Aus Espoo berichtet Stefan Schultz
Zwar sind die Finnen nach wie vor der Hersteller mit den höchsten verkauften Stückzahlen, aber Geld macht man nicht nur mit Masse: Im dritten Geschäftsquartal wurde Nokia in Bezug auf seine Profite erstmals überholt - und das ausgerechnet von einem Branchenneuling, der nur ein Produkt zu bieten hat.
Dafür aber ein besonders smartes: Apple verdiente am iPhone unglaubliche 1,6 Milliarden Dollar, Nokia mit all seinen Handys "nur" 1,1 Milliarden Dollar, meldete am Mittwoch die Nachrichtenagentur Bloomberg. Kein Wunder: Der Sex-Appeal des Produkts verführt die Kunden dazu, ungewöhnlich viel Geld auszugeben.
Apple hat nicht nur wesentlich mehr Anwendungen in petto als Nokia - oft sind die Programme der Amerikaner ihren Nokia-Pendants auch technisch überlegen. Höchste Zeit also für Nokia, hier nachzulegen. Und die Finnen legen sich ins Zeug: So präsentiert Nokia auf seiner Hausmesse einige Ideen, wie Handys künftig beim Sammeln und Auswerten medizinischer Daten helfen können. Das Beispiel zeigt, in welchem Maße es dabei um eine Aufholjagd geht. Denn ähnliche Ideen hat Apple bereits Anfang März bei der Präsentation seines neuen iPhone Betriebssystems vorgestellt und bietet sie längst in seinem App Store an.
Auch beim Thema Augmented Reality hat die Konkurrenz gegenüber Nokia einen Vorsprung. Die Anwendungen Wikitude und Layer etwa, die Informationen zu Gebäuden, Wohnungsangeboten oder die Standorte des nächsten Geldautomaten in den auf dem Display angezeigten Ausschnitt der Wirklichkeit einblenden, gibt es bislang nur für das iPhone und Googles Betriebssystem Android.
Das einzige Augmented-Reality-Programm, das Nokia bislang anbietet, hinkt diesen Echtzeit-Anwendungen einen Evolutionsschritt hinterher. Mit Hilfe des Programms Point and find können Nutzer Gegenstände in ihrer Umgebung fotografieren - das Handy ruft dann automatisch passende Zusatzinformationen oder E-Commerce-Seiten auf. Die Anwendung, die Nokia prominent auf der hauseigenen Innovationsmesse ausstellt, wurde zudem schon 2007 - auf der ersten The Way We Live Next - angekündigt und 2008 eingeführt.
Beste Absichten, keine konkreten Pläne
Jetzt allerdings hat es sich Nokia offenbar in den Kopf gesetzt, den Innovationsvorsprung der Konkurrenten aufzuholen. Einen konkreten Zeitplan für den Start neuer realitätserweiternder Anwendungen gebe es zwar noch nicht, sagt Entwicklungschefin McDowell. Allerdings habe man zahlreiche Programm-Prototypen in den insgesamt elf Nokia-Forschungslaboren entwickelt.
Einige der Projekte hat Jyri Huopaniemi, Direktor des Forschungslabors im finnischen Tampere, auf Anfrage erläutert. Unter anderem arbeite der Handy-Riese an einer Anwendung namens Image Space, die mit dem Smartphone aufgenommene Bilder und Videos mit genauen Metadaten versieht. Neben den obligatorischen Orts- und Zeitangaben wird durch Kompass- und Neigungssensoren - Hardware, die in viele moderne Smartphones bereits eingebaut ist - auch der genaue Blickwinkel eines Bildes festgehalten. Wenn etwa Hunderte Nutzer die Spitze des Empire State Buildings aus verschiedenen Perspektiven fotografieren, können später andere Nutzer vom Fuße des Gebäudes aus genau jenes Bild abrufen, das genau ihrem Blickwinkel entspricht. Das Handy soll so mittels Datenbank zum Fernglas werden.
Henry Tirri, dem als globalen Recherche- und Entwicklungschef alle elf Nokia-Forschungslabore unterstehen, betont zudem, dass sich auch die Hardware in den kommenden Jahren grundlegend verändern wird. So existiere bereits jetzt in einem Nokia-Forschungslabor ein brillenähnlicher Sensor, mit dem sich Augenbewegungen ablesen und als Bedienbefehle für die Hardware einsetzen lassen. In einer weit entfernten Zukunft seien gar Kontaktlinsen möglich, die via Bluetooth oder einem anderen Übertragungsstandard mit dem Smartphone kommunizieren, die dem Nutzer die erweiterten Realitätsschichten direkt aufs Auge projizieren und die gleichzeitig gewisse biologische Daten wie die Körpertemperatur erheben. Huopaniemi betont, die Entwicklung dieser sogenannten Head Mounted Devices (HMD) sei eine Recherchedomäne, die Nokia "besonders interessiert".
Think big: Nokias starke Konzepte brauchen stärkere Technik
Bis es solche Technologien geben wird, wird freilich noch einige Zeit vergehen. Die nahtlose Überblendung von Realität und virtuellen Zusatzinformationen erfordert unter anderem höhere mobile Datenübertragungsraten, längere Akkulaufzeiten und eine wesentlich präzisere GPS-Ortung als es die momentan in Smartphones eingebauten Sensoren zulassen.
Dennoch bietet dieses Forschungsfeld dem Handy-Giganten eine Chance, den Innovationsvorsprung der Konkurrenz aufzuholen. Nokias mobiles Betriebssystem 'Symbian' habe eine ausgesprochen hohe Verbreitung, sagt Tech-Experte Bender von Oliver Wyman. "Damit kommt Nokia in der Verbreitung neuer Technologien und Anwendungen - wie Augmented Reality - eine Schlüsselrolle zu." Sobald entsprechende Symbian-Anwendungen bereit stünden, werde eine sehr große Nutzerzahl aus dem Stand davon profitieren. Diesen Vorteil werde Nokia verstärkt auszuspielen versuchen.
Allerdings schläft die Konkurrenz nicht. Apple schweigt sich über die eigenen Forschungsfortschritte zwar traditionell aus. Doch es gibt andere Forschungsstätten, die aktuell sehr machtvolle Apps entwickeln - und das nicht nur für Nokia.
SRI International etwa baut momentan ein Programm namens Siri, das unter anderem mittels GPS-Sensoren und dem Abgleich von Kalenderdaten das Verhalten eines Nutzers protokolliert - und nach einer Lernphase komplexe Befehle entgegennehmen soll. Per Sprachbefehl soll man dem Programm etwa auftragen können: "Suche für mich und Karen ein Restaurant, reserviere einen Tisch - und trage die Verabredung in unsere beiden Kalender ein." Laut "New York Times" soll die Anwendung Anfang 2010 auf den Markt kommen - als erstes wohl als iPhone-App.
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