Mitfahrzentralen zum mitnehmen Beifahrer gesucht - per App

Autofahren wird immer teurer, Mitfahr-Apps könnten sparen helfen. Schnell und spontan Personen finden, mit denen man sich die Fahrtkosten teilen kann, das klingt verlockend. Doch bei der Umsetzung stoßen die Entwickler auf Probleme.

Von Andreas Grieß


Steigende Kosten in der Rohölförderung, teure Transportwege und eine zunehmende Öl-Nachfrage aus Asien: Wir alle müssen zukünftig mehr Geld für Fahrten mit dem Auto ausgeben. Das beschreibt auch eine Studie, die das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 2009 veröffentlichte. Abhilfe verschaffen könnten sich Verbraucher mit sogenannten "Mitfahr-Apps" für Smartphones. Die sollen es ermöglichen, spontan Mitfahrer oder Mitfahrgelegenheiten in der unmittelbaren Umgebung zu finden - so könnten sich mehrere Personen die Kosten teilen. Das gängige Konzept dabei sieht - mit einigen Modifikationen - meist wie folgt aus:

Der moderne Anhalter gibt das gewünschte Ziel in sein Handy ein, sein Standort wird per Handy-GPS ermittelt. Das Programm erkennt, welche Autofahrer ihn mitnehmen könnten, sie haben vorher ihre Route angemeldet oder in ihr Navigationssystem eingegeben. Gibt es Übereinstimmungen, stellt das Programm einen Kontakt her. Der Fahrer bekommt eine Mitteilung, wo er den potentiellen Mitfahrer aufsammeln könnte und wie viel Geld ihm dies einbrächte. Dann kann er entscheiden, ob er zusagt.

Ein solches Konzept verfolgen beispielsweise die Macher von flinc. Auf die Idee gekommen seien sie bereits vor über zwei Jahren im Rahmen eines Hochschul-Projekts. Aufgabe der vier Gründer von flinc sei es in ihrem Studiengang Medien-System-Design gewesen, ein Konzept zum Thema Mobilitätsprobleme zu erstellen. Früh kam ihnen dabei unter anderen der Bereich Mitfahrzentralen in den Sinn. Ihnen sei aufgefallen, dass etwa 80 Prozent der gefahrenen Strecken Kurzstrecken seien, klassische Mitfahrzentralen aber in der Regel nur den Bedarf für längere Strecken decken.

Aus diesem Ansatz wurde nicht nur das Diplomarbeits-Thema von zwei der Studenten, sondern ein eigenes Unternehmen. Mittlerweile umfasst die Firma acht Mitarbeiter, bald sollen es mehr werden. "Wir wachsen gerade", sagt Benjamin Kirschner stolz. Er ist einer der flinc-Gründer und zuständig für Marketing und PR.

In 80 Tagen um die Welt

Der 26-Jährige weiß auch, dass sich derzeit auf dem Markt weitere Unternehmen positionieren und um Partner in Politik und Wirtschaft buhlen. Mit caribo gibt es zum Beispiel einen Konkurrenten, der bereits eine Mitfahr-App auf dem Markt hat. Caribo bietet seinen Dienst gegen Gebühr auch Taxi-Unternehmen an, die so Fahrkunden gewinnen sollen.

Die Macher von caribo sind auch an einem weiteren Projekt beteiligt: car2gether. Mitte September startete das so betitelte Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit der Daimler AG im Großraum Ulm. Mit der räumlichen Begrenzung des Pilotprojekts soll sichergestellt werden, dass in der Startphase tatsächlich Teilnehmer zueinander finden.

Bei Erfolg soll das Projekt ausgedehnt werden. Als zusätzliche Motivation sind Geldpreise für die kilometerreichsten Fahrer der ersten 80 Tage ausgeschrieben. Unter dem Motto "In 80 Tagen um die Welt" verspricht die Dailmer AG 8.000 Euro für die Ulmer Bürger Stiftung, sollten mindestens 40.000 vermittelte Kilometer zusammen kommen.

Benjamin Kirschner ist trotz der Konkurrenz guter Dinge: "Was Kooperationspartner angeht sind wir sehr gut aufgestellt." Vor allem wolle man mit integrierter Navigation punkten und arbeitet mit der Telekom zusammen. Die erprobt unter dem Titel "T-City" in Friedrichshafen verschiedene Zukunftsprojekte, flinc soll eines davon sein. Angebote wie dieses, so die Hoffnung der Netzbetreiber, könnten das Interesse an mobilem Internet weiter steigern

Läuft in Friedrichshafen alles rund, sollen das Versuchsgebiet und die Zahl der Teilnehmer so lange erweitert werden, bis eine kritische Masse erreicht ist, die das System soweit trägt, dass wie geplant auch spontane Fahrten möglich sind. Wie viele Nutzer dafür nötig sind, wissen auch die Macher noch nicht. Das sei von der jeweiligen Region abhängig, betont Benjamin Kirschner. Seitens T-City geht man davon aus, dass für einen zufriedenstellenden Betrieb in Friedrichshafen mindestens 500 Nutzer nötig sein werden.

Kurt Bächle, Projektbeauftragter der Telekom für T-City, ist sicher, dass das zu schaffen ist. Gerade in jüngeren Bevölkerungsgruppen könnten Mitfahr-Apps wie flinc zur Selbstverständlichkeit werden. Er glaubt: "Die Zeit ist reif."

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