Luxus-Kopfhörer Das 1200-Euro-Headset

1200 Euro für ein Paar Kopfhörer? AKGs Preisansage für das In-Ear-Headset 3003 zeugt von einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Gibt es einen Grund, so viel Geld für klingende Ohrstöpsel auszugeben? Matthias Kremp hat die teuren Kopfhörer ausprobiert.

Matthias Kremp

Normalerweise sollte man sich, wenn es um guten Ton geht, nicht von Zahlen blenden lassen und sich von seinen Ohren leiten lassen. Beim AKG 3003 ist das leider ausgeschlossen. Der Grund: 1199 Euro verlangt der Hersteller für den Highend-Klangwandler. Dafür soll man den "kleinsten echten Drei-Wege-Kopfhörer der Welt" bekommen - und natürlich "Audioexzellenz auf höchstem Niveau".

Ich höre davon zuerst einmal gar nichts. Nicht, weil die In-Ohr-Kopfhörer kaputt sind, sondern einfach, weil mir die teuren Stöpsel ständig aus den Ohren rutschen. Von festem Sitz keine Spur. Aber beim Auspacken aus der riesigen schwarzen Box, in der die 3003 geliefert werden, hatte ich eine Tüte mit Austausch-Ohradaptern gesehen. Also flugs die kleinste der drei gelieferten Größen aufgesteckt und schon passen die AKGs viel besser. Bin ich vielleicht verwöhnt, weil ich es schon mal mit maßgefertigten Ohradaptern versucht habe?

Optisch machen die AKG-Ohrhörer viel her: Die Gehäuse werden von computergesteuerten Fräsen aus Edelstahl geformt. Ohne es ausprobiert zu haben, würde ich vermuten, dass man auch mit dem Auto über die Ohrhörer fahren kann, ohne sie zu beschädigen. Ähnliches gilt für das stoffummantelte Anschlusskabel. Es windet sich nicht wie billige Kunststoffstrippen wild durch die Gegend, sondern hält sich relativ stabil gerade.

Einzig die Fernbedienung, mit der man Apples i-Geräte steuern kann und die ein Mikrofon zum Telefonieren enthält, ist aus Plastik hergestellt. Das allerdings ist wiederum in eine Stahlblechhülle gewickelt, damit der Kunststoff nicht gar so auffällt und der robuste Gesamteindruck erhalten bleibt. Robust ist auch ein Attribut, das man dem mitgelieferten Leder-Etui zuschreiben kann. Leider ist es auch das einzige positiv zu bewertende Attribut für dieses Zubehörteil. Denn das Täschchen ist weder schön noch praktisch, sondern vor allem klobig. Ich jedenfalls habe die 3003 lieber lose zusammengerollt in meine Taschen gesteckt - was angesichts des Preises kaum angebracht ist.

Als würde ein Vorhang aufgezogen

Gut zuzuhören ist bei 600 Euro pro Ohr dagegen sehr wohl angebracht. Was die Klanggestaltung angeht, schmückt AKG sein Oberklasse-Modell mit zahlreichen Begriffen, die wohl viel mit Hören zu tun haben, die man aber noch nie gehört hat - ich zumindest nicht. Demnach ist in den Ohrhörer ein "dynamischer Treiber" mit einer "großen Schwingamplitude" dafür verantwortlich, die Bässe zu erarbeiten. Zwei sogenannte "Balanced-Armature-Treiber" (BA) fügen diesem tiefen Grundton dann Mitten und Höhen hinzu, so dass sich am Ende ein "Klang der Referenzklasse" ergibt.

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Maßgefertigte Ohrhörer: Direkt ins Ohr
Klingt wichtig - aber wie klingt dass den nun eigentlich? Die einfache Antwort: phantastisch. Natürlich ist diese Wertung vollkommen subjektiv und durch keinerlei Messwerte belegt, aber für meine Hörgewohnheiten ist der AKG 3003 der bisher mit Abstand beste Ohrhörer, den ich in meine Gehörgänge eingelassen habe.

Als ich ihn mir zum ersten Mal bewusst und mit den richtigen Passtücken ins Ohr stecke, ist der erste Höreindruck, dass gerade jemand den Vorhang vor den Lautsprechern weggezogen haben muss. Einen ähnlichen Effekt habe ich zuletzt wahrgenommen, als ich meine Selbstbau-Boxen im Wohnzimmer gegen moderne Standboxen von Nubert ausgetauscht habe.

Mehr Bass? Kein Problem!

Die Klangkulisse, an die ich mich mit meinen bisherigen Ohrhörern gewöhnt und die ich für gut befunden hatte, wirkt plötzlich irgendwie muffig. Den AKG 3003 gelingt der Spagat, einerseits enorm klar und transparent in den Mitten und Höhen zu sein ohne andererseits Druck im Bass vermissen zu lassen. Im direkten Vergleich mit den ebenfalls teuren Shure SE 530 klingen die AKGs in den Tiefen etwas bauchiger, insgesamt etwas detaillierter und wärmer. Zwar sind sie nicht ganz so laut wie die Shure-Ohrhörer, klingen aber so angenehm, dass man sie auch über mehrere Stunden gut benutzen kann.

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In-Ohr-Kopfhörer: Shure SE530
Schön ist auch die Möglichkeit, den Grundklang der AKG-Ohrhörer formend zu beeinflussen. Und zwar nicht elektronisch mit einem Equalizer, sondern mit Klangfiltern, die auf den AKG geschraubt werden. Drei solche Filter liefert der Hersteller mit. Ab Werk montiert ist eine Variante, die einen neutralen Sound produziert. Zusätzlich liegen Filter bei, die wahlweise die Höhen oder Bässe anheben. Das Resultat dieses Klangtunings kann sich hören lassen. Vor allem die Möglichkeit, die Tieftöne durch Aufschrauben des entsprechenden Filters zu verstärken, dürfte viele Freunde unter den Besitzern von AKG 3003s finden.

Klangperlen gibt es auch für 100 Euro

Aber selbst dann wird es wohl nur wenige geben, die den derart angefetteten Sound dieser Ohrhörer genießen werden. Denn, mal ehrlich, 1200 Euro für Kopfhörer? Keine Frage, AKGs Highend-Modelle klingen sehr gut. Aber es gibt reichlich Alternativen, die zumindest auch sehr gut klingen und nur einen Bruchteil von dem kosten, was man für die 3003 ausgeben muss. Dazu gehören zum Beispiel Shures SE535, die Nachfolgemodelle der SE 530 - und diese Kopfhörer kosten nur etwa 400 Euro.

Aber selbst so viel muss man nicht zwangsläufig ausgeben, um unterwegs guten Sound ins Ohr zu bekommen. Grundsätzlich sollte man sich beim Kauf zur Regel machen, eigene Musik mitzunehmen und Ohrhörer auszuprobieren, bevor man sie zur Kasse trägt. Auch im Bereich um 100 Euro findet man so manche Klangperle.

Etwas teurer sind die Beyerdynamics MMX100 individual, die gut 200 Euro kosten, aber prima klingen und sich gut anfühlen - im Preis sind maßgefertigte Passstücke enthalten.

Solche Passstücke sind auch empfehlenswert, wenn man sich die AKG 3003 zulegt. Das treibt den Preis zwar um noch mal rund 100 Euro nach oben - aber wer 1200 Euro für Kopfhörer ausgibt, wird das wohl verschmerzen können.



insgesamt 70 Beiträge
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Dr. Schnaggels 18.10.2011
1. Zuspieler?
Sicherlich sind diese Systeme gut verarbeitet und liefern einen sauberen Klang, allerdings frage ich mich was das bei einem Zuspieler wie dem IPOD bringen soll? Ich drücke mir zwei Stecker für 1200Euro ins Ohr und lasse dann mit 160KBit (oder weniger) kodierte MP3s darüber laufen? IMHO lohnt sich dieser Aufpreis im Vergleich zu Shure o.ä. nicht. Und wer einen guten Kopfhörer für zu Hause mit einem vernünftigen System sucht greift doch eher zum Stax Lambda Pro - der sieht dann halt nicht so "stylisch" aus.
chatter 18.10.2011
2. 1200 EUR für Ohrhörer
Bin hier mehr zufällig drübergestolpert. Aber es soll ja Leute geben, die so viel und noch mehr für Schmuck ausgeben. (nicht meine Welt)
ErekoseSK 18.10.2011
3. Klingt toll
Ist aber viel zu teuer. Ich weiß nicht, was die Kopfhörer bei SPON zu suchen haben, denn ich gehe nicht davon aus, dass jeder SPON Leser so viel Geld hat, dass er sich die leisten will.
cor 18.10.2011
4. Wieso 160 KBit?
Zitat von Dr. SchnaggelsSicherlich sind diese Systeme gut verarbeitet und liefern einen sauberen Klang, allerdings frage ich mich was das bei einem Zuspieler wie dem IPOD bringen soll? Ich drücke mir zwei Stecker für 1200Euro ins Ohr und lasse dann mit 160KBit (oder weniger) kodierte MP3s darüber laufen? IMHO lohnt sich dieser Aufpreis im Vergleich zu Shure o.ä. nicht. Und wer einen guten Kopfhörer für zu Hause mit einem vernünftigen System sucht greift doch eher zum Stax Lambda Pro - der sieht dann halt nicht so "stylisch" aus.
Also erstens werden im iTunes Musik immer mit 256KBit angeboten und zweitens unterstüzt iPOD/iPhone sogar losless audio Format und hat daher keine KBit-Beschränkung. Anders rum wird ein Schuh draus: Die Leute kaufen sich die billigsten Kopfhörer für 5€ und hören damit 256KBit AACs.
mactor, 18.10.2011
5. Wer kauft so was?
Zitat von ErekoseSKIst aber viel zu teuer. Ich weiß nicht, was die Kopfhörer bei SPON zu suchen haben, denn ich gehe nicht davon aus, dass jeder SPON Leser so viel Geld hat, dass er sich die leisten will.
Die Frage ist doch WER leistet sich überhaupt im Ohr Kopfhöhrer für diesen Kaufpreis? Doch kaum einer der für sein Geld arbeitet. Wenn schon 1000,- Euro für sowas übrig dann doch gleich richtige Kopfhörer?
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