Microsoft-Manager Ray Ozzie: Der Himmelsstürmer tritt ab

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Microsoft verliert seinen Visionär: Top-Manager Ray Ozzie, der die Internet-Strategie des Konzerns maßgeblich prägte, gibt seinen Posten ab, einen Nachfolger gibt es nicht. Zwischen ihm und Firmenchef Ballmer gab es zuletzt harte Auseinandersetzungen über die Strategie des Windows-Giganten.

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Microsoft-Manager Ray Ozzie: Abgang ohne Angabe von Gründen

Kein geringerer als Microsoft-Chef Steve Ballmer hat die Nachricht überbracht: Ray Ozzie, Chef-Softwarearchitekt des Unternehmens, in seiner Funktion Nachfolger von Bill Gates, tritt von seinem Job zurück. Ozzie, der nach Ballmer als zweiter Mann in Microsofts Führungsriege gilt, hat in den letzten Jahren maßgeblich die Neuausrichtung der Software-Firma geprägt und gesteuert. In einer E-Mail an alle Microsoft-Mitarbeiter erklärte Steve Ballmer, das Ozzie auf eigenen Wunsch zurücktrete, das Unternehmen aber erst nach einer gewissen Übergangszeit verlassen werde. Von einem Ruhestand ist da die Rede, über künftige Pläne des visionären Managers wird nichts gesagt. Klar ist aber, dass der Weggang des Software-Chefs eine gewaltige Lücke hinterlässt, die offenbar nicht geschlossen werden soll.

Ozzie gehört zum Urgestein der Computerbranche. In den achtziger Jahren war er an der Entwicklung der ersten Tabellenkalkulationssoftware Visicalc und an dem Office-Paket Lotus Symphony beteiligt. Später gründete er die Softwarefirma Iris Associates und entwickelte die Gruppen-Software Lotus Notes, die heute von mehr als 100 Millionen Anwendern genutzt wird. Nachdem Lotus 1996 für vier Milliarden Dollar von IBM aufgekauft wurde, gründete Ozzie 1997 die Softwarefirma Groove Networks und entwickelte eine neue Gruppensoftware für Großunternehmen. 2005 schließlich kaufte Microsoft sein Unternehmen auf, angeblich in erster Linie, um Ozzie ins Unternehmen zu holen.

Als Chief Technology Officer wurde Ozzie damals die Aufgabe übertragen, den träge dahindümpelnden Windows-Konzern ins Internet-Zeitalter lenken. Ausgesprochen ausführlich analysierte er in einer Mail an Microsofts Führungsriege die Transformation der IT-Branche hin zum Internet und entwickelte Microsofts Online-Dienste Windows Live und Office Live. Nach dem Ausscheiden von Microsoft-Gründer Bill Gates aus dem aktiven Geschäft übernahm Ray Ozzie im Juni 2006 dessen Position als oberster Softwarearchitekt.

In seiner Rolle als Bill Gates Nachfolger gelang es Ray Ozzie tatsächlich, dem Unternehmen eine neue Richtung zu geben. Die großen Geldmaschinen sind zwar weiterhin die Software-Pakete Windows und Office, doch hat sich das Unternehmen längst diversifiziert.

Vater der Wolke

Microsofts Cloud-Computing-Angebot Azure beispielsweise hat Ozzie den Ruf eingebracht, ein Architekt des Cloud Computing zu sein. Statt durch den Verkauf von Software-Lizenzen soll Azure durch den Verkauf von Rechner-Dienstleistungen im großen Stil Geld einbringen. Vor allem Firmenkunden sollen demnach künftig auf den aufwendigen und teuren Betrieb eigener Rechenzentren verzichten, stattdessen Rechenzeit und Speicherplatz bei Microsoft mieten.

Mehr Breitenwirkung erzielte Ozzie allerdings mit der Weiterentwicklung der Live-Dienste und des Online-Office. Entwicklungen wie diese bilden letztlich auch die Grundlage für das Online-Spielesystem Xbox Live und die Cloud-Dienste, derer sich die Windows-Phone-7-Handys künftig bedienen werden, wenn sie beispielsweise Foto-Schnappschüsse auf der kostenlosen Online-Festplatte SkyDrive abladen oder sich Musik und Apps aus Microsoft Marketplace besorgen.

Mission erfüllt und dennoch gescheitert?

Seine Mission, den Software-Konzern auf den Weg ins Web zu führen, hat Ozzie erfüllt, wenn auch mit einigem Abstand nach Google und Co., doch daran dürfte die Behäbigkeit des Unternehmens selbst Schuld sein. Welchen Einfluss Ray Ozzie aber tatsächlich auf die Strategie und die langfristige Ausrichtung von Microsoft hat, ist umstritten. Das letzte Wort jedenfalls dürfte immer noch Firmenchef Steve Ballmer für sich beanspruchen.

Dass das Verhältnis der beiden Microsoft-Topmanager nicht ungetrübt ist, demonstrierten sie selbst vor einigen Monaten auf der Hightech-Konferenz All Things Digital, als Ozzie seinem Chef in die Parade fuhr. Dabei wurde klar, dass die beiden vollkommen unterschiedliche Ansichten darüber haben, wie es mit dem Cloud Computing künftig weitergehen soll und welchen Einfluss die Auslagerung von Rechenleistung und Diensten ins Netz haben wird. Während Ballmer etwa insistierte, dass Gadgets auch künftig immer eigenständig agierende Geräte bleiben werden, erklärte Ozzie, das er fest an vernetzte Apparate glaube, die ohne viel eigenen Speicher und Rechenkraft ganz auf Cloud-Diensten basieren werden. Zum Ende der Veranstaltung stellte Ozzie Ballmer zudem bloß, indem er dessen Ansichten über Googles Cloud-Strategie kritisierte und einen vollkommen anderen Standpunkt einnahm.

Kein Wunder also, dass Ray Ozzie sich nun zurückzieht. Für einen nicht näher genannten Übergangszeitraum, so Ballmer in seiner Mail, soll Ozzie offenbar die Einführung der Bewegungsteuerung Kinect für die Xbox 360 und der Windows-Phone-7-Handys lenken. Ein letztes Großprojekt also, in dessen Marketing der Konzern angeblich eine Milliarde Dollar investieren will.

Mut zur Lücke

Microsoft ist heute erfolgreich wie nie zuvor. Windows 7 kommt bei Verbrauchern und Unternehmen gut an, ebenso das aktuelle Office-Paket samt der passenden Online-Dienste. Die Suchmaschine Bing ist zwar noch kein Dickschiff, aber doch immerhin eine ernstzunehmende Konkurrenz zu Google. Mit Windows Phone 7 versucht der Konzern zudem, bei den populären Smartphones verstärkt mitzumischen.

Aber was danach kommen soll ist vollkommen unklar. Vor allem aber, von wem es kommen soll. Die Verpflichtung von Ray Ozzie war offenbar ein Versuch von Bill Gates, sich einen Nachfolger heranzuziehen, doch der ist nun gescheitert. Den Posten des Chef-Softwarearchitekten jedenfalls will Steve Ballmer nicht neu besetzen. Ob er diese Lücke allerdings selbst ausfüllen kann, darf bezweifelt werden. Ballmer ist Pragmatiker, nicht Visionär.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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1. Ballmer...
Electricdawn 19.10.2010
...ist das Problem. Er ist zu konservativ, und nicht innovativ als Chef. Er ist ein Besitzstandwahrer, kein Visionaer im Vergleich zu Bill Gates. Windows und Office sind zwar das Hauptgeschaeft, diese beiden werden auch noch auf weite Zukunft das Standbein von Microsoft bleiben, aber in allen anderen Bereichen muss sich Microsoft anstrengen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Die XBox zeigt immerhin, das Microsoft kann, wenn sie wollen, und das WinPhone 7 ist ein guter Startpunkt. Mal sehen, wohin die Reise geht. Ob mit Ballmer oder ohne, Microsoft wird wohl so schnell nicht untergehen... aber ob sie ganz vorne dabei sind?
2. Ohne Visionär, ohne Visionen
Jotti 19.10.2010
Ich muss bei dem Artikel unweigerlich an Apple denken, deren Visionär Steve Jobs einst auch den Laden verlassen musste. Danach ging es rapide bergab. Ohne Visionär an der Spitze eines Unternehmens wie Microsoft (oder eben Apple, Google ect.) ist der Abstieg programmiert. Oder glaubt irgend jemand, dass ausgerechnet Ballmer der Heilsbringer bei Microsoft ist? Es gibt einen ganz einfachen Indikator: fällt in den nächsten Tagen der Aktienkurs von Microsoft, dann dürfte der Weg klar gezeichnet sein...
3. M$
Kosmopolit08 19.10.2010
Ballmaer verkörpert wie kein anderer Microsoft - ein Riesenunternehmen, was sich nur durch sein Monopol über Wasser hält und sonst hinterherhinkt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sich Ballmer über den iPod und noch mehr über das iPhone lustig machte - tja der Zune Player ist bereits zu Grabe getragen worden und Windows Mobile 7 wird wohl zwischen den Rädern von iOS und Android zermahlen.
4. Visionär?
volatus123 19.10.2010
Zitat von sysopMicrosoft verliert seinen Visionär: Top-Manager Ray Ozzie, der die Internet-Strategie des Konzerns maßgeblich prägte, gibt seinen Posten ab, einen Nachfolger gibt es nicht. Zwischen ihm und Firmenchef Ballmer gab es zuletzt harte Auseinandersetzungen über die Strategie des Windows-Giganten. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,723907,00.html
Larry Ellision (Oracle) hat schon in der letzten Dekade des vergangenen Jahrtausends über Cloud-Computing geredet. Er hat das lediglich anders genannt und sagte: "The internet is the computer!" In den meisten Präsentationen würde das Internet als Wolke dargestellt und möglicherweise hat das Ozzie nicht verstanden und seine Vision war, das alles Cloud zu nennen ;-) Cloud ist ja ein wunderbares Buzzword und man kann vortrefflich darüber reden und schreiben, ohne zu wissen, was damit gemeint ist... Für mich sitzen die Visionäre der IT vor allem bei Apple und Google. Wenn aber hier Ozzie als Visionär gesehen wird, sieht's in der Trat traurig für MS nach seinem Weggang aus. Steve Ballmer hat das letzte mal für Aufmerksamkeit gesorgt als er im Frühjahr wie unter Drogen auf der Bühne herumgehüpft ist und "Windows 7" gesbrüllt hat: http://www.youtube.com/watch?v=wvsboPUjrGc
5. wo ist er denn nur hingestürmt?
Systemrelevanter 19.10.2010
..vielleicht hat er erkannt, dass Visionäre besser woanders aufgehoben sind, als in diesem Heer von 10.000 untoten und unkreativen Programmierern. Ich habe seit Jahren nichts auch nur leicht beeindruckendes aus dem Hause Microsoft gesehen. Die Ära ist wohl vorbei.
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Stichwort: Cloud Computing
Prinzip
Das Endgerät ist beim Cloud Computing nur ein Fenster auf einen stets aktuellen Datenbestand. Wer am Rechner einen Termin einträgt, sieht ihn später auch beim Blick in den Handy-Kalender, wer mobil einen Kontakt einträgt, kann ihn später am PC abrufen - immer nur online, versteht sich. Das Gleiche gilt für Adressbücher, E-Mails, online abgelegte Fotos, Dokumente und so weiter.
Anbieter
Viele Anbieter versuchen derzeit, sich als erste Adresse für den Zugang zur Datenwolke zu positionieren. Dazu gehören beispielsweise Google, Microsoft, der Hardware-Hersteller Apple mit MobileMe und der Handy-Produzent Nokia mit seinem Dienst Ovi. Auch Vodafone will künftig stärker auf Netzdienste setzen.
Business-Funktionen
Für Unternehmen hat Cloud Computing eine weitere Bedeutung: Sie können rechen- oder datenintensive Aufgaben an Datenzentren auslagern, gewissermaßen Rechner - oder Speicherkapazität in der Wolke nach Bedarf für bestimmte Aufgaben anmieten. Vorreiter ist hier Amazon mit seinen Web Services (AWS), etwa dem Speicherdienst S3. Es gibt aber auch zahlreiche andere Anbieter, etwa die Plattform Force.com von Salesforce.


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