Motorolas Meilensteine: "Ein großer Schritt für die Menschheit"

Das erste Autoradio, die erste Mondlandung, das erste iTunes-Handy: Motorola hat fast ein Jahrhundert lang Technikgeschichte mitbestimmt. Die Mobilfunkgeräte des US-Konzerns waren wegweisend - wenn auch nicht immer Kassenschlager.

Googles neue Tochter: Acht Jahrzehnte Motorola-Technik Fotos

Hamburg - Das wird nicht billig: 8,8 Milliarden Euro will sich Google die Übernahme von Motorola Mobility kosten lassen. Angeblich hat Google der neuen Tochterfirma sogar 1,7 Milliarden Euro als Entschädigung geboten, sollte der Kauf doch noch durch Kartellwächter verboten werden. Der Internetkonzern übernimmt damit nicht nur ein wertvolles Patent-Portfolio, das sich im aktuellen Streit um Handpatente als nützlich erweisen könnte. Das junge Internetunternehmen verleibt sich gleichzeitig einen amerikanischen Traditionskonzern ein, dessen Erfindungen oft Weltkarriere gemacht haben - auch wenn viele davon längst vergessen sind.

Dabei sind manche Motorola-Erfindungen mittlerweile längst Allgemeingut geworden. So wie das Autoradio, mit dem das 1928 als Galvin Manufacturing Corporation gegründete Unternehmen ab 1936 bekannt wurde. Das Modell 5T71 war damals das erste kommerziell erfolgreiche Autoradio. Verglichen mit heutigen Radios war es zwar ein grober Klotz, schwer und umständlich zu montieren, aber es ermöglichte das Radiohören während der Fahrt in den damals noch neumodischen Automobilen. Und es wurde schließlich zum Namensgeber für das Unternehmen, das sich 1947 nach seinen Autoradios in Motorola umbenannte. Der Begriff war ein Kunstwort, gebildet aus "Motor", als Synonym für Autos, und "Ola", als Synonym für Klang.

In der Zwischenzeit hatte sich das Unternehmen in den Mobilfunkbereich ausgedehnt, der seinen Namen damals noch verdiente. Mit dem Signal Corps Radio SCR-536 lieferte das Unternehmen im Zweiten Weltkrieg der US-Armee ein für damalige Verhältnisse extrem leichtes, handliches Gerät. Während man Funkgeräte bis dahin meist in einem Tornister auf dem Rücken getragen hatte, ließ sich das SCR-536 wie ein Telefon tragen, wog nur 2,5 Kilogramm und bekam deshalb den vom Walkie-Talkie abgeleiteten Spitznamen Handie-Talkie.

In den Sechzigern schließlich wurde Motorola als TV-Hersteller bekannt, brachte mit dem Quasar den ersten Transistor-Fernseher in den USA auf den Markt. Der wurde schon deshalb ein Erfolg, weil er mit dem Slogan "Works in a Drawer", "funktioniert auch im Schrank", beworben wurde. Damals war es hip, das TV-Gerät hinter Türen in der Schrankwand einzubauen. Röhrengeräten wurde es dort wegen ihrer großen Hitzeentwicklung oft zu warm.

Geschichte schrieb der Konzern später mit den Funkgeräten der Apollo-Raumkapseln. Mit Hilfe eines solchen Geräts sprach Astronaut Neil Armstrong seine berühmten Worte: "Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit", als er den Mond betrat. Vier Jahre später, 1973, zeigte das mittlerweile zum Konzern angeschwollene Unternehmen das erste Mobiltelefon. Kaufen konnte man das klobige Dynatac 8000X allerdings erst zehn Jahre später.

Aber es war Motorolas Einstieg ins Handy-Business, in dem der Konzern lange einen Führungsrolle hatte. So war das Motorola Startac 1996 das erste Klapphandy der Welt, das flache Razr ein zig Millionen Mal verkaufter Publikumsliebling und das Rokr das erste MP3-Handy, das sich mit Apples Segen von iTunes aus mit Musik betanken ließ. Seine umständliche Benutzeroberfläche vermasselte ihm allerdings den Erfolg.

Ohnehin ging es mit Motorolas Mobilfunksparte nach dem Razr nur noch abwärts - bis mit dem Droid der Erfolg wiederkam. Es war das erste Smartphone mit Android 2.0 und Navigationsfunktionen an Bord. Trotzdem entschied sich das Unternehmen wegen wirtschaftlicher Probleme zur Aufspaltung. Seit Anfang 2011 firmieren die Geschäftskundensparte Motorola Solutions und die Handysparte Motorola Mobility als eigenständige Unternehmen. Das kam gerade noch rechtzeitig, sollte man meinen. Als Gesamtkonzern hätte Google Motorola wohl kaum eingliedern wollen.

mak

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Android-Updates
dirkgruenwald 16.08.2011
Wenn Google-Motorola schnell neue Geräte auf den Markt bekommen, die ohne die üblichen Verzögerungen die Androids-Updates bekommen - dann ist das meine neue Handy-Firma. Es gibt derzeit m.E. nach kein größeres Handicap für Googles Android als die Update-Praxis der Hersteller.
2. Fehlt noch ...
ADie 16.08.2011
Zitat von sysopDas erste Autoradio, die erste Mondlandung, das erste iTunes-Handy: Motorola hat fast ein Jahrhundert lang Technikgeschichte mitbestimmt. Die Mobilfunkgeräte des US-Konzerns waren wegweisend - wenn auch nicht immer Kassenschlager. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,780490,00.html
... dass Motorola bereits 2004 mit dem E 680 das erste Linux-Handy auf den Markt gebracht hat. Auch das war typisch für Motorola: Hochinnovativ, aber wegen schlechten Managements kein Kassenschlager.
3. Iridium!
Hochwuerden 16.08.2011
Daß Motorola maßgeblich das Iridium-Satellitentelefon-System mitenwickelt hat, wurde hier vergessen. So ein komplexes Meisterstück hat keiner der Konkurrenten abgeliefert.
4. Mit Navigationsmodul
Katzebextra 16.08.2011
Zitat von ADie... dass Motorola bereits 2004 mit dem E 680 das erste Linux-Handy auf den Markt gebracht hat. Auch das war typisch für Motorola: Hochinnovativ, aber wegen schlechten Managements kein Kassenschlager.
Das läuft bei mir heute noch zufriedenstellend, einschließlich einer zugekauften, europaweiten Navigation.
5.
Kamillo 16.08.2011
Außerdem wurde in dem Artikel Motorolas wichtige Rolle in der Entwicklung von Microprozessoren und dazugehörige Peripheriebausteine völlig ausgeblendet. Ohne Motroloa hätte es dutzende Home- und Business-Computer der 1970er, 80er und 90er von Commodore, Atari, Apple und unzähligen anderen Herstellern nicht gegeben. Neben den 8-Bit-Prozessoren der 6800-Serie (eng verwand mit dem 6502/6510 im C-64) vor allem die 32 bittigen 68000er (Commodore Amiga, Atari ST/TT, Apple Macintosh) und die Power-PC-Prozessoren (Apple Macintosh, diverse Spielekonsolen). Ohne Motorola wären wir längst nicht da, wo wir heute sind. Ohne Motorola hätte Intel in den 1980ern seine eigenen CPUs noch langsammer weiter entwickelt, Motorola war hier in vielen Dingen vorraus, außer dass diese CPUs nicht in MS-DOS-kompatiblen PCs eingesetzt werden konnten. Den Handlungsbedarf, den in den 1980ern Motrola bei Intel verursachte, musste später AMD in direkter Konkurrenz übernehmen.
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