Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nerd-Kochbuch "Modernist Cuisine": Buchstabensuppe mit fetter Beilage

Von

Nathan Myhrvold ist eher Tech-Freaks ein Begriff als Gourmets: Der Informatiker war Entwicklungschef von Microsoft. Mit "Modernist Cuisine" hat er ein Koch-Nachschlagewerk vorgelegt, das zur Bibel einer neuen Spezies werden könnte - dem Küchen-Nerd.

Modernist Cuisine: Bibel für Küchen-Nerds Fotos
Taschen Verlag

Mein Paketbote heißt Herr König*, und er ist kein großer Mann. An diesem Tag hat er mächtig schwer zu schleppen: "Lassen Sie die Tür auf, da kommt noch was!" ruft er vom Lieferwagen herüber. Dann stemmt er ein Paket von 45 mal 40 mal 40 Zentimetern, das es in sich hat: Ächzend schleppt der kleine König das Trumm die Einfahrt herauf, trägt es in leichter Rücklage vor sich her.

Es rummst beim Absetzen, er greift an die Seite und reicht mir das digitale Gerät zum Quitteren der Lieferung: "Meine Fresse", quittiert er derweil selbst, "hamse da Gold drin?"

"Ne", sage ich, "ein Kochbuch!"

Herr König blinzelt und fragt "Im Ernst? Eins?". Ja, sage ich, über 20 Kilogramm schwer und 400 Euro teuer. König blinzelt noch einmal und sagt im Gehen: "Unfassbar! Na, wer's braucht!"

Das aber ist in diesem Fall definitiv die falsche Bewertungskategorie.

Ein Buch wie "Modernist Cuisine" braucht niemand im strengeren Sinn des Wortes: Wir Menschen garen unsere Nahrung ja, seit der erste verlauste Homo erectus lernte, Glut am Leben zu halten. Das ist schon eine ganze Weile her, was auch bedeutet, dass wir mächtig viel Zeit hatten, unsere Techniken in dieser Hinsicht zu vervollkommnen.

Im Alltag vergisst man das mitunter und greift auf Tiefkühltruhe, Convenience Food und Mikrowelle zurück. Weil aber solche Fertigküche nicht nur die Fertigkeiten verkümmern lässt, sondern auch ein schlechtes Gewissen macht, boomt der Markt des medialen Koch-Infotainments: Mit TV-Shows im Dutzend, mit Zeitschriften und laut Amazon 61.627 Kochbüchern im deutschen Handel.

Also Vorhang auf für Nummer 61.628: Es ist 2440 Seiten stark, kommt in fünf Bänden plus Küchen-Manual daher, schützend verpackt im edlen Acrylglas-Schuber, und ist Netto insgesamt knapp 21 Kilogramm schwer. Nicht nur die Regalstabilität wirft da die Frage auf, wo man sich so etwas hinstellt: Modernist Cuisine ist die Art Buch, die für sich genommen schon wieder Objekt ist, das bestaunt werden will. Und es ist - in jeder Hinsicht - ein Buch für Koch-Nerds.

Fotostrecke

9  Bilder
Unboxing: Koch-Universum im Schuber
Das liegt natürlich am Autor. Nathan Myhrvold war ab 1986 eine große Nummer bei Microsoft, 1991 bis 1999 als Entwicklungschef. Die nötigen Qualifikationen dafür brachte er mit: Sein Studium nahm er mit 14 auf, machte den Magister mit 19, den Physik-Doktor mit 23, assistierte danach Stephen Hawking, gründete die eine oder andere Firma. Das macht er auch seit seinem Abschied bei Microsoft, aber es füllt den Überflieger offenbar nicht aus. Erfolgreichen Abstechern in die paläontologische Forschung, die Dokumentarfilmerei und Naturfotografie folgte eine "Lehre" in der Küche eines Top-Restaurants. Und, das soll hier nicht unerwähnt bleiben, er hat ein Geschäftsmodell daraus gemacht, Patente an andere Unternehmen zu lizenzieren, was ihm nicht nur Freunde eingebracht hat. Sein Unternehmen Intellectual Ventures stellt nichts her, verkauft nichts, entwickelt nichts - es kassiert nur Lizenzgebühren von anderen Unternehmen. Die zahlen freiwillig oder werden verklagt. Es erübrigt sich vermutlich, zu erwähnen, dass Nathan Myhrvold sehr, sehr reich ist.

Und jetzt kommt "Modernist Cuisine", ein Buchprojekt, in dem viel von seinen Passionen zusammenfließt. Ein Physik-Chemie-Geschichte-Kultur-Technik-Experimental-Kunst-Foto-Kochbuch.

Fehlt nur noch ein Attribut: Kult. Ein dermaßen größenwahnsinniges Projekt wie das, die Kunst der Nahrungszubereitung von ihrer Geschichte über ihre Chemie und Physik, Waren- und Werkzeugkunde, Bakteriologie und Virologie bis hin zum Hamburger-Rezept auszubreiten, zu vertiefen und dann noch innovativ befeuern zu wollen ist natürlich darauf ausgelegt, zum Kult zu werden. Der New Yorker Sternekoch David Chang ließ sich zu der Lobpreisung hinreißen, "Modernist Cuisine" sei das Kochbuch, das dem Genre Kochbuch den Garaus machen werde. Anders formuliert: Die Mutter aller Kochbücher sozusagen.

Erfrischend erschöpfend

Auch ohne mythisierende Überhöhung ist "Modernist Cuisine" ein beeindruckendes Buch, schon quantitativ. Das liegt unter anderem daran, dass etwa der, der sich über das Eindicken von Soßen und Suppen informieren will, erst einmal 20 Seiten Einführung in die chemisch-physikalischen Zusammenhänge erhält, Exkurse über Viskosität und ihre Messung sowie Anekdotisches, das man im Nerd-Sprech als "Factoids" oder "Info-Porn" bezeichnen würde: Informationen, die man keineswegs braucht, wenn man nur eine Mehlschwitze produzieren muss, die aber unterhalten und den Horizont erweitern. Erst dann folgt das erste Rezept.

Das klingt erschöpfend, ist es aber nicht, wenn man auch nur ein wenig selbst Nerd ist. Es ist Ausdruck einer Detailverliebtheit, für die man in mehrfacher Hinsicht genießerische Qualitäten mitbringen sollte.

"Modernist Cuisine" ist also ein vermeintliches Kochbuch, das den Blick aufs Dahinter, Darin und Damit zum Prinzip erklärt hat. Ein Nachschlagewerk für Leute, die nicht nur wissen wollen, wie ihre Soße dick wird, sondern auch warum, und zwar bis ins mikroskopische Detail - und dazu Bildstrecken zu schätzen wissen, die das alles auch zum visuellen Schmaus machen. Alternativ dazu lassen sich die Bücher auch prächtig dazu nutzen, neidische Besucher zu beeindrucken - sie sind auch ein Statussymbol, weil Luxusobjekt.

Gebrauchsspuren will man deshalb darin nicht sehen. Wie man einen Cheeseburger in 30-stündiger Zubereitungszeit unter Einsatz eigens entwickelter lebensmittelchemischer Verfahren fertigt, liest sich auf dem Sofa ja auch viel genüsslicher als am Herd. Vielen Lesern dürfte auch die Freizeit fehlen, die wirklich ambitionierten Rezepte mit bis zu über zehn Stunden Netto-Zubereitungszeit nachzukochen. Da ist mitunter die Grenze zur Dekadenz erreicht, wenn auch auf augenzwinkernd-nerdige Art. Für die steilsten Kreationen braucht man keine Küche, sondern ein Labor. Die meisten aber verlangen danach, erprobt zu werden.

Möglich ohne Schmutz-Risiko macht dies der Band 6, das "Manual", die immer noch mehr als 360 Seiten umfassende Sammlung aller in den fünf Prachtbänden ausgebreiteten Rezepte in konziser Tabellenform.

Wie gesagt: Man braucht das alles nicht. Es gibt pragmatischere, für den Alltag vielleicht relevantere, auf jeden Fall leichter zu nutzende Kochbücher. Preiswertere sowieso. Aber darum geht es hier nicht. "Modernist Cuisine" feiert eine der grundlegenden menschlichen Kulturtechniken, ist Nachschlagewerk, Blätter- und Staunbuch für Gourmets und Küchenforscher, bietet Inspiration und neue Impulse satt. Vor allem aber ist es selbst ein Objekt der Begierde, das mit dem Thema Nahrung auf bisher nicht gekannte Weise umgeht.



Nathan Myrvold et al.: Modernist Cuisine. 2440 Seiten in sechs Bänden, Taschen Verlag, 399 Euro

*Name von der Redaktion geändert

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Annika Hansen, 01.11.2011
Zitat von sysopNathan Myhrvold ist eher Tech-Freaks ein Begriff als Gourmets: Der Informatiker war Entwicklungschef von Microsoft. Mit "Modernist Cuisine" hat er ein Küchen-Nachschlagewerk vorgelegt, das zur Bibel einer neuen Spezies werden könnte - dem Küchen-Nerd. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,793950,00.html
Ich würde sagen, eher ein Buch für alle die nicht kochen können und sich der Hoffnung hingeben, sich irgendwann mit Sterneköchen messen zu können. Was ihnen aber niemals gelingen wird. Was man zum Kochen braucht, sind anständige scharfe Messer, gute Töpfe und Pfannen sowie Produkte, deren Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist. Man sollte natürlich auch ein paar Grundlagen beherrschen. Der Rest ist Humbug.
2. Entwicklungshilfe
eatingcheeseburger 01.11.2011
Unser Burger-Entwicklungsland braucht dringenst Anleitungen für gute Cheeseburger. Wenn nicht einmal Wiener und Mälzer wissen wie es geht, darf sich auch ein IT-Nerd berufen fühlen www.eatingcheeseburger.blogspot.com
3. Too much information?
avollmer 01.11.2011
Nein, man wünscht sich schon lange, dass wenigstens die gewerbsmäßigen Speisenzubereiter diese Fakten intus hätten.
4. .
Babs50+ 01.11.2011
Auweiha. Kleiner Tip an den "Nerd" am Rande: So einen Wälzer veröffentlicht man besser im Net zum runterladen. Schont die Gliedmaßen des Postboten und spart dem Leser verzweifelt benötigten Regalplatz. Ansonsten scheinen die Ausmaße des Machwerks wesentlich bemerkenswerter zu sein als der Inhalt. Also weiterhin Pizza bestellen und bei echten Kochgelüsten auf die bekannten Rezeptseiten im Net zurückgreifen, oder schnell mal Mama fragen. Kommt billiger, ist effizienter :))
5. Schleichwerbung
pollard 01.11.2011
War die in Ihrem Text enthaltene Schleichwerbung für Amazon wirklich notwendig? Hat Amazon Ihr Ansichtsexemplar gesponsert? Ist Amazon jetzt schon die Anlaufstelle, wenn es um unabhängige Zahlen zu den auf dem deutschen Markt befindlichen Büchern geht? Gruß, Ihr kleiner Buchhändler um die Ecke (der das Buch ebenfalls führt, sogar günstiger als Amazon, und es Ihnen und Ihren Lesern auch gerne per Post geschickt hätte)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Nathan Myhrvold: Informatiker, Physiker, Filmer, Fotograf, Unternehmer, Hobby-Paläontologe, Koch Zur Großansicht
DPA

Nathan Myhrvold: Informatiker, Physiker, Filmer, Fotograf, Unternehmer, Hobby-Paläontologe, Koch


SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller

Buchtipp


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: