Maßgefertigte Kopfhörer: Das geht voll ins Ohr

Alle mal herhören! Ärgern Sie sich auch ständig über diese fitzeligen Ohrhörer für MP3-Player und Handys, die immer wieder rausfallen oder schlechten Sound rausblasen? Es geht viel besser: mit maßgefertigten Modellen. Matthias Kremp hat's ausprobiert - und ist beeindruckt.

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Auch wenn eigentlich Auf-dem-Ohr-Kopfhörer gerade wieder angesagt sind: Die Mehrheit der Mobil-Musik-Genießer lässt sich den Sound ihrer MP3-Player und Smartphones per Ohrhörer in den Gehörgang schallen. Aus gutem Grund, denn Ohrhörer sind so klein, dass man sie immer mitnehmen kann, und sie liegen den Geräten beim Kauf meist bei.

Auch das hat einen Grund: Gewöhnliche Ohrhörer sind billig in der Herstellung - und oft leider auch im Klang. Ihren größten Nachteil bekommen in Bus und Bahn auch Mitreisende mit, wenn sie ungewollt mitanhören müssen, was ihr Sitznachbar sich aufs Trommelfell dröhnt. Denn normale Ohrhörer liegen nur locker auf dem Gehörgang auf, verschieben sich bei jeder Bewegung und leiten einen Großteil ihrer Energie ungenutzt aus dem Ohr hinaus - was mancher Nutzer mit Lautstärke zu kompensieren versucht.

Besser funktionieren In-Ohr-Kopfhörer. Die werden direkt in den Hörkanal hineingedrückt, schirmen Umgebungsgeräusche ab und können den Klang auf kurze Distanz auf das Trommelfell bringen. Das klingt gut, ist aber nicht immer bequem. Zwar liefern die meisten Hersteller solcher Ohrstöpsel Ohrpassstücke in unterschiedlicher Größe, Form und aus verschiedenen Materialien mit, eine perfekte Anpassung gelingt aber auch damit kaum.

Mit der Silikonspritze ins Ohr

So auch bei mir, der ich mit unterschiedlich großen Gehörgängen immer wieder dran scheitere, für linkes und rechtes Ohr die richtigen Passstücke zu finden. Doch es gibt eine Alternative: Passstücke nach Maß, sogenannte Otoplastiken, die man sich vom Hörgeräteakustiker anfertigen lässt. Ein paar Hersteller von Ohrhörern bieten sie als Zubehör für ihre Produkte an, zwei davon habe ich ausprobiert: den hf3 von Etymotic und den Beyerdynamic MMX 100 iE Individual. Beide kosten inklusive Maß-Passstücken rund 230 Euro.

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Maßgefertigte Ohrhörer: Direkt ins Ohr
Dem Beyerdynamic liegt dafür bereits beim Kauf ein Gutschein bei, den man mit dem Kaufpreis bezahlt. Die Abwicklung erfolgt über Kind Hörgeräte. Bei Etymotic hingegen muss man sich einen Coupon ausdrucken, gegen dessen Vorlage man sich für 100 Euro Otoplastiken bei einem Vertragshörgeräteakustiker anfertigen lassen kann. Ich bin in Hamburg zu einer Filiale von Geers Hörgeräte gegangen. Das Vorgehen war in beiden Fällen gleich: Nach kurzer Untersuchung spritzte ein Hörgeräteakustiker mein Ohr mit einer Silikonmasse aus, die später im Labor als Vorlage für die Otoplastik dient. Etwa eine halbe Stunde dauert die Prozedur, es empfiehlt sich, dafür einen Termin zu vereinbaren.

Mit nach Hause nehmen kann man die Maß-Stöpsel dann freilich noch nicht. Ein bis zwei Wochen dauert es, bis die Otoplastiken fertig sind.

Die Anprobe

Auf den ersten Blick sieht man, dass die Herstellung solcher Plastiken Handarbeit ist. Meine Erwartung, zwei Paare nahezu identischer Silikonklümpchen zu bekommen, erfüllt sich nicht. Die Passstücke von Kind Hörgeräte sind nach Augenmaß fast doppelt so groß, wie die von Geers Hörgeräte - und das macht sich bemerkbar.

Zum einen optisch. Mit der Otoplastik von Kind wird der eigentlich dezente Beyerdynamic MMX 100 iE zur Wuchtbrumme. Vielleicht würden sie schlanker wirken, hätte ich nicht Schwarz als Materialfarbe gewählt. So aber ragen sie ein gutes Stück über den Hörkanal hinaus. Anders wäre das aufgrund der relativ großen Lautsprecher im Beyerdynamic-Ohrhörer aber auch kaum möglich. Die kommen den Bässen zugute, bedingen aber gleichzeitig, dass die Passstücke eine große Öffnung bieten müssen, damit die eigentlichen Ohrhörer hineinpassen.

Ohropax Deluxe

Positiver Nebeneffekt: In die Öffnung lassen sich anstelle der Ohrhörer auch Gehörschutzfilter einsetzen. So werden die Passstücke nebenbei zur Deluxe-Alternative zu Ohropax. Je nach gewählter Filterstärke werden Umgebungsgeräusche dabei einfach nur leiser gemacht (gut für laute Konzerte) oder fast völlig ausgeblendet (gut für Langstreckenflüge). Leider fehlten die bestellten Filter bei meinen Passtücken, so dass ich ihre Wirkung nicht testen konnte.

In die Otoplastiken der Etymotic-Ohrhörer könnte man derartige Filter gar nicht einsetzen. Weil deren Lautsprecherröhren viel schlanker sind, können die Passstücke entsprechend kleiner ausfallen, bieten aber auch keinen Platz für einen Filter. Dafür sind sie kaum sichtbar, was auch am transparenten Silikon liegen mag, für das ich mich hier entschieden hatte. Im direkten Vergleich fühlt sich das Silikonmaterial einen Hauch weicher an, scheint etwas fester im Ohr zu sitzen als die schwarzen Plastiken von Kind.

Was sich lohnt - und was nicht

Darüber zu meckern, wäre allerdings jammern auf hohem Niveau. Denn gerade ihre Passform ist es, die die maßgefertigten Ohrhörer-Passstücke auszeichnet. Weil sie sich exakt an die Form des Ohrs anschmiegen, vergisst man schnell, dass man überhaupt Stöpsel im Ohr hat. Und das bringt gleich mehrere Vorteile:

  • Weil die Passstücke so eng anliegen, lassen sie kaum Nebengeräusche durch, wirken ohne Musik fast wie ein dicker Wattebausch im Ohr.
  • Weil Außengeräusche gut abgeschirmt werden, braucht man keine hohe Lautstärke, um seine Musik gut und ungestört genießen zu können - was die Ohren schont.
  • Weil die Ohrstücke genau an die Ohren des jeweiligen Anwenders angepasst sind, sind sie für andere Personen unbrauchbar, ein Diebstahl lohnt sich nicht. Leider wissen potentielle Diebe das wohl in der Regel nicht.

Der Hörtest

Bleibt die Frage: Was bringt dieser Aufwand für den Sound? Die einfache Antwort: eine ganze Menge, auch wenn das nicht notwendigerweise sofort und drastisch auffällt. Die deutlichste Verbesserung ist, dass die Ohrhörer besser und fester im Ohr sitzen als mit Standard-Passstücken. Die grundsätzliche Klangcharakteristik der Ohrhörer wird nur ein wenig stärker betont.

So zeichnet sich der Beyerdynamic MMX 100 iE vor allem durch ausgeprägt fette Bässe und einen sehr runden, warmen Klang aus. Er erfüllt sozusagen genau das, was seine großen Lautsprecher verheißen und erzeugt einen ausgewogenen, entspannten Sound, der auch ohne klangformende Eingriffe per Equalizer ausgesprochen kräftig in den Tieftonkeller hinabsteigt. Fast möchte man meinen, die Bässe bis in die Magengrube zu spüren.

Der hf3 von Etymotic klingt ganz anders. Sein Klangbild wird von kräftigen Mitten und Höhenanteilen geprägt, wirkt viel transparenter als das des Beyerdynamic. Dass darunter die Bässe nicht leiden, ist ein Kunststück, das prima gelungen ist. Die Bassdrum in "Charmer" von den Kings of Leon etwa drückt fast schon erschreckend deutlich ins Ohr, ohne dabei aber so fett und raumfüllend zu klingen wie beim MMX 100 iE. Man könnte sagen, der Klang ist hier kälter, aber auch klarer.

Fazit eines Selbstversuchs

Keine Frage: 100 Euro sind ein stattlicher Preis für ein Paar Silikonstöpsel. Doch gefühlt sind diese 100 Euro gut angelegt. Besser wahrscheinlich, als würde man dieselbe Summe in entsprechend teurere Ohrhörer investieren. Denn in ihrer Preisklasse klingen sowohl der Beyerdynamic MMX 100 iE als auch der Etymotic hf3 sowieso schon hervorragend, wenn auch völlig unterschiedlich. Durch die Kombination mit den Otoplastiken wird dieser Eindruck noch verstärkt, vor allem aber der Tragekomfort verbessert: Die Ohrhörer sitzen immer fest und gefallen mir vor allem deshalb so gut, weil ich schnell vergesse, dass sie überhaupt da sind.

Das ist ein Komfort, bei dem man sich wundert, wieso man es so lange ohne ihn ausgehalten hat, und der die Ohrhörer nicht nur hör-, sondern vor allem spürbar verbessert. Verglichen mit unmodifizierten In-Ohr-Kopfhörern lohnt sich der Aufpreis für die Maßfertigung für alle, die entweder viel Musik hören oder viel Wert auf einen von Umgebungsgeräuschen ungestörten Klang legen.

Und das Beste daran: Otoplastiken wie die getesteten kann man sich grundsätzlich für jeden Ohrhörer anfertigen lassen. So kann man auch ältere Modelle noch einmal aufwerten - wenn man deren Klang liebgewonnen hat.

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Silikonohrenstöpsel
demut 17.05.2011
Ich benutze solche handgefertigten Ohrstöpsel sei mehreren Jahren, um trotz lauter Wohnung gut schlafen zu können. Auch da war das Geld gut investiert. Es ist für mich absolut kein Wunder, dass die Klangqualität solcher Stöpsel mit Kopfhörerfunktion besonders gut ist. Problem bei diesen Produkten ist nur, dass die Preise so hoch sind, dass kaum jemand probeweise sowas kaufen wird. Man muss - wie ich damals - ziemlich verzweifelt sein, um 70-100 Euro für Ohrenstöpsel hinzlegen.
2. Kopfhörer sind schlecht ...
fatherted98 17.05.2011
...für die Ohren, auch wenn sie maßgefertigt sind.
3.
habsjaimmergesagt 17.05.2011
Die Dinger sind toll! Die gibt´s aber nicht nur bei Kind und Geers, sondern auch bei jedem Hörgeräteakustiker um´s Eck! Und dort sogar viel billiger!
4.
jruhe 17.05.2011
"Denn in ihrer Preisklasse klingen sowohl der Beyerdynamic MMX 100 iE als auch der Etymotic hf3 sowieso schon hervorragend, wenn auch völlig unterschiedlich." Daraus kann man nur eins schließen: Entweder taugt einer von beiden nichts oder beide sind Schrott. Wenn beide hervorragend wären, würden sie auch die gleiche Charakteristik aufweisen. Typischer Artikel eines technikfremden Goldohrs.
5. Ekelig.
berufskonsument 17.05.2011
Maßanfertigung oder nicht: Ich finde es eklig, sich irgendwas ins Ohr zu stecken. Da lobe ich mir doch meinen geschlossenen Sennheiser. Und natürlich den Gehörschutz von Bosch für die Arbeit. Die bleiben definitiv draußen.
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