Mobile Computer: Das Ende der Netbooks?

Von Jan Mölleken

Erst vor kurzem begann der weltweite Verkauf des iPads und schon kürt eine Studie Tablet-PCs zu den künftigen Shooting-Stars im Computermarkt. Einen Verlierer nennt die Studie auch: Netbooks. Die Kult-Computer der letzten zwei Jahre könnten ihren Zenit schon überschritten haben.

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Konkurrent oder Nachfolger: Wird das iPad zur Nemesis der Netbooks?

Die erfolgreichen Tage der Netbooks sind gezählt. In nur zwei Jahren, so die Prognose des Marktforschungsunternehmens Forrester, werden in den USA mehr Tablet-PCs als Netbooks verkauft werden. Schon 2013, so die Studie, gingen dann mehr Tablets als Desktop-PCs über die amerikanischen Ladentische. 2015 schließlich werde jeder vierte verkaufte PC - als solche verbucht die Studie iPads und ihre Konkurrenten - ein Tablet sein.

Schaut man sich die Zahlen der Forrester-Studie genauer an, wird deutlich, dass der Desktop-PC die härtesten Verluste hinnehmen muss. Machten diese in den USA 2008 noch fast die Hälfte des Markts aus, werden es 2015 gerade einmal noch 18 Prozent sein. Genau genommen ist das aber keine Überraschung: Stationäre PCs haben seit Jahren rückläufige Verkaufszahlen. Bis vor kurzem ging man allerdings noch davon aus, dass die kleinen, schicken und höchst mobilen Netbooks die schwindenden Marktanteile der archaischen Schreibtischboliden übernehmen würden. Doch auch deren Erfolgsgeschichte scheint nun ein jähes Ende zu finden - noch bevor sie überhaupt richtig loslegen konnten.

Erst im vergangenen Jahr hatten die günstigen Winzlinge ihren Marktanteil weltweit auf 20 Prozent verdoppeln können, für 2010 war ein weiteres Wachstum erwartet worden - doch dann kam das iPad. Laut Forrester ist damit das Wachstum des Netbook-Marktsegments - wenigstens in den USA - vorbei. Dort wird der Marktanteil in den kommenden Jahren sogar leicht sinken. Wenn auch zeitlich leicht verschoben, könnte eine ähnliche Entwicklung auch in Europa folgen.

Damit prognostiziert Forrester den Tablet-PCs eine vergleichbare Blitzkarriere, wie sie die Netbooks zuvor durchlebt haben. Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass die Netbooks schon auf dem Zenit ihres Erfolges angekommen sein sollten, zudem gibt es Studien, die den Netbooks noch ein großes Wachstumspotential zusprechen. Viel interessanter ist allerdings, ob die Tablet-PCs nach dem beeindruckenden Verkaufsstart des iPads eine ähnliche Karriere wie die Netbooks hinlegen werden. Die Parallelen zum Netbook-Start jedendenfalls sind überdeutlich.

Eine Firma schafft im Alleingang ein neues Marktsegment

Um 2008 war es auch eine einzelne Firma, die ein ziemlich einzigartiges Konzept auf den Markt brachte: den EeePC von Asus. Mit seinem 7-Zoll-Display, der SSD statt einer Festplatte und einem Gewicht von unter einem Kilogramm war er kleiner und leichter als alle vergleichbaren Geräte auf dem Markt - durch seinen gebremsten Celeron-Prozessor leistungsmäßig aber auch schwachbrüstiger als der Rest. Dafür war er unschlagbar günstig: 299 Euro kostete die erste Ausgabe des in Deutschland erhältlichen EeePC 4G - und war sofort ausverkauft. Eigentlich erstaunlich: Der erste EeePC 4G war elendig langsam, hatte kein optisches Laufwerk und anstelle einer Festplatte nur 4 GB Flashspeicher. Statt Windows kam eine angepasste Linux-Version als Betriebssystem zum Einsatz.

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Damit war der Winzling von Asus nur zu einem Bruchteil der Dinge zu gebrauchen, zu denen ein Desktop PC oder auch ein normal ausgestattetes Notebook in der Lage war - und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb schlug das Konzept voll ein. Der kleine, auf Mindestfunktionen beschränkte EeePC und die ihm nachfolgende Welle von Netbooks trafen anscheinend die Bedürfnisse nach einer Geräteklasse, die es vorher schlicht nicht gegeben hatte. Netbooks können weder sinnvoll zum Videoschnitt, noch zur ernsthaften Bildbearbeitung eingesetzt werden; man kann darauf mangels DVD-Laufwerk weder Spielfilme schauen, noch aufwendige 3D-Spiele zocken. Eine immer größere Nutzerschicht stört das überhaupt nicht, denn sie haben entweder noch einen potenten Zweitrechner oder ohnehin nicht vor, sich mit solch CPU-lastigen Aufgaben herumzuschlagen.

Kaufargument Sex-Appeal: Man braucht es nicht, aber hat es gern

Mit Netbooks kann man - quasi von überall - Mails checken, Facebook-Nachrichten schreiben, im Internet Surfen und zur Not auch mal einen längeren Text in die Textverarbeitung hacken. Desktop-PCs und Notebooks stehen entweder für Arbeit oder höchst spezialisiertes Hobby, Netbooks für alles dazwischen. Sie sind gewissermaßen die Casual-Computer - und dabei auch noch sexy.

Eine traumhafte Situation für einen Hersteller, allein in eine solche Bedarfslücke zu stoßen. Doch Asus hatte zwar ein neues Marktsegment geschaffen, konnte die Nachfrage aber nicht ausreichend bedienen. Schon ein paar Monate später folgten in der mittlerweile Netbook getauften PC-Klasse Modelle von allen großen PC-Herstellern. Vom Innovationsvorsprung konnte Asus nicht lange profitieren. Ende 2008 verkaufte Konkurrent Acer bereits mehr Netbooks, als der EeePC-Erfinder, konnte seine Position 2009 sogar noch weiter ausbauen. Asus hält zwar nach wie vor Rang zwei, der Druck durch die Verfolger Hewlett-Packard, Samsung und Dell aber wächst.

iPad: Teurer Konkurrent fürs Netbook

Seit April dieses Jahres kommt nun noch ein weiterer Konkurrent hinzu. So ist es recht wahrscheinlich, dass der große Erfolg des iPads nicht spurlos am Netbook-Markt vorübergehen wird. Zu sehr überschneiden sich die Nutzerprofile: Apples neuer Verkaufsschlager ist viel kompromissloser auf den Aspekt Casual-Computer getrimmt als die Netbooks: Das iPad ist kleiner und leichter, läuft länger ohne Netzkabel, lässt sich viel intuitiver bedienen und ist um Längen stylisher.

Dass eine Tastatur fehlt, ist da nur konsequent: Apple hat das iPad damit vom letzten sperrigen Makel des Arbeitsgeräts befreit und ein reines Lifestyle-Gadget geschaffen. Das iPad - und das ist auch notwendige Bedingung für die Konkurrenzprodukte - hat den Sprung aus dem Büro ins Wohnzimmer geschafft, ist dort kein sperriger Fremdkörper mehr, sondern ästhetischer Einrichtungsgegenstand. Kein Zweifel, die Geräteklasse mit dem höchsten Sexappeal ist nicht mehr das Netbook, sondern das Tablet. Für diese Erkenntnis genügt schon ein Blick auf das Maß der medialen Aufmerksamkeit, die beiden Geräteklassen gegönnt wird: Das Tablet hat das Netbook seit Monaten aus den Schlagzeilen verdrängt.

Gleichzeitig hat Apple damit aber auch die Tür für die Konkurrenz weit aufgestoßen, denn das iPad bringt auch einige Nachteile mit sich: Es ist teuer, bevormundet seine Nutzer auf empfindliche Weise und beherrscht obendrein kein Flash - was Web-Surfern aktuell noch häufig sauer aufstoßen dürfte. Hier bleibt noch viel Platz für bereits in Entwicklung befindliche Konkurrenz-Pads, die mit niedrigerem Einstiegspreis und offenem Betriebssystem Apple sicher viele Kunden streitig machen könnten. Wenn Design und Verarbeitung stimmen und man Apple vielleicht sogar preislich auf Augenhöhe wird begegnen können.

Bis sich allerdings erschwingliche Konkurrenzprodukte am Markt etabliert haben, dürfte noch einige Zeit vergehen. Bis dahin bleibt für viele trotz alledem sicher das Netbook der Gelegenheitscomputer der Wahl.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
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1. Re
dent42 20.06.2010
Also ich kann mit meinem Netbook Filme gucken, sogar in HD. Das IPad ist im Gegensatz zu einem beliebigen Netbook auch kein vollwertiger Rechner, es ist eher eine mobile Erweiterung eines Macs. Ohne richtigen Computer ist das Teil quasi unbrauchbar. Ich warte da doch lieber auf eine Tablette mit Android, USB, SD-Slot und vor allem UMTS....für den halben Preis eines IPads
2. .
Eiermann 20.06.2010
Zitat von sysopErst vor kurzem begann der weltweite Verkauf des iPads und schon kürt eine Studie Tablet-PCs zu den künftigen Shooting-Stars im Computermarkt. Einen Verlierer nennt die Studie auch: Netbooks. Die Kult-Computer der letzten zwei Jahre könnten ihren Zenit schon überschritten haben. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,701573,00.html
*Dafür* spricht: Tablets haben noch viel größere Mobilitätsvorteile und Vorteile in der Handhabung als Netbooks - erfüllen den eigentlichen Mobilitätszweck von Netbooks also noch viel besser. Sie sind auch beim gemütlichen Surfen auf der Couch viel handlicher als Netbooks. Für den Zweck, dass man unterwegs etwas mehr Text eingeben will, werden wahrscheinlich auch beim Tablet USB-Anschlüsse für eine Minitastatur, u.U. auch für eine Minimaus Standard. *Dagegen* könnte vorerst noch sprechen, dass die Bearbeitungsmöglichkeiten von Tablets womöglich noch nicht ganz an die Funktionsqualität der Maus heranreichen. Zum Beispiel einzelne Texte bearbeiten, Wörter markieren, verschieben, ausschneiden, einfügen. Halte ich aber für das viel geringere Problem, das mit weiterer Entwicklung der Tablets schnell behoben werden dürfte.
3.
kaitou1412 20.06.2010
Das Asus Netbook-Tablet-Hybriddingens kann richtig geil werden. Da hätte ich die Vorteile aus beiden Lagern, je nachdem, wie ich es gerade benötige. ;) Hoffentlich statten sie es gut aus!
4. Und wieder ein Beleg
Chris_SSS 20.06.2010
wie schlecht es der deutschen Printbranche geht. Das IPAD wird als Messiahs gefeiert. Es soll die Rettung sein für die mit Einnahmerückgängen kämpfende Branche. Man denkt was Ipod für die Musikindustrie -- das wird IPAS für das Verlagswesen. Das die Verlage den Kontakt zu Ihren Lesern verlieren und die Konsumenten für Qualistätsjournalismus zahlen und nicht für das, was hier momentan abgeliefert wird, findet zu wenig Berücksichtigung. Mag das IPAD ein Erfolg werden oder nicht, die Verlagsbranche wird es nicht retten.
5. praktischer Nutzen
yaqxsw 20.06.2010
Neben dem Wunsch, dabei sein zu wollen, und richtig was herzeigen zu können, sehe ich immer (noch) den praktischen Nutzen eines Gerätes als relevant an. Ich mag nicht dauern ein Gerät in der Hand halten müssen und habe gerne eine Tastatur zur Texteingabe. Das alles bietet ein Netbook, das iPad aber nicht...
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