Telefontechnik: Die Tech-Pioniere vom 58. Infanterie-Regiment

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"Öh?" "Hier!" So sprachen Militärs 1877 am Telefon. In den Kindertagen dieser Technik konnte sich kaum jemand vorstellen, wozu der Apparat nützen sollte. Außer in der Armee. Die Soldaten hatten auf Fernsprecher nur gewartet. Heute sind ihre Pioniertaten weitgehend vergessen.

Feldtelefone: Early Adopters in Uniform Fotos
Library of Congress/ Prints & Photographs Division

Experimentierfreudige Technik-Fans des 19. Jahrhunderts stellte die frühe Telefontechnik vor ein nicht zu unterschätzendes Dilemma: Es gab so gut wie niemanden, den man hätte anrufen können - und zwar über Jahrzehnte. In Frankreich, England, Ungarn und anderen Ländern versuchten frühe Telefonfirmen darum, ihre Apparate als eine Art Draht-Radio zu vermarkten, über das sie Musikprogramme verbreiteten.

Für die Kommunikation begnügte man sich lange Zeit mit dem Telegrafen: Der war schnell, zuverlässig und flächendeckend verfügbar. Ein Telegramm von New York nach Paris brauchte inklusive Auslieferung nur wenige Stunden. Dem Angebot des Telefons stand so gut wie keine Nachfrage gegenüber.

Außer beim Militär. Die Uniformträger konnten es gar nicht abwarten: Bereits Ende der 1880er Jahre experimentierten Militärs mit mobilen Telefoneinheiten, die ihre Kabel per Fahrrad zogen. In Frankreich entwickelten sie sogar ein Dreirad mit Hohlrädern, auf dessen Außenseiten kleine Paddelflächen montiert waren. Das Gefährt sollte Kabel nicht nur an Land ziehen, sondern auch zu Wasser, ähnlich wie ein Tretboot.

Trotz eines spektakulär erfolgreichen Versuchs, in dessen Verlauf zwei Soldaten auf diesem sogenannten Velociped mehr als zwei Stunden lang Kabel durch 25 bis 35 Meter tiefes Wasser zogen, ohne dabei zu ertrinken, setzte das Vehikel sich nicht durch.

Die Pioniere der Telekommunikation konnte das nicht entmutigen.

Der Erfinder des Begriffes Telefons: Elard Romershausen

Dass Sprachnachrichten für die Organe und Behörden des Staates von äußerster Wichtigkeit sein könnten, hatte der deutsche Ingenieur und Arzt Dr. Elard Romershausen schon 1838 erkannt. Er glaubte, dass eine verbale Übermittlung der Telegrafietechnik vorzuziehen sei. Dem von ihm vorgeschlagenen Sprach-Kommunikationssystem gab er den Namen Telefon - also war wohl er der Erfinder des Begriffs, und nicht Philipp Reis, dem man das in Deutschland gern zuspricht.

Schon 1840 schrieb Romershausen selbstbewusst:

"Namentlich wird man das Interesse, welches man gegenwärtig der elektrischen Telegraphie schenkt, gewiß weit vortheilhafter diesem Telephon zuwenden; denn so sinnreich und wissenschaftlich interessant auch die Darstellung elektrischer Telegraphen ist, so mannichfache Hindernisse werden sich der Ausführung und Benutzung derselben im Großen entgegenstellen."

Heute würde man knapper sagen: Plappern kann jeder, Morsen nicht. Aus der Perspektive der damaligen Zeit eine verständliche Einschätzung. Romershausens Telefon hatte den Vorzug, auf einer Technologie zu fußen, die seit Jahrtausenden bekannt und faktisch wartungsfrei war, wenn auch nicht sehr tragbar. Er schlug vor, ein Schallverbreitungsmedium zu nutzen, das quasi überall herumlag: Wasserrohre.

Hierzu brauchte man keine Elektrik, sondern nutzte lediglich die physikalischen Eigenschaften des Schalls. Romershausen hatte entdeckt, dass man Sprachnachrichten kilometerweit verbreiten kann, wenn man in ein Rohr hineinschreit - selbst, wenn dieses nicht völlig gerade verlegt ist.

So wahr und praktisch das auch sein mag, auch diese Technik konnte sich dem Optimismus des Entdeckers zum Trotz nicht durchsetzen (wenn man von Haus-Kommunikationsanlagen auf Rohrbasis absieht).

Preußisch gründlich: Kabelziehen im Feld

Im Gegensatz zu Romershausens Rohr-Telefon weckte das elektrische Telefon sofort das Interesse der Militärs. Es schien naheliegender, Kabel zu verlegen statt Rohre. Bereits im Dezember 1877 fanden in Deutschland unter Leitung eines Hauptmanns Körner vom 58. Infanterie-Regiment bahnbrechende Versuche statt. Es galt, "die Verwendbarkeit des Telephons für den Vorpostendienst aufzuklären".

Zu diesem Behufe ließ Körner einen Füsilier mit einem Kabeltornister "im Geschwindschritt" eine 320 Meter lange Leitung zu einem Versuchs-Vorposten ziehen. Der Soldat erledigte diese Aufgabe - wohl auch dank der Tatsache, dass er nicht unter Beschuss lag - in weniger als drei Minuten. Von solch bahnbrechender Rüstungsforschung berichtete das populäre "Polytechnische Journal" ausführlich und regelmäßig:

"Nach Einschaltung zweier von Siemens und Halske gefertigter Telephone wurde an jedem der beiden Orte mittels eines Kapottes (Anm.: ein Kapuzen-Regenmantel oder -Umhang) ein kleiner abgeschlossener Raum hergestellt, so das der starke Wind das deutliche Hören nicht im Geringsten hinderte. Als Anruf wurde ein mit lauter Stimme gerufenes 'Öh!' benutzt; nach der Beantwortung des Anrufes durch das Wort 'Hier!' begann das Telephoniren."

Öh, hier? Man beginnt zu ahnen, warum es in dieser Frühphase der Telefonie eine ganze Flut von Patentanträgen gab, die "Lautgeber" für Telefone beschrieben. Einige davon beruhten auf Rückkopplungen, die als Rufton schrille Quietschtöne in den Raum schickten. Zum Glück ließ die Schelle alias Bimmel, Glocke oder Klingel dann nicht mehr allzu lange auf sich warten. Bis dahin öhte man eben.

Doch bereits 1880 verfügte auch Hauptmann Körner über Telefone, bei denen man dank eingebauter Rufsignale auf gebrüllte Ö-Laute verzichten konnte. Auch in anderer Hinsicht hatte sich in den mittlerweile verflossenen drei Jahren gezeigt, mit welch atemberaubender Geschwindigkeit der technische Fortschritt zum Wohle der militärischen Kommunikation weitergaloppiert war: Viel handlicher war die Technik inzwischen!

Siemens und Halske hatten ihren Apparat zu einem schicken, tragbaren Feldtelefon im eigenen, als Rucksack zu tragenden Transportkasten von nur noch 11,5 Kilogramm Gewicht geschrumpft. Alles, was der Telefon-Füsilier nun noch durchs Feld schleppen musste, war der ebenfalls deutlich optimierte Kabelrucksack von läppischen acht Kilogramm Gewicht - und das bei einer deutlich vergrößerten Reichweite von 500 Metern.

Was wollte man mehr? Nun, zum Beispiel gar keine Kabel. Bereits 1883 begannen deutsche Militärs, Experimente mit "drahtloser Telegrafie" zu finanzieren - und erwiesen sich auch damit als echte Pioniere. Kurz vor der Jahrhundertwende standen mit Konzepten von AEG sowie Telefunken/Siemens & Halske gleich zwei deutsche Funktechnologien bereit. So wurde die deutsche Kriegsmarine ab 1902 als erste weltweit mit Funktechnik aufgerüstet. Durchsetzen konnten sich mit ihren Entwicklungen am Ende aber weder deutsche noch amerikanische Funk-Pioniere - den Standard setzte hier später der von England aus agierende Guglielmo Marconi.


Der Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Der viktorianische Vibrator" von Frank Patalong.

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