VR in fremden Wohnzimmern Als Gast ins All

Die besten Virtual-Reality-Brillen sind teuer und brauchen Platz. Ein neuer Dienst möchte daher Privatleute dazu bringen, ihre Ausrüstung zu vermieten. Unser Autor war bei einem Fremden zu Besuch.

Nutzer mit Gear VR
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Nutzer mit Gear VR


Ein ordentliches VR-System, etwa aus HTC Vive oder Oculus Rift und einem leistungsfähigem PC, kostet etwa 2000 Euro. Ein Dienst namens NearbyVR will nun diejenigen, die eine solche Ausrüstung schon haben, und diejenigen, die sie ausprobieren wollen, zusammenbringen.

In Berlin, München und Hamburg gibt es derzeit jeweils nur zwei Anbieter, in Kleinstädten und auf dem Land fast gar keine - der Dienst ist erst einen Monat alt. Ähnlich überschaubar ist auch die Kundschaft. Der 38-jährige Hannes, der in seine Münchner Wohnung einlädt, berichtet beim Treffen, dass bis dahin noch niemand bei ihm angefragt hat.

Vielleicht liegt das auch am Preis: 50 Euro verlangt Hannes pro Stunde VR in seinem Wohnzimmer. Andere Anbieter laden derzeit noch kostenlos zu sich ein. Konkurrenz, die sich lokal gegenseitig unterbietet, gibt es noch keine, also verlangt erst mal jeder, was ihm angemessen erscheint. Auch Hannes berichtet, den Preis eher als Filter gedacht zu haben, "damit die Leute es ernst meinen". Denn ihm selbst ist es ernst, sehr sogar.

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Die Deckenlampe wurde abmontiert

Hannes arbeitet als Digital Artist, gestaltet also unter anderem Spezialeffekte für Filme. Sein Beruf erfordert, dass an seinem Heimarbeitsplatz ein Monster von einem Rechner steht. Sein Vorteil: Die HTC Vive musste er da nur noch anschließen. VR ist für ihn aber nicht nur Zeitvertreib. Ob er für Film oder für VR produziert, macht keinen großen Unterschied, denn die 3D-Software ist die gleiche. In der Branche schielen daher viele wie er auf das neue Medium.

Hannes ist aber auch ein Enthusiast. Abends, wenn die Kinder im Bett sind, empfängt er zusammen mit seinem Cousin, der ebenfalls ganz VR-begeistert ist, neugierige Gäste im Wohnzimmer. Dort ist es relativ düster, denn sogar die Deckenlampe wurde abmontiert, damit sie bei den Reisen in die Virtuelle Realität niemand runter reißt.

Der Gastgeber schwärmt fast missionarisch von der Technik. Man müsse das einfach erlebt haben, denn es bringe nichts, nur darüber zu lesen, ist er überzeugt. Nur eine Sache begeistert ihn noch mehr, als das VR-Erlebnis selbst. "Am tollsten ist es, dabei sein zu dürfen, wie jemand das erste Mal Virtual Reality ausprobiert", berichtet Hannes: "Das ist fast so schön, wie meinen Kindern dabei zuzusehen, wie sie zum Beispiel das erste Mal ein Eis probieren."

Brille trifft Beamer

Er behauptet, jede erhältliche Software für die Vive sofort gekauft zu haben. Auf seinem Computerdesktop hat er die Icons der Spiele nach verschiedenen Kategorien geordnet, wie ein Kurator, der seinem Publikum verschiedene Programme präsentiert. Sonst könne man auf öffentlichen Vorführungen meist nur die Inhalte des jeweiligen Entwicklers sehen, aber bei ihm sei das anders, erklärt Hannes stolz. Den Bildschirm projiziert er per Beamer an die Wand, damit mehrere teilhaben können, denn es gibt nur eine VR-Brille.

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Während man von Hannes durch verschiedene Games und Demos geführt wird, hitzt sich das Zimmer durch die Abwärme von PC und Beamer allmählich auf. In den Lüftungspausen erzählen Hannes und sein Cousin von ihren Plänen. Gerne würden sie mit NearbyVR Erfahrungen sammeln, um später einmal so etwas wie eine Spielhalle für Virtual Reality aufzumachen. Dann diskutieren sie miteinander die Probleme.

Beim Spielen schwitzt man. Es muss eine hygienische Lösung für den Schaumstoffrand der Brille her. Der Cousin berichtet, einen Versand entdeckt zu haben, der die Polster im Hunderterpack günstiger verschickt. In ihrer Euphorie wirken er und Hannes wie zwei Cineasten, die sich ganz genau ausmalen, wie ihr eigenes Kino aussehen sollte.

Vorführungen in der Grauzone

Wenn es da nur nicht noch einige Hürden gäbe. Zum Beispiel sind Lizenzfragen bisher nicht geklärt. Öffentliche Vorführungen von Spielen, erst recht kommerzielle, ist noch kein großes Thema. Es findet in einer Grauzone statt. Falls sich VR mehr als öffentliche Dienstleistung denn als Privatvergnügen durchsetzen sollte, werden die Entwickler aber nicht nur an den einmaligen Verkäufen Geld verdienen wollen, sondern an jeder einzelnen Nutzung, wie bei einer Kinovorstellung.

Das Schmuckstück wird am Ende präsentiert: Ein Brett mit Controllern, das aus dem Wohnzimmersessel ein Raumschiffcockpit für das Weltraum-Spiel "Elite Dangerous" macht. Eigentlich bräuchte man schon ein paar Tage, um die Steuerung ohne VR zu lernen, merkt Hannes an und spendiert dann ein günstiges Raumschiff, das man schrotten darf. Nebenbei wird über die nächsten Durchbrüche spekuliert: Vielleicht gibt es bald die Möglichkeit, aus seinen Hochzeitsvideos nachträglich und automatisch eine VR-Umgebung entstehen zu lassen. Nur nicht zu laut, wegen der schlafenden Kinder.

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Wer die virtuelle Realität zum erste Mal bereisen will, kann sich glücklich schätzen, an einen VR-Fremdenführer wie Hannes zu geraten. Noch sind bei NearbyVR zu wenige Anbieter, als dass eine breiten Masse den Dienst nutzen könnte. Das macht es aber auch sehr wahrscheinlich, dass man an Leute gerät, die sich eher als Botschafter der virtuellen Realität denn als streng kalkulierende Geschäftsleute verstehen.


Video: So spielt es sich in der virtuellen Realität

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