ein wichtiger Teil der Interaktivität des Webs, an den sich die Leute gewöhnt haben - und wir sind nicht sicher, wie sie auf ein Gerät reagieren werden, das solche Fähigkeiten hätte haben sollen, sie aber bedauerlicherweise nicht hat."

Tech-Journalist Nicolas Carr prophezeit in einem Artikel für "The New Republic" zwar den Untergang des PC, hat aber durchaus Zweifel am iPad:

"Wird es erfolgreich sein? Das iPad ist keineswegs eine sichere Sache. Es ist immer noch ein Tablet - ziemlich groß und ziemlich schwer. Im Gegensatz zu einem iPod oder iPhone kann man es nicht in die Hosentasche stecken. Es sieht auch nach einem etwas sperrigen Gerät aus. Das iPad wäre ideal für jemanden mit drei Händen - zwei zum Halten und eine, um den Touchscreen zu bedienen. Aber die meisten Menschen haben nur ein Paar Hände." An einem fundamentalen Wandel des Medienkonsums und damit der Computer-Nutzung ändere das alles jedoch nichts. Steve Jobs, glaubt Carr, wolle nicht nur "glamouröse Spielzeuge" herstellen: "Er will der Impresario aller Medien werden."

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Gewichtsvergleich: So viel wiegt das iPad
Stan Schroeder von Mashable (dort hat man eine ganze Liste mit den fehlenden Features des Gerätes erstellt) sieht das ähnlich - und ist unzufrieden mit den Möglichkeiten, die das Gerät bietet:

"Obwohl Steve Jobs sich viel Mühe gegeben hat, uns zu beweisen, dass das iPad ein Computer ist - das ist es eben nicht. Wie beim iPod und iPhone ist sein Hauptzweck, dem Nutzer eine einfache Möglichkeit zu geben, bestimmte digitale Inhalte zu konsumieren. Nach Musik (iPod) und mobilen Anwendungen (iPhone) kommt das iPad mit Videos, Fotos, E-Books, E-Magazinen, Games. Apple will nicht, dass man komplexe Bildbearbeitung mit dem iPad macht, dafür hat man ja seinen Mac oder PC. Apple will, dass Sie einen Knopf drücken und Inhalte konsumieren (und vorzugsweise ein paar Dollar dafür bezahlen)."

Ein Leser des Geek-Zentralorgans Slashdot sieht das iPad zwischen allen Stühlen:

"Es ist ein Konvergenz-Gerät. Es ist gestaltet, um ein besseres Netbook zu sein als der Kindle DX, ein besserer E-Reader als ein EeePC und ein besserer tragbarer Multimediaplayer als beide. Es ist kein besseres Netbook als ein Netbook, kein besserer E-Reader als ein E-Reader (obwohl Apple natürlich versuchen wird, so zu tun, als sei es in beiden Rollen besser als die Konkurrenz)."

Der Kommentator mit dem Bildschirmnamen "DragonWriter" kommt schließlich zu dem Schluss:

"Apple wettet darauf, dass das wahrgenommene Preis-Nützlichkeits-Verhältnis besser sein wird als das dedizierter E-Reader/Netbooks, weil es in allen drei Rollen gut genug ist."

Gizmodos Wilson Rothman gibt zu bedenken, dass all die Netz-Auguren, die sich heute ein bisschen enttäuscht zeigen vom vermeintlichen Wunder-Gerätchen, vermutlich gar nicht seine Zielgruppe sind:

"Wir können hier in unserer kleinen Geek-Sphäre so lange herumdiskutieren wie wir wollen, aber so sehr Apple zweifellos unsere Anteilnahme schätzt, die Leute, denen Jobs dieses Ding verkaufen will, lesen unsere Ergüsse nicht. Sie verstehen sie nicht einmal. Meine Stiefmutter weigert sich, einen Computer anzufassen, liest heute aber E-Mails und Zeitungen auf einem iPod Touch und spielt damit Solitaire, nachdem sie ihn eines Tages praktisch versehentlich gekauft hatte. Da sehe ich klar eine zukünftige iPad-Nutzerin. Jobs kümmert sich nicht ums Netbook-Geschäft oder das E-Book-Geschäft. Er zielt nur auf die gleichen Leute wie diese Geräte. Der Unterschied ist, er wird sie erreichen."

Technikjournalismus-Legende Walt Mossberg ("Wall Street Journal") findet das iPad "erstaunlich preiswert für ein Apple-Produkt", entdeckt aber auch eine Menge Minuspunkte. Zu unhandlich, keine Webcam, also kein Video-Chat. Zudem sei der US-Mobilanbieter AT&T, mit dessen Verträgen die teureren UMTS-iPads in den USA gekoppelt sein sollen "zutiefst unpopulär", vor allem wegen der schwankenden Qualität seiner Netzabdeckung in Großstädten. Die virtuelle Tastatur des Geräts hält Mossberg für ein potentielles Risiko, die Notwendigkeit, zum richtigen Arbeiten ein externes Keyboard mitschleppen zu müssen, missfällt ihm. Sein Fazit ist dennoch moderat positiv:

"Die Software sah eindrucksvoll aus, und das könnte Steve Jobs helfen, etwas zu erreichen, das selbst er in seiner erstaunlichen Karriere nie geschafft hat: die Öffentlichkeit dazu zu bringen, einmal nicht eine verbesserte Version eines bereits existierenden Spielzeugs zu lieben, sondern eine völlig neue Kategorie von Spielzeug."

Gadget-Experte David Pogue mahnt in seinem Blog in der "New York Times" trotz aller Kritikpunkte, nicht vorschnell zu urteilen:

"Apple hat das Ding noch nicht zum Testen herausgegeben, es gibt noch keine speziellen iPad-Apps (wird es aber), der E-Book-Store ist nicht online und so weiter. Jetzt zu hyperventilieren, ist nicht angemessen."

Die Meckerer sollten aber auch vorsichtig sein, sagt Pogue:

"Erinnert Euch, wie dämlich Ihr alle aussaht, als Ihr vorhergesagt habt, das iPhone werde untergehen, bevor es überhaupt auf den Markt kam. Wie das iPhone ist das iPad eigentlich ein Gefäß, ein Werkzeug, ein 680 Gramm schwerer Sack Potential. Vieles könnte daraus werden. Es könnte die eine oder andere Branche verändern, oder auch nicht. Es könnte eine neue Geräte-Kategorie einführen - irgendwo zwischen Telefon und Laptop - oder auch nicht. Und jeder, der heute behauptet, er wisse, was geschehen wird, wird am Ende wie ein Narr dastehen."

Im "New Yorker" geben gleich mehrere Autoren ihre Einschätzung zu Protokoll, einige recht ausführlich, andere nur mit einem einzigen Satz.

Adam Gopnik etwa kann im iPad nur ein "größeres, flaches iPhone" erkennen. Er wisse nicht, "warum der Besitz eines größeren revolutionär sein soll":

"Wo wird man es tragen? Unter dem Arm? In der Aktentasche - aber warum dann keinen Laptop benutzen? Eineinhalb Pfund (680 Gramm) wird niemand für schwer halten, aber leicht ist das auch nicht gerade ..."

Richard Brody fasst sich kürzer:

"Es ist nur eine weitere Sache zum Herumschleppen."

Die kürzeste aller iPad-Reaktionen aber stammt von "New Yorker"-Autorin Patricia Marx:

"Noch ein Ladegerät mehr zum Verlieren."

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iPad: Das kann Apples schicke Flunder

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Forum - Apples iPad - sind Ihre Erwartungen erfüllt?
insgesamt 6472 Beiträge
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1.
TheBenne 27.01.2010
Auch wenn man vielerorts Gemecker vernimmt, erfüllt das iPad genau meine Erwartungen. Schon lange bevor es vorgestellt wurde, habe ich mir ein Gerät gewünscht, welches ein Zwischending zwischen MacBook und iPhone darstellt. Ich fahre jede 2. Woche täglich 5 Stunden mit dem Zug und auf Dauer ist das iPhone einfach zu klein. Und dem MacBook will ich gammlige Regionalzüge nicht zumuten, einen Tisch sollte man schon darunter stellen. Ich werde also auf jeden Fall zuschlagen. Ich denke, damit kann man viel Spaß haben. Ich sehe mich auch schon mit meiner Freundin gemütlich im Bett den ein oder anderen Film anzuschauen und vor dem einschlafen dann noch ein bisschen lesen. Und für ein Apple Produkt ist der Preis der Hammer. Was ich auch gut finde, ist, dass man immer noch einen PC braucht. Wenn irgendwas damit ist, kann man es immer einfach wiederherstellen, ein Backup einspielen und hat das gleiche Gerät wie vorher. Das ist bei einem OS X Mac nicht ganz so einfach. Also, in mir hat Apple einen Käufer. 64 GB UMTS höchstwahrscheinlich.
2.
das_schwampel 27.01.2010
Na ja. Hat man ja in etwa erwarten können. Eigentlich ein iPhone für Rentner und Grobmotoriker. Dass es kein Flash kann, finde ich enttäuschend. Ansonsten ein innovatives Gerät, aber nicht revolutionär.
3. Wer`s braucht...
Mo2 27.01.2010
Ich bleibe lieber bei meinem kleinen, leichten, smarten Netbook. Finde ich irgendwie praktischer und es kann eh schon mehr als ich brauche.
4. welche erwartungen ?
Hagbard-Celine 27.01.2010
Zitat von sysopApple feiert den neuen iPad: einen buchgroßen Computer zum Berühren, angeblich perfekt für Bücher und Magazine, außerdem Spielkonsole, Multimediaplayer und abgespeckter Heimcomputer. Wird das Gerät den Erwartungen gerecht?
die erwartungen wurden "erschaffen". es ist ein technologieprodukt wie alle andere auch. achne, "apple" ist ja keine firma, es ist "lifestyle"... mögen die zielgruppen den rotz kaufen und sich (kurzzeitig) wohl dabei fühlen. apps´t mal schön
5.
Hagbard-Celine 27.01.2010
Zitat von TheBenneAuch wenn man vielerorts Gemecker vernimmt, erfüllt das iPad genau meine Erwartungen. Schon lange bevor es vorgestellt wurde, habe ich mir ein Gerät gewünscht, welches ein Zwischending zwischen MacBook und iPhone darstellt. Ich fahre jede 2. Woche täglich 5 Stunden mit dem Zug und auf Dauer ist das iPhone einfach zu klein. Und dem MacBook will ich gammlige Regionalzüge nicht zumuten, einen Tisch sollte man schon darunter stellen. Ich werde also auf jeden Fall zuschlagen. Ich denke, damit kann man viel Spaß haben. Ich sehe mich auch schon mit meiner Freundin gemütlich im Bett den ein oder anderen Film anzuschauen und vor dem einschlafen dann noch ein bisschen lesen. Und für ein Apple Produkt ist der Preis der Hammer. Was ich auch gut finde, ist, dass man immer noch einen PC braucht. Wenn irgendwas damit ist, kann man es immer einfach wiederherstellen, ein Backup einspielen und hat das gleiche Gerät wie vorher. Das ist bei einem OS X Mac nicht ganz so einfach. Also, in mir hat Apple einen Käufer. 64 GB UMTS höchstwahrscheinlich.
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Eckdaten des iPad 1
Name iPad (von Pad = Block)
Gewicht 1,5 Pfund (680 Gramm)
Bildschirm 9,7 Inch (ca. 25 Zentimeter) Durchmesser
Dicke etwa 1,3 Zentimeter
Batterielaufzeit zehn Stunden laut Apple
Standby-Zeit mehr als ein Monat laut Apple
Akku nicht austauschbar
Prozessor Apple-Eigenentwicklung A4, 1 Gigahertz
Speicher 16, 32 oder 64 Gigabyte
Audio Lautsprecher, Mikrofon, Headset
Quelle: Apple
Preis des iPad 1 in Deutschland
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379 Euro 479 Euro 579 Euro
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499 Euro 599 Euro 699 Euro
*: 3G ist eine mobile schnelle Internet-Anbindung. Stand: 3.3. - Apple hat die Preise für das iPad nach Vorstellung des iPad2 gesenkt
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