Lumia 950 im Test Dieses Handy will ein PC sein

Microsofts Lumia 950 soll Smartphone und Windows-10-Rechner zugleich sein - wird es an einen Fernseher angedockt, erscheint auf dem TV-Bildschirm ein PC-Desktop. Wir haben ausprobiert, ob dieser Spagat gelingt.

Matthias Kremp

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"Näher heranrücken." Mit dieser Aufforderung erzeugt das Lumia 950 bei mir ständig ungewollte Nähe. Das ist offenbar der Preis dafür, dass ich bei Microsofts neuem Windows-10-Smartphone weder eine Pin noch ein Passwort eingeben muss, um mich anzumelden. Stattdessen reicht es, in die Kamera zu gucken, zumindest theoretisch.

Hello nennt Microsoft diese neue Technologie, die biometrische Merkmale - Gesicht, Fingerabdruck, Iris - nutzen kann, um Passwörter zu ersetzen. Beim Lumia erfassen zwei Kameras mein Gesicht, eine mit sichtbarem Licht, die andere per Infrarot. So soll ich auch bei Dunkelheit und mit Sonnenbrille erkannt werden.

Oft funktioniert das auch prima, aber regelmäßig werde ich eben aufgefordert, das Telefon dabei näher ans Gesicht zu halten. Weiter als 20 Zentimeter können die Kameras anscheinend nicht gucken.

Dabei erlauben sich die Kameras des Lumia 950 sonst eigentlich keine Schwächen. Selbst die zum Nutzer gerichtete Selfie-Kamera macht mit ihren fünf Megapixeln hervorragende Aufnahmen und ermöglicht dank Weitwinkelobjektiv auch Gruppen-Selfies.

Super-Kamera

Noch viel besser ist die rückseitig eingebaute 20-Megapixel-Hauptkamera. Die Kameras waren schon das Highlight vieler Lumia-Handys, als diese noch zu Nokia gehörten. Daran hat sich durch den Verkauf an Microsoft glücklicherweise nichts geändert: Der Autofokus ist sehr schnell, die Aufnahmen selbst bei schlechter Beleuchtung scharf und detailreich. Erst wenn man sehr weit ins Bild hineinzoomt, werden Pixel erkennbar.

Damit ist das Lumia 950 eines der derzeit besten Kamerahandys. Sogar eine Live-Funktion gibt es, so wie bei Apples Live Photos in den iPhones 6s und 6s Plus. Die Lumias können das zwar schon länger als die iPhones, aber die Umsetzung lässt zu wünschen übrig. Nur in der Bildbearbeitungs-App Creative Studio kann man sich die kurzen Animationen der Fotos anzeigen lassen.

Windows, überall Windows

Das eigentlich besondere am Lumia 950 ist aber sein Betriebssystem, Windows 10. Es ist im Grunde dieselbe Software wie sie auch auf PC, Notebooks und Tablets läuft, nur eben an das kleine Display, die Prozessoren und Sensoren eines Smartphones angepasst. Microsoft hat sich damit davon verabschiedet, Mobil-Betriebssystem und Desktop-Betriebssystem getrennt voneinander zu entwickeln.

Stattdessen gibt es nun eine gemeinsame Plattform, auf der man sich nach einmaliger Einarbeitung zurechtfinden soll, egal an welchem Gerät man gerade arbeitet. Grundsätzlich und mit wenigen Anpassungen sollen dann auch Apps auf allen Geräten laufen, sofern sie als sogenannte Universal-Apps für Windows 10 entwickelt wurden.

Das Handy-PC-Continuum

Grundsätzlich gibt es etwas ähnliches schon lange. Microsoft selbst beispielsweise bietet Varianten seiner Office-Programme nicht nur für Windows, sondern auch für Mac, Android und iOS an. Neue Windows-Smartphones wie das Lumia 950 beherrschen nun aber einen weiteren Trick: Schließt man sie mithilfe des 109 Euro teuren Display Dock oder pr Miracast-Drahtlostechnik an einen PC-Monitor oder einen Fernseher an, kann man sie fast wie einen normalen Computer benutzen, inklusive Maus, Tastatur und gewohnter Windows-Oberfläche.

Continuum nennt Microsoft diese Funktion, die das Handy zum Mini-PC macht. Im Test funktionierte das auch vollkommen problemlos: Das Display-Dock wird per HDMI an den TV angeschlossen, das Handy per USB an das Dock. Ein Netzteil versorgt das ganze mit Strom (siehe Bilderstrecke). Sobald man das Handy derart an den Fernseher anschließt, erscheint auf dem TV-Bildschirm ein Windows-Desktop.

Fast ein PC, aber nur fast

Im einfachsten Fall nutzt man dann das Handydisplay als Touchpad, um den Cursor zu bewegen. Einfacher geht es mit Tastatur und Maus, die sich per USB oder Bluetooth einbinden lassen. Mit solchen Zusatzgeräten lässt sich dann auch problemlos in Office-Programmen wie Word und Excel arbeiten, ganz wie am Rechner. PC-Spiele allerdings verbieten sich, dafür reicht die Leistung dann doch nicht aus.

Ohnehin muss man sich ein wenig umgewöhnen: Es gibt keine Festplatte, nur 32 GB eingebauten Speicher und das, was eine eventuell eingesteckte Speicherkarte bietet. Online-Festplatten wie Microsofts OneDrive machen beim Arbeiten mit dem Handy als PC noch mehr Sinn als sonst schon.

Fast alle Apps, die ich ausprobiert habe, liefen über das Display Dock auch auf dem großen Bildschirm. Nur wenige, beispielsweise Netflix, mochten das nicht. Ein nettes Extra: Das Handy kann man auch im Continuum-Modus ganz normal weiterbenutzen, also beispielsweise Telefonate führen. Am Fernseher ist das wegen des relativ kurzen USB-Kabels freilich unpraktisch, an Schreibtisch und Monitor mag das besser gehen.

Fazit

Am Design könnte man noch feilen, edel sieht das 599 Euro teure Lumia 950 nicht aus. Technisch aber gibt es nichts zu meckern: Die Leistung reicht sogar für den Parallelbetrieb von Desktop- und Smartphone-Modus aus, die Kameras gehören zum Besten in diesem Bereich.

Die Möglichkeit, das Lumia sogar als Ersatz-PC zu nutzen, ist einzigartig. Einen vollwertigen Desktop-Computer ersetzt man damit nicht. Aber auf Reisen, wenn man im Hotel einen Fernseher hat, lässt sich damit prima arbeiten. Und wer sowieso nur gelegentlich einen Text schreiben, ein paar E-Mails verfassen und im Web surfen will, kann sich mit dem Lumia den PC womöglich ganz sparen.

Anmerkung der Redaktion: Wie uns einige Leser berichten, funktioniert Continuum an TV-Geräten mit Miracast-Funktion auch drahtlos. Wir haben den Text entsprechend geändert. An unserem schon etwas älteren Test-TV klappte das leider nicht. Auch im Drahtlos-Betrieb am Fernseher ist ein Netzteil fürs Handy zu empfehlen, da Continuum viel Rechenleistung benötigt und deshalb den Akku stark beansprucht.

Vorteile und Nachteile

Sehr gute Kameras

Heller, sehr scharfer Bildschirm

Einfache Bedienung

Mit Continuum als Ersatz-PC nutzbar

Sehr leistungsfähig

Dedizierte Kamerataste

Display Dock recht teuer

Billig wirkendes Gehäuse

Technische Daten

Hersteller Microsoft
Modell Lumia 950
Maße (Millimeter) 145 x 73 x 8
Gewicht 150 Gramm
Sprechzeit bis zu 23 Std.
Standby bis zu 12 Tage
Display-Diagonale 5,2 Zoll
Display-Auflösung 2560 x 1440
Prozessor 1,8 GHz Hexacore
Arbeitsspeicher 3 GB
Massenspeicher 32 GB
Speichererweiterung microSD
Kamera (hinten/vorne) 20 MPx / 5 MPx
Mobilfunktechnik LTE
W-Lan 802.11 a/b/g/n/ac
Bluetooth 4.1
Betriebssystem Windows 10
Besonderheiten Continuum-Funktion
Preis (Euro) 599

Alle Daten sind Herstellerangaben



insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Liberalitärer 26.01.2016
1. Streaming
Nett und MS spart Entwicklungskosten. Aber mittels Chromecast etc. geht das alles eigentlich eh, da man auch Desktopinhalte streamen kann. Das ist praktischer, da man nur das Empfängergerät an ein HDMI-Gerät anschliessen muss. Was besser sein dürfte ist die wohl (noch) vergleichsweise lahme Geschwindigkeit beim Streamen.
schadensbegrenzer 26.01.2016
2. Sehr wohl unverkabelt als PC nutzbar
"Nur mit Dock und nur verkabelt als PC nutzbar" Diese Aussage ist nicht korrekt. Ich habe das 950 und verwende es über den Miracast Adapter als PC. Eine Verkabelung ist nur dann notwendig, wenn man keinen Miracast Adapter besitzt. Aber allein aus Kostengründen empfehle ich den Miracast Adapter als Option zu erwägen.
Peter Gabriel 26.01.2016
3.
Tolle Idee, und mit Dock ist die XL Version nicht teurer als ein angebissener Apfel. Und Innovativer ist MS auch, schade das mein 640XL LTE nicht nachgerüstet wird/werden kann. Aber die Preview von Win10 läuft da schon sehr gut!
Thomas Mank 26.01.2016
4. Tolles Gerät
ich arbeite mit dem Lumia 950 seit 2 Monaten und finde es klasse. Hier sei zu ergänzen, dass die eingangs erwähnte "Hello"-Funktion vorerst nur eine Beta-Fassung ist; in der Tat nutze ich sie nicht, weil die Aufforderung, das Gerät in die Nähe zu rücken doch zu häufig kommt. Aber ansonsten ist es prima. Die Kamera schlägt alles, was ich bislang in dem Bereich kenne, die Qualität übertrifft sogar manchen Mittelkasse-Fotoapparat. Ganz toll ist die Möglichkeit, nicht nur JPGs, sondern auch im DNG-Format zu speichern! Das bietet eigentlich keine andere Handy-Kamera. Der Akku hält sehr lang und man kann ihn problemlos auswechseln, ebenso wie eine zusätzliche Speicherkarte. Das erklärt auch das sooft zu Unrecht, wie ich finde, gescholtene Design: Man kann das Gerät eben problemlos öffnen. Der Bildschirm ist super in der Darstellung und Windows 10 arbeitet tadellos auf dem Gerät. Gut, Outlook-Mail beispielsweise ist eher einfach gehalten, aber tut, was es soll. Und nach wie vor bietet der App-Store recht wenig Auswahl; aber das ändert sich ja vielleicht bald. Mein Fazit: Das Lumia 950 ist ein tolles und effizientes Arbeitsgerät; mein iPhone vermisse ich nicht mehr.
chk23 26.01.2016
5.
Zitat von LiberalitärerNett und MS spart Entwicklungskosten. Aber mittels Chromecast etc. geht das alles eigentlich eh, da man auch Desktopinhalte streamen kann. Das ist praktischer, da man nur das Empfängergerät an ein HDMI-Gerät anschliessen muss. Was besser sein dürfte ist die wohl (noch) vergleichsweise lahme Geschwindigkeit beim Streamen.
Also Entwicklungskosten spart MS damit ganz sicher nicht; Windows 10 musste ja schließlich auf die (nicht Intel-) Smartphones angepasst werden. Und mit chromecast ist Continuum auch nicht vergleichbar, denn chromecast verwandelt Ihr Smartphone nicht in einen Desktop-PC mit Mouse- und Tastaturbedienung - es wird dabei lediglich der Bildschirminhalt an einen Fernseher weitergereicht.
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