Lesestoff: Die virtuelle Liebe des fiktiven Herrn Zuse

Konrad Zuse, der Erfinder des Computers, gilt als "weltberühmter Unbekannter", wie es in einem neuen Roman von Friedrich Christian Delius heißt. Das Buch erklärt die Motivation des Informatikers aus einer Liebe zu noch einer weltbekannten Unbekannten.

Zuse und Co.: Die ersten Computer Fotos
AP

Konrad Zuse kündigt mit etwa 25 Jahren seine Stelle bei den Flugzeugwerken in Berlin, räumt das Wohnzimmer seiner Eltern aus und fängt mit Feuereifer an, eine universelle Rechenmaschine zu bauen. Rund zehn Jahre später, kurz vor der Kapitulation des Nazi-Regimes, bringt der Vater des Computers Teile seines schon vierten Modells mit Lastwagen durch die Kriegswirren ins Allgäu in Sicherheit. Was hat den Mann angetrieben, der als einer der größten Erfinder des 20. Jahrhunderts gilt und doch noch immer recht unbekannt ist? Diese Frage und das Leben des genialen Erfinders stehen im Mittelpunkt von Friedrich Christian Delius' "Die Frau, für die ich den Computer erfand".

In dem als Monolog Zuses über sein Leben angelegten Roman wird die Motivation für den "Beschluss, das beste Rechengerät aller Zeiten zu erfinden" mit der eigenen Unlust am Rechnen erklärt - und immer wieder mit der "faustischen Energie und Lust am Erfinden". Hauptantrieb ist wie bei Faust das "ewig Weibliche" in Gestalt einer virtuellen Liebe zu einer Toten: "Das Codewort heißt Ada", erzählt Delius' Zuse und meint die fast hundert Jahre ältere britische Mathematikerin Ada Lovelace, Tochter des Dichters Lord Byrons und wohl erste Programmiererin. Sie ist die Frau, für die der verheiratete Vater von fünf Kindern - im Roman - den Computer erfand.

Keine Biografie, sondern eine an Fakten orientierte Fiktion

Der Rahmen des Romans, der Zuses Leben so darstellen will, "wie es so ungefähr war", ist originell: Der über 80-jährige Erfinder und ein Schriftsteller treffen sich in einer Vollmondnacht im Juli 1994 auf der Terrasse eines Gasthauses in der hessischen Rhön. Dass es Zuse und wohl auch Delius sein sollen, liegt nahe, wird aber nicht gesagt. Der "weltberühmte Unbekannte" will sein Leben erzählen. Entscheidend für die Wahl seines Gesprächspartners ist, dass dieser das Faustische in ihm erkannt habe.

Der Alte legt das Gespräch auf eine Vollmondnacht, "weil ich da sowieso nicht schlafen kann" und lässt sich gleichzeitig bei der Verleihung des x-ten Ehrendoktors von seiner Tochter vertreten. Er will "keine Frackrede, keine Krawattenrede, sondern eher im Arbeitskittel" erstmals von seiner "heimlichen Liebschaft" mit der Frau erzählen, "die keiner kennt". Die Bedingung: "Veröffentlichung erst nach meinem Tod".


Friedrich Christian Delius: Die Frau, für die ich den Computer erfand
Rowohlt Verlag, Berlin
284 Seiten
Euro 19,90

Dass der Interviewer - den er manchmal beleidigt und auch mal lobt - Delius sein könnte, wird unter anderem daran deutlich, dass beide in den fünfziger Jahren Nachbarn in Ost-Hessen waren. Dort wuchs der 1943 geborene Delius tatsächlich auf und Zuse siedelte 1949 als "Bayern- und Berlinflüchtling mit dem ersten Computer der Welt im Gepäck" dorthin über, gründete eine Firma und stellte mit mehr als tausend Beschäftigten die ersten Serienrechner der Welt her. Zwischen Zuse und Delius hat es auch tatsächlich ein Gespräch gegeben, wie der Leser aus einer kurzen Nachbemerkung des Romans erfährt - "über heimatkundliche Fragen im Sommer 1985".

Nicht ohne Längen

Der grantelnde Alte erzählt - auf sieben Tonbändern - einige spannende Geschichten aus dem Leben Zuses, dessen Werk jahrzehntelang völlig unterschätzt wurde, dem "das Image eines Spinners aus der Provinz" anhaftete, wie es im Roman heißt. Dazu gehört auch das Verhältnis des Erfinders zum Hitler-Regime, das die Bedeutung seiner Rechenmaschine nicht erkannte und für das Zuse am Bau von Flugabwehrraketen mitwirkte. "Ich hatte überhaupt keine Zeit, ein Nazi zu sein", sagt Zuse an einer Stelle im Roman, und bekennt sich an einer anderen als "Mitläufer".

Die Plauderei streift auch allgemeine, aktuelle Themen wie das Alter, die Rhön oder oberflächliche Journalisten. Beim Blick in die Zukunft sieht das Genie, das seiner Zeit weit voraus war und im Alter das Malen entdeckte, keine neue Erfindung. Zuse betont vielmehr die Bedeutung der Kunst, und formuliert die Aufgabe für die Zukunft so: "Langsamer werden, Intensivierung statt Maximierung".

Trotz interessanter Einblicke in die Person Zuses übertünchen Wiederholungen, Einzelheiten der Ada-Geschichte und der selbstgefällige und zeitweise ausschweifende Plauderton vieles, was den Erfinder erst so richtig lebendig gemacht hätte. Der Monolog des Alten ermüdet den Leser stellenweise genauso wie seinen Gesprächspartner, der am frühen Morgen am Tisch einschläft.

Ira Schaible, dpa

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