Neue Generationenkluft: Kids nutzen Smartphones, Senioren Nokia

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Für Jüngere sind Handys eine universelle Kommunikations-Schnittstelle, für Ältere nicht viel mehr als ein kabelloses Telefon. Das hat nicht nur für die Nutzer Nachteile, konstatiert das Sozialforschungsinstitut Infas: Als alt empfundenen Marken droht ein unerwünschter Imagewandel.

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iPhone, Nokia-, Android-Handy: technisch definierte Generationenkluft

Bonn/Hamburg - Man muss das Handy nicht mögen, auch wenn es längst zur Grundausstattung des modernen Menschen gehört. 86 Prozent der über 16-jährigen Deutschen besitzen ein eigenes Gerät, weiß das Sozialforschungsinstitut Infas. Doch längst nicht für alle ist das Gerät etwas, was man mag und gern nutzt. Für die einen ist es ein Lifestyle-Gadget, über das sie nicht zuletzt auch das eigene Image mit definieren, für die anderen eine schlichte Notwendigkeit, ein Werkzeug.

Was ja auch nicht falsch ist, denn zum einen ist Handy nicht gleich Handy, zum anderen gibt es auch eklatante Unterschiede in der Nutzung des Geräts zwischen den Generationen. Wenn man so will, ließe sich daran sogar eine neue Generationenkluft definieren: Jüngere nutzen das Handy ganz selbstverständlich als Kommunikationsschnittstelle, als Kamera, Surfbrettchen und Quasi-Fax-Ersatz. Ältere nutzen es tendenziell pragmatisch und so wenig wie möglich, um Kosten und befürchtete Kostenfallen zu vermeiden.

Das ist für die älteren Nutzer längst nicht immer vorteilhaft, für die von ihnen präferierten Marken aber geradezu kontraproduktiv: Sie werden zunehmend als un-jugendlich, als alt wahrgenommen. Betroffen davon sind, folgt man den Zahlen des Infas-Telekommunikationsmonitors, einer bevölkerungsrepräsentativen Untersuchung zu Kommunikationsverhalten und Mediennutzung der Deutschen, hierzulande vor allem die Branchen-Dickschiffe Nokia und T-Mobile (siehe unten).

Der Witz am vergleichsweise sparsamen, eher an pragmatischen Geräten orientierten Gebrauch des Handys durch Ältere: Er kommt diese mitunter teuer zu stehen. Denn die Skepsis gegenüber den von vielen als eher nervig empfundenen Mobiltelefonen, vor der Komplexität der Smartphones, die längst Taschencomputer sind, und der Intransparenz der Tarifmodelle mündet oft in eine Haltung, die die Skeptiker den vermeintlich einfachsten Weg wählen lässt.

Und der heißt: Einfaches Handy, vermeintlich einfaches Tarifmodell bei einem großen, bekannten Anbieter.

Dabei verpassen diese Handy-Skeptiker nicht nur Möglichkeiten, sondern lassen sich auch oft auf Preismodelle ein, die sich im Vergleich als kostspielig entpuppen.

Für Marken wie Nokia oder T-Mobile ist dieses Nutzungs-Muster ein Image-Problem mit potentiellen Rückwirkungen auf den Absatz bestimmter Gerätekategorien und Dienstleistungen: T-Mobile hat zwar so viele Smartphones im Portfolio wie kaum ein Konkurrent, aber eine Kern-Kundschaft, die vornehmlich telefonieren will. Nokia hatte den Smartphone-Boom weitgehend verschlafen. Ende November gab Marketingvorstand Niklas im Gespräch mit manager magazinSavander online zu, dass der Konzern sich "in früheren Jahren zu sehr auf das Geschäft mit Handys der unteren und mittleren Preisklasse konzentriert" habe.

Obwohl quantitativ noch immer einer der erfolgreichsten Handy-Verkäufer der Welt, gilt ein Smartphone wie Nokias neues N8 folgerichtig als Außenseiter - man traut den Finnen nicht so richtig zu, mit Androids und iPhones konkurrieren zu können. Im Test bei SPIEGEL ONLINE zeigte das N8 kürzlich seine nicht unerheblichen technologischen Stärken - aber auch die Schwächen seines inzwischen als altbacken empfundenen Betriebssystems. Gerade mit dem fühlen sich ältere Handy-Nutzer aber weitgehend wohl: Viel geändert hat sich in der Bedienung bei Nokia über die Jahre nicht.

Die Kluft: Vor allem ein Informationsgefälle

Das klingt positiver, als es ist. Neue Technologien verlangen nach neuen Wegen der Bedienung, also nach Information. Die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, ist in den älteren Nutzergruppen aber deutlich geringer als bei Jüngeren. Mehr noch: Die Älteren lassen sich noch nicht einmal gern auf die ganz normalen Dienste ein, die ihr Handy über das bloße Telefonieren hinaus bietet.

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Generationenfrage: Die Handy-Kluft
Für die Sozialforscher ergibt sich aus den Daten ein klares Bild der Generationen: Während die über 50-Jährigen ein Mobiltelefon meist zum gelegentlichen Telefonieren nutzen, ist es für die unter 30-Jährigen ein universelles Multitalent. Sie telefonieren erheblich häufiger (Anteile "mehrmals pro Woche oder täglich": 90 zu 51 Prozent), schreiben mehr SMS (80 zu 19 Prozent) und gehen zunehmend mit dem Handy ins Internet (15 zu zwei Prozent).

Rund 70 Prozent der unter 30-Jährigen geben an, sich auch mit jenen Funktionen ihres Mobiltelefons auszukennen, bei denen es nicht ums Telefonieren geht. Bei den über 50-Jährigen behaupten das gerade einmal 25 Prozent von sich.

Die ältere Bevölkerung hat zudem eher geringes Interesse an ihrem eigenen Handy und Providervertrag. Die Kenntnis darüber nimmt mit dem Alter deutlich ab. Jüngere informieren sich dagegen ausführlich über den Markt und seine Innovationen (siehe auch Bildergalerie oben).

T-Mobile und Nokia in der Grau-Zone

Während jeder dritte Jugendliche unter 20 Jahre beispielsweise starkes Interesse am Kauf eines Apple-iPhone hat, ist bei den über 50-Jährigen nicht einmal jeder Zehnte an dem Vorreiter-Gerät interessiert. Entsprechend wählen die Älteren sowohl ihr Handy als auch ihren Provider eher konservativ und verpassen damit attraktive Funktionen der neuen Handy-Generation.

Mobiltelefonierer ab 50 Jahre vertrauen wie geschildert vor allem auf Geräte von Nokia (47 Prozent). Bei den unter 29-Jährigen fällt der Anteil der Finnen hingegen deutlich auf 28 Prozent ab. Sony Ericsson und Samsung bieten dem Marktführer bei jungen Konsumenten Paroli und erreichen einen Anteil von 31 und 20 Prozent.

Altersunterschiede gibt es auch bei der Wahl des Mobilfunkproviders. Personen im mittleren Alter und Senioren sind deutlich häufiger Telekom-Kunden als Jüngere, die bevorzugt die Angebote von o2 und E-Plus nutzen. Bei den unter 19-Jährigen hat o2 (25 Prozent) T-Mobile (22 Prozent) und Vodafone (24 Prozent) knapp überholt. Bei den unter 30-Jährigen liefern sich die drei Provider ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Unter den E-Plus- und o2-Nutzern gibt es zudem deutlich mehr Telekommunikations-Intensivnutzer.

Die ältere Generation bringt sich durch ihr geringes Interesse an den Neuentwicklungen am Markt um die Möglichkeiten, die die neue Smartphone-Generation bringt. Die Anbieter müssten ihre Angebote in dieser Zielgruppe besser kommunizieren. Denn um die Multimedialität der heutigen Mobilfunkwelt zu nutzen, sind ein aktuelles Handy, das entsprechende Inhalte auch darstellen kann, und ein aktueller Mobilfunkvertrag mit bezahlbaren Datentransferpreisen unverzichtbar.

Info-Transfer Fehlanzeige: Die Generationen reden nicht über das Handy

Ein Know-how-Transfer zwischen Jung und Alt findet kaum statt. Die Auswahl des Mobilfunkanbieters wird oft unabhängig von den anderen Haushaltsmitgliedern getroffen. In rund zwei Drittel der Zweipersonenhaushalte, in denen alle ein Handy haben, telefonieren die Haushaltsmitglieder mit dem gleichen Anbieter. In Dreipersonenhaushalten ist dies nur bei einem Drittel der Fall. Sie nutzen dann zumeist dasselbe Vertragsverhältnis, also beide Prepaid oder beide einen Laufzeitvertrag.

Bei größeren Haushalten sind Provider und Vertragsart in der Regel bunt gemischt, die Auswahl also eher eine individuelle Entscheidung. Entsprechende Kombiangebote fehlen oder überzeugen nicht. Dabei könnten diese beispielsweise Kinder und Jugendliche früh und dauerhaft an die Mobilfunkmarke ihrer Eltern binden. Umgekehrt könnten ältere Haushaltsmitglieder durch das Vorbild der Jüngeren und passende Kombiangebote von aktuellen Geräten und Tarifen überzeugt werden.

Das Informationsgefälle zwischen den Generationen hat also nicht nur für die Nutzer, sondern auch für die mit dem Mobilmarkt verbundenen Marken weitreichende Konsequenzen. Dass beispielsweise die Bedienung der von vielen Älteren als fremdartig empfundenen Touchscreen-Smartphones letztlich einfacher sein kann als das Herumstochern auf den Mini-Tasten von Einfach-Handys; dass Smartphones im Extremfall sogar die besten handelsüblichen Telefone sind, die sogar als barrierefreie Handys für Blinde dienen können sind Tatsachen, die auch von den Anbietern kaum zielgerichtet kommuniziert werden. So trägt letztlich die um Hipness bemühte, auf Jugendliche oder Business-Zielgruppen gezielte Markenkommunikation zum Informationsmangel bei den Älteren bei.

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insgesamt 94 Beiträge
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1. Schmunzel...
af1755 21.12.2010
"..Die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, ist in den älteren Nutzergruppen aber deutlich geringer als bei Jüngeren. Mehr noch: Die Älteren lassen sich noch nicht einmal gern auf die ganz normalen Dienste ein,..." Dieser Teil aus dem Bericht ist wohl an Unsinnigkeit und, mit Verlaub, ignoranter Frechheit nicht zu überbieten! Hat siche der verehrte Autor vlt. mal gefragt, ob es nicht schlicht an der Vernunft oder Intelligenz der älteren Nutzer liegt, dass sie gewisse (kindische) Spielereien als albern und überflüssig empfinden? Das hat nämlich mit der unterstellten Unbeweglichkeit nichts zu tun, sondern ist Ausdruck einer gewissen geistigen Reife, aber das kann ja ein "Jüngelchen" nicht nachvollziehen.
2. Grüße.
marcel_m 21.12.2010
"Die ältere Bevölkerung hat zudem eher geringes Interesse an ihrem eigenen Handy und Providervertrag. Die Kenntnis darüber nimmt mit dem Alter deutlich ab. Jüngere informieren sich dagegen ausführlich über den Markt und seine Innovationen (siehe auch Bildergalerie oben)." Das Wasser ist nass und der Himmel (manchmal) blau.
3. .
tanzschule 21.12.2010
mitdem alter wächst halt die vernunft.
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mythreecents 21.12.2010
Das unterschiedliche Nutzungsverhalten wird wohl eher damit zu erklären sein, wer den ganzen Spass zahlen darf. Die Nachfrage der Blagen daher recht preisunelastisch. Früher hat Oma für die Kleinen ein Sparbuch angelegt; heute wird in Gadgets investiert, die in zwei Jahren kein Cent mehr wert sind.
5. Wie so oft....
Tapir62 21.12.2010
sagt dieser Artikel mehr über seinen Verfasser als über das vermeintliche Objekt seiner Betrachtungen. Das sage ich (48), der mit einer Prepaid-Karte prima durchs Leben kommt.
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