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Microsoft-Entwicklungschef: "Der Raum wird der Computer"

Windows 8, eigene Surface-Tablets und ein neues Smartphone-System: Microsoft startet eine Offensive gegen Apple und Google. Entwicklungschef Craig Mundie erklärt im Interview, was bei dem schwächelnden Giganten falsch gelaufen ist und wie der Konzern die Zukunft plant.

Craig Mundie: Der Informatiker ist seit 2003 oberster Microsoft-Forscher Zur Großansicht
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Craig Mundie: Der Informatiker ist seit 2003 oberster Microsoft-Forscher

Craig Mundie, 63, ist Microsofts Mann für Visionen. Der Leiter der Forschungsabteilung soll Microsoft mit neuen Produkten wieder sexy machen. Zuvor war der Informatiker unter anderem für die Entwicklung von Windows CE verantwortlich und baute Abteilungen für Web-Fernsehen und Gesundheitstechnik auf.

SPIEGEL ONLINE: Microsoft wird Ende der Woche eine ganze Palette neuer Produkte vorstellen. Ist das der Beginn eines Comebacks zu früherem Glanz?

Mundie: Ich glaube, dass Microsoft nie seine Relevanz verloren hat. Wir sind jetzt fast 40 Jahre in der am härtesten umkämpften Industrie der Welt, wir mussten gegen jede gute Idee auf diesem Planeten kämpfen, der Wagniskapitalgeber das Geld hinterhergeworfen haben, und wir sind immer noch hier, okay? Ist das nur ein Unfall? Das glaube ich nicht.

SPIEGEL: Microsofts Fähigkeit, technologische Trends vorauszusagen, war nicht immer die beste. Mit dem Tablet Surface und dem neuen Windows 8 zielen Sie nun besonders auf den mobilen Markt ab. Wiederum zehn Jahre zu spät?

Mundie: Wir hatten einen Musikspieler vor dem iPod . Wir hatten ein Gerät mit Touch-Display vor dem iPad. Und wir waren bei den Mobiltelefonen führend. Es fehlte also nicht an Vision oder technologischer Weitsicht. Wir haben unsere Führungsposition verloren, weil wir diesen Produkten nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet haben. Unglücklicherweise gab es Fehler in der Geschäftsführung, die just zu jener Zeit gemacht wurden, als Apple das iPhone herausbrachte. Dadurch sind wir eine Generation zurückgefallen.

SPIEGEL: Was genau ist passiert?

Mundie: Windows ging damals durch eine schwere Zeit. Wir mussten uns auf die Sicherheit der Software konzentrieren. Die Cyberattacken nahmen vor zehn Jahren dramatisch zu, und Microsoft war die einzige Firma, die groß genug war, um als Ziel herzuhalten. Auch deshalb dauerte es sehr lange, Windows Vista auf den Markt zu bringen.

SPIEGEL: Welche Rolle wird Microsoft in den kommenden zehn Jahren spielen?

Mundie: Das wird ein spannendes Jahrzehnt! Dies ist mein 20. Jahr bei Microsoft. Bill Gates und Nathan Myhrvold haben mich damals eingestellt, damit ich Microsoft in Bereichen voranbringe, die nichts mit dem PC zu tun haben. 1992 wirkte das sehr avantgardistisch, aber heute sind wir natürlich längst überall von Computern umgeben.

SPIEGEL: Wie wird der Computer der Zukunft aussehen? Werden wir überhaupt noch merken, dass es ein Computer ist?

Mundie: Wir wollen, dass der Computer uns immer ähnlicher wird, wie ein hilfreicher Experte handelt. Um das zu tun, bringen wir dem Computer bei, unsere Sinne nachzuahmen, zu sehen, zu hören, zu sprechen und zu fühlen. Wir glauben, dass unser 3-D-Sensor Kinect dabei eine große Rolle spielen wird. Computer und Cloud-Dienste sind inzwischen so leistungsfähig, dass es sehr bald mehr von dieser Art Technologie geben wird.

SPIEGEL: Was wird das ganz praktisch bedeuten, in Büros und Wohnungen?

Mundie: Wir werden den Computer zum Beispiel direkt um Hilfe bitten können. Bislang war es so, dass man Computerprogramme erlernen musste, ähnlich wie die Handhabung eines Werkzeugs. Künftig sollte der Computer eher wie ein Assistent sein, zu dem man geht und sagt "hier ist ein Dokument, sieh' zu, dass es gut aussieht"; und nicht "mach' diesen Paragrafen so hoch und nimm' diese Schrift". Bei Microsoft stecken wir viel Arbeit in maschinelles Lernen. Der Computer sollte nicht nur in der Lage sein, die Sinne nachzuahmen, sondern er sollte so wirken, als würde er die Dinge verstehen. Für Office 365 zum Beispiel entwickeln wir eine Anwendung für die Inbox, die auf maschinellem Lernen basiert. Das Programm guckt sich alle E-Mails eines Nutzers an und zieht daraus Schlüsse, was für den Nutzer wichtig ist. Diese Dinge werden dann als Gruppe von E-Mails zusammengefasst. Das Programm weiß, was dem Nutzer wichtig ist, weil es über einige Zeit dessen Verhalten beobachtet hat.

SPIEGEL: Wollen die Leute nicht selbst entscheiden, was für sie wichtig ist?

Mundie: Dann müssten die Leute in der Lage sein, ihr eigenes Verhalten zu beschreiben. Unsere Erfahrung jedoch ist, dass sie das nicht können. Die Leute können zwar sagen, was sie denken, aber sie können ihr Verhalten nicht in Regeln fassen. Der Computer dagegen ist sehr gut darin, Verhalten zu beobachten und daraus Regeln abzuleiten.

SPIEGEL: Welche Rolle wird der PC in zehn Jahren spielen?

Mundie: Ich glaube, er wird fast dieselbe Rolle spielen wie heute. Allerdings wird er ergänzt werden, zum Beispiel um intelligente Whiteboards und Riesenbildschirme für Gruppendiskussionen. Irgendwann werden wir einen Raum betreten, und der Raum wird der Computer sein. Die Leute werden nicht mehr über Computer nachdenken sondern eher über Computing, über Rechenleistung. Wir werden in einen Raum kommen, das Smartphone in der Hosentasche und das Tablet im Aktenkoffer, und sofort werden alle Geräte zusammenarbeiten.

SPIEGEL: Mit dem Surface machen Sie Ihren Partnern nun direkt Konkurrenz. Plant Microsoft, künftig ähnlich wie Apple alles alleine zu machen, Hardware und Software?

Mundie: Apple hatte schon immer den Luxus, eine Hardware- und eine Softwarefirma zu sein. Ich beschreibe das als Luxus, weil man dann nur an sich selbst denken muss. Wenn man aber Produkte in die ganze Welt verkaufen will, war es zumindest in der Vergangenheit sehr schwierig, das alleine zu machen. Wir glauben immer noch, dass es besser ist, eine symbiotische Beziehung mit unseren Partnern in der ganzen Welt einzugehen. Und wir sind ja nicht alleine mit diesem Modell. Googles Android zum Beispiel hat nur deshalb so schnell einen großen Marktanteil erobert, weil Google mit anderen Unternehmen kooperiert.

Mehr über Microsoft lesen Sie im aktuellen SPIEGEL.

Das Interview führte Philip Bethge

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insgesamt 47 Beiträge
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1. schwächelnd?
Meckermann 23.10.2012
Zitat von sysopMicrosoft Windows 8, eigene Surface-Tablets und ein neues Smartphone-System: Microsoft startet eine Offensive gegen Apple und Google. Entwicklungschef Craig Mundie erklärt im Interview, was bei dem schwächelnden Giganten falsch gelaufen ist und wie der Konzern die Zukunft plant. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/microsoft-entwicklungschef-craig-mundie-ueber-surface-und-windows-8-a-862813.html
So viel kann nicht falsch gelaufen sein, sie haben immer noch ein beinahe-Monopol auf PC-Betriebssysteme. finde es ganz gut, dass sich das nicht auch noch auf Mobilgeräte erstreckt...
2. Strategie
Quagmyre 23.10.2012
Zitat von sysopMicrosoft Windows 8, eigene Surface-Tablets und ein neues Smartphone-System: Microsoft startet eine Offensive gegen Apple und Google. Entwicklungschef Craig Mundie erklärt im Interview, was bei dem schwächelnden Giganten falsch gelaufen ist und wie der Konzern die Zukunft plant. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/microsoft-entwicklungschef-craig-mundie-ueber-surface-und-windows-8-a-862813.html
Es ist schon klar, dass Microsoft versuchen muss, im Mobile- und Tablet-Markt Boden gutzumachen. Dass der PC weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird, ist eine wichtige Aussage. Warum man mir aber als Power-Desktop-User dann mit Windows 8 ein Betriebssystem anbieten will, das gnadenlos auf die Mobile-Touch-Fullscreen-Bedienmetapher getrimmt ist, erschließt sich mir nicht.
3. gegen jede gute Idee gekämpft
l_mister 23.10.2012
"... wir mussten gegen jede gute Idee auf diesem Planeten kämpfen...". Das merkt man den Microsoft Produkten leider auch an.
4.
PublicTender 23.10.2012
Zitat von sysopMicrosoft Windows 8, eigene Surface-Tablets und ein neues Smartphone-System: Microsoft startet eine Offensive gegen Apple und Google. Entwicklungschef Craig Mundie erklärt im Interview, was bei dem schwächelnden Giganten falsch gelaufen ist und wie der Konzern die Zukunft plant. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/microsoft-entwicklungschef-craig-mundie-ueber-surface-und-windows-8-a-862813.html
Bei Mobiltelefonen führend? Auf welchem mir nicht bekannten Planeten? Melmak? Egal. Microsoft wird auch diesmal wieder seinen Ruf wahren und lukrative Trends zielsicher verpassen.
5. Kampf gegen gute Ideen
discotieren 23.10.2012
"... wir mussten gegen jede gute Idee auf diesem Planeten kämpfen ..." Ja, das ist wahr. Beispielsweise gegen die gute Idee der EU keine Softwarepatente einzuführen und viele andere. Nein, Microsoft hat sich nie mit Ruhm bekleckert und ich bin froh, weit weg von der Nutzung von Microsoft-Produkten zu sein. Nach Jahren des Ärgers damit. Linux läuft. Und läuft. Und läuft. Und Viren sind kein Problem. Und durch das jetzige Vorhaben alle Daten von allen Microsoft-Diensten (wie Google) zusammen zu führen, reiht Microsoft sich in die Reihe der Datenkraken wieder ein, nachdem es zuletzt von Google und facebook überholt worden war.
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