Lichtfeldfotografie Schärfe für alle und alles

Einmal fotografieren, später fokussieren: Das US-Unternehmen Lytro hat die erste Lichtfeldkamera der Welt für Hobby-Fotografen auf den Markt gebracht. Anders als bei herkömmlichen Apparaten können Nutzer nachträglich bestimmen, was auf den Bildern scharf sein soll.

Lytro

Von Markus Linden


Ein gutes Jahrhundert hat die Lichtfeldkamera gebraucht, vom ersten Prototypen bis zum Serienmodell, mit dem nun die ersten Hobbyfotografen experimentieren. Der US-Hersteller Lytro hat ein solches Gerät im Angebot. Das Besondere an dieser Kameratechnik: Man kann in Aufnahmen nachträglich einzelne Bildbereiche fokussieren. Alles scharf, nur der Vordergrund oder doch der Hintergrund? All diese Versionen eines Motivs kann man aus einer Lytro-Aufnahme erstellen, einen Autofokus braucht die Kamera nicht.

So verblüffend und neu dieser Effekt heute wirkt - die Entwicklung der grundlegenden Technik begann 1908: In Frankreich stellte der Physiker Gabriel Lippmann seine erste Lichtfeldkamera vor. Das Funktionsprinzip erinnert an das der Lytro: Bei der Lytro liegt zwischen Bildsensor und Objektiv ein Gitter aus vielen winzigen Linsen. Sie teilen das Bild in viele Einzelbilder aus verschiedenen Perspektiven. Lippmanns Lichtfeldkamrea hatte statt vieler Mikrolinsen zwölf Objektive.

Aufgrund der verschiedenen Perspektiven schuf Lippmanns Kamera ein Foto mit enormer Tiefenwirkung. Theoretisch konnte schon bei der Lippmannschen Lichtfeldkamera der Fokuspunkt im fertigen Bild verschoben und 3D-Bilder erstellt werden - aber der chemischen Fotografie fehlten die Möglichkeiten zur Herstellung der Endbilder.

Schlechtes Display erschwert die Motivwahl

In der Lytro-Kamera rechnet Elektronik nun die Einzelbilder der Mikrolinsen zu einem Lichtfeldfoto zusammen. Das gesamte System hat Hersteller Lytro in einen ebenmäßigen Quader gepackt, der nur zwei Tasten aufweist: den Auslöser und den Ein-Ausschalter. Das Achtfach-Zoom-Objektiv wird über einen berührungsempfindlichen Streifen bedient. Ansonsten hat der Quader auf der einen Seite eine Objektivöffnung und auf der anderen ein etwa drei mal drei Zentimeter großes Display. Da der Bildschirm extrem blickwinkelabhängig ist, fotografiert man mit der Lytro häufig im Blindflug.

Ein besseres Display wäre ein große Hilfe für den Lichtfeldfotografen: Denn will man den Vorteil der Lytro nutzen, so müssen die Fotos mit möglichst großer Tiefe gestaltet werden. Dann kann der Betrachter mit der Maus in beliebige Bestandteile des Fotos klicken und die Schärfe selektiv festsetzen (klicken Sie auf die Bilder unten, um den Effekt zu beobachten).

Der Lichtfeldeffekt wird erkauft mit einer ganzen Reihe von Nachteilen: Nur die Lytro-Software (derzeit für Macs verfügbar) kann die Fotos exportieren. Man kann eine Flash-Datei erstellen, in der Betrachter selbst die Schärfe verlagern können. Exportiert man ein Lytro-Foto als JPEG-Datei, muss es in einer 2D-Ansicht mit festgelegter Schärfe gespeichert werden. Übrig bleibt beim JPEG-Export eine mickrige Auflösung von einem Megapixel.

Die Lytro-Kamera hat zwar einen hochauflösenden Sensor, allerdings geht ein großer Teil der Auflösung für die Tiefeninformationen verloren. Der Fotograf Martin Häusler, ein Experte für Lichtfeld-Technik, berichtet aus eigener Erfahrung: "Man kann davon ausgehen, dass bei Lichtfeldkameras ein siebtel der Ausgangsauflösung übrig bleibt." Häusler ist ein Bastler wie Gabriel Lippmann. Seit Jahren experimentiert er mit Eigenkonstruktionen, er hat Hard- und Software für seine Lichtfeldtechnik selbst weiterentwickelt.

Profi-Fotografen arbeiten mit eigener Lichtfeldtechnik

Häusler fotografiert derzeit mit einer Anordnung von zwölf Kameras, die über eine spezielle Schaltung gleichzeitig ausgelöst werden. An veränderbaren Fokusinformationen, wie sie die Lytro liefert, ist Häusler jedoch nicht interessiert: "Ich weiß ja vor dem Shooting, wo ich später die Schärfe haben will", sagt er. "Mich interessieren die 3-D-Informationen des Lichtfelds."

Zeitschriften und Modelabels beauftragen den Fotografen immer dann, wenn sie perfekte 3-D-Fotos für Veranstaltungen benötigen. Die Nachfrage steigt, weil neue Bildschirme 3-D-Effekte ohne Brille erzeugen. Kunden drucken Häuslers Fotos auch auf Lentikularfolien (die sogenannten Wackel-3-D-Bilder) und zeigen einen beeindruckenden 3-D-Effekt von allen Seiten. Das funktioniert, weil Häusler Gesamtdaten von mehreren hundert Megabyte erfasst und so immer noch ausreichend Auflösung für hochqualitative Bilddarstellung übrig bleibt.

Neben den Canon-Spiegelreflex-Kameras befinden sich an Häuslers Array zwei Raytrix-Kameras. Diese Lichtfeldkameras des Kieler Herstellers Raytrix arbeiten ähnlich wie die kleine Lytro: Sie haben Mikrolinsen vor dem Sensor und erfassen jeweils das Lichtfeld mit unterschiedlichen Brechungswinkeln.

Lichtfeldkameras aus Kiel

Raytrix produziert bereits seit vier Jahren Lichtfeldkameras. Dass ein Fotograf wie Martin Häusler zum Kundenkreis zählt, ist die Ausnahme - verkauft wird in der Regel an Industrie und Behörden. In der Industrie werden Lichtfeldkameras oft zur Analyse von Materialien eingesetzt, weil auf jedem Foto alles scharf ist und man sofort eine 3-D-Ansicht des Bauteils oder der fotografierten Fehlfunktion hat.

Behörden und Unternehmen könnten die Fähigkeiten der Lichtfeldkameras auch in einem ganz anderen Bereich nutzen: bei der Gesichtserkennung. In einem mit einer Lichtfeldkamera aufgenommenen Bild großer Menschenmengen kann jedes Gesicht scharf gestellt werden.



insgesamt 16 Beiträge
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gurrke 16.06.2012
1. kurzgefasst:
das Teil ist für die Tonne. Die Idee hinter der Technik ist gut aber die Umsetzung ist hier komplett verkorkst. Der Sensor in der Lytro ist so klein das ohnehin immer alles scharf ist. Der eigentlich Einsatzzweck die Schärfentiefe später zu bestimmen ist also garnicht möglich. Was bleibt ist eine Kamera die umständlich zu bedienen ist, ein schlechtes Display hat und die in Sachen Bildqualität an ein 5 Jahre altes (schlechtes) Fotohandy erinnert.
rodelaax 16.06.2012
2. Super praktisch
Für die Leute, die sowieso nicht fotografieren können. Das senkt das Qualitätslevel der Knipsereien noch weiter nach unten. Für Profifotografen sind die Billiglichtfeldkameras mit ihren Plastiklinsen auch nicht zu gebrauchen und die Profigeräte für die Industrie kosten mehrere zehntausend Euros.
privatsphaere 16.06.2012
3.
... bla bla bla. So nah an der Realität wie mit Lichtfeld und 3D in Kombination ist Fotografie noch nie gewesen. Und das interessiert 100% aller Hobbyfotografen. Die technische Umsetzung wird noch Zeit benötigen. Die ersten Digitalknipsen hatten auch nicht mal VGA Auflösung und brachten 10 Bilder auf eine 100 Mark teure Speicherkarte. Aber die Richtung ist die richtige. Wenn ich ein schönes Bergpanorama sehe will ich auch nicht schon beim Absteigen vom Lift entschieden haben müssen, auf welchen Punkt meine Augen fokussieren müssen. Ich lasse meinen Blick dann gerne 10 Minuten schweifen. Wenn eine Fotografie die gleiche Sichtweise ermöglicht, ist das bestimmt nicht nur was für "...Leute, die sowieso nicht fotografieren können."
aga100 16.06.2012
4. .
Zitat von rodelaaxFür die Leute, die sowieso nicht fotografieren können. Das senkt das Qualitätslevel der Knipsereien noch weiter nach unten. Für Profifotografen sind die Billiglichtfeldkameras mit ihren Plastiklinsen auch nicht zu gebrauchen und die Profigeräte für die Industrie kosten mehrere zehntausend Euros.
Ja und? Was hat der erste Computer gekostet? Die Idee ist nicht schlecht und irgendeine erste, weniger gute Umsetzung für den Consumermarkt gibt es immer. Eigentlich muss man den Mut solcher Firmen bewundern. Vor allem: wenn sowas dann doch überraschend beim Volk ankommt - weil, dem Himmel sei Dank, doch noch nicht alle Leute gottverdammte Technokraten sind - melden sich die gleichen Elche wieder, um festzustellen, das war ein alter Hut und das hätte eigentlich jeder machen können (meinen natürlich hauptsächlich sich selbst). Vor allem finde ichs lustig, wenn total branchenfremde Menschen immer für die Fachleute sprechen. DER Fotograf will dies, DER Fotograf braucht das - soso ...
whocaresbutyou 16.06.2012
5. ist mir zu überheblich...
Zitat von privatsphaere... bla bla bla. So nah an der Realität wie mit Lichtfeld und 3D in Kombination ist Fotografie noch nie gewesen. Und das interessiert 100% aller Hobbyfotografen. Die technische Umsetzung wird noch Zeit benötigen. Die ersten Digitalknipsen hatten auch nicht mal VGA Auflösung und brachten 10 Bilder auf eine 100 Mark teure Speicherkarte. Aber die Richtung ist die richtige. Wenn ich ein schönes Bergpanorama sehe will ich auch nicht schon beim Absteigen vom Lift entschieden haben müssen, auf welchen Punkt meine Augen fokussieren müssen. Ich lasse meinen Blick dann gerne 10 Minuten schweifen. Wenn eine Fotografie die gleiche Sichtweise ermöglicht, ist das bestimmt nicht nur was für "...Leute, die sowieso nicht fotografieren können."
mal eben alles gesagte vom Tisch wischen und gleich die Meinung aller Betroffenen vertreten, ist ja in Foren groß in Mode... Oder um es mal mit Ihren Worten auszudrücken: So fernab der Realität war die Ausstattung von Hobbyfotografen selten vorher... Wenn sie sich mal 95% ihrer Hobbyfotografen anschauen, sind die bereits heute mit ihren 14-Megapixel-Kompaktknipse oder 500-Euro-SLR`s völlig überversorgt. Da wird in der Regel im Auto-Programm drauf gehalten und abgedrückt... Eventuell mal Blitz abschalten oder "Kerzenlicht"-Programm auswählen. Die Kamera wird`s schon richten, war schließlich teuer... Bildkomposition? Goldener Schnitt? Verschlusszeiten? Blende? ISO? Tiefenschärfe? Weißabgleich?... "Ja, doch, muss die unbedingt haben... und die soll auf keinen Fall diese roten Augen machen!" Ein ordentlicher Handwerker kann auch mit schlechtem Werkzeug noch etwas brauchbares leisten, ein schlechter Handwerker auch mit gutem Werkzeug nicht...
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