Von Matthias Kremp
Gitarristen werden diesen Verstärker lieben. Sie werden ihn als Amp bezeichnen, also mit der Kurzform für Amplifier, dem englischen Wort für Verstärker. Und das ist in Ordnung. Der Hanwell, den Marshall zum Ende der diesjährigen IFA in Berlin vorgestellt hat, sieht wirklich aus wie ein Gitarren-Amp. Der britische Hersteller Marshall ist legendär, baut seit 50 Jahren Gitarrenverstärker. Fast immer wenn man auf einer Bühne eine Wall of Sound sieht, eine Wand aus Gitarrenverstärkern, sind es Marshall-Boxen und Amps. Ihr typischer Look, dunkler Bespannstoff und die Messing-Frontblende sind seit Jahrzehnten unverändert.
Genau diesen Look bildet der Hanwell nach. Er sieht einfach genau so aus wie ein Marshall: Er ist mit schwarzem Vinyl bezogen, seine Lautsprecher werden von dem typischen Marshall-Stoff geschützt auf dem das geschwungene Markenlogo steht. Das Bedienfeld besteht genau wie die Drehregler aus Messing. Alles an diesem Gerät verströmt analogen Charme. Hier ist nichts digital, hier gibt es keinen Spielkram. Bluetooth? Fehlanzeige. W-Lan? Gibt's nicht. Netzwerkanschluss? Wozu denn? iPod-Dock? Von wegen!
Stattdessen liegt ein Spiralkabel bei, das genau so aussieht wie ein Gitarrenkabel. Anders als ein echtes Gitarrenkabel hat diese Strippe aber Miniklinken- statt der bei E-Gitarren üblichen großen Klinkenstecker. Nur so passt es in die Kopfhörerbuchsen von MP3-Playern und Smartphones. Eine Gitarre lässt sich nur per Adapter anschließen. Aber dafür ist der Hanwell nicht gedacht. Mit ihm soll man nicht Musik machen, sondern Musik hören - möglichst einfach.
Zehneinhalb Kilo Lebendgewicht
Wie konsequent das britische Unternehmen diese Vorgabe umgesetzt hat, sieht man schon beim Auspacken: Das Bedienfeld macht eine Bedienungsanleitung überflüssig. Ganz rechts gibt es einen altmodischen Ein-/Ausschalter, der ein gewisses Maß Kraft erfordert und beim Schalten vernehmbar klickt. Links daneben stehen drei Drehknöpfe hervor, mit denen Lautstärke, Bass und Höhen geregelt werden. Und das war es dann auch schon. Weltraumtechnik ist das nicht. Dafür kommt jeder damit klar, der eine Leselampe einschalten kann.
Um zu testen, ob der Hanwell so gut klingt, wie der Hersteller verspricht, schleppe ich den zehneinhalb-Kilo-Brummer in den Proberaum meiner Band. Der ist tief in einem alten Luftschutzbunker gelegen. Meterdicke Wände sorgen dafür, dass sich draußen niemand aufregt, wenn man mal laut wird. Genau die richtigen Bedingungen also um dem Marshall freien Lauf zu lassen.
Im Bunkertest fehlt was
Was dann passiert, als ich den Volume-Regler aufdrehe, ist bemerkenswert: 100 Watt attestiert Marshall dem Hanwell und ich glaube jedes einzelne davon hören zu können. So schnell so laut wie diese war noch keine Aktivbox, die ich getestet habe. Maximal 110 Dezibel Schalldruck sollen die vier Lautsprecher produzieren, sagt Marshall. Ungefähr so laut ist auch ein Presslufthammer - den man nur mit Gehörschutz bedienen sollte.
Bemerkenswert ist, dass der Hanwell selbst dann nicht anfängt zu verzerren, als ich einige Regler in die 10-Uhr-Position drehe. Besser klingt er freilich mit etwas weniger weit aufgedrehten Bässen und Höhen. In einer solchen Einstellung kann man mit dem kleinen Kasten glatt eine große Party so beschallen, dass die Gäste auf Zeichensprache umsteigen. Die Wohlfühlposition des kleinen Marshall finde ich, als ich die Lautstärke auf die 7-Uhr-Stellung zurückdrehe. In einem 20-Quadratmeter-Raum ist er dann immer noch so laut, dass man sich nur rufend miteinander verständigen kann.
Der Sound ist dabei fett und rund. Auch wenn die Bässe nicht gerade in die Magengrube drücken, gehen sie erstaunlich tief runter und sehr vehement zur Sache. Die Einstellung des Höhenreglers definiert sehr fein den Anteil der oberen Frequenzen, kann dem Sound Schärfe geben oder nehmen. Nur die Mitten scheinen etwas unterbelichtet. Für stark von Gitarren geprägte Musik von Bands wie den Eagles of Death Metal ist das genau richtig. Bei Songs mit weniger prägnant in den Vordergrund gemischten Mitten werden Gitarrensounds leicht in den Hintergrund gedrängt.
Gelungenes Design
sehr einfache Bedienung
Guter Sound
teuer
schwer
schwach ausgeprägte Mitten
Fazit: Die erste Aktivbox mit dem Marshall-Logo wird dem Ruf der Marke gerecht: Der Hanwell ist laut, er klingt gut und er sieht so aus wie ein Marshall eben aussieht. Allerdings hat er auch seinen Preis: 800 Euro, zu den noch 50 Euro Versandkosten kommen, da der Hanwell nur online angeboten und von Marshalls Partnerfirma Zound Industries aus Schweden verschickt wird. Echte Marshall-Fans wird das kaum abschrecken. Und sie können sich rühmen, ein Exemplar aus einer limitierten Auflage erworben zu haben: 10.000 Stück sollen hergestellt werden, um Marshalls 50-jähriges Firmenjubiläum zu feiern. Danach ist Schluss - vorerst.
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