Neue Kameratechnik Unterwegs fotografieren, zu Hause scharfstellen

Einmal auslösen, nachträglich beliebige Details im Bild fokussieren: Eine neue Kameratechnik soll Fotografen die Entscheidungen unterwegs abnehmen. Scharfstellen kann man später, verspricht das US-Unternehmen Lytro. Die Lichtfeldkamera soll noch in diesem Jahr erhältlich sein.

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Lytro/Eric Cheng

Ein Hund schaut von der Straße sehnsüchtig in die Metzgerei, ein Kind will in einen Luftballon beißen - jeder Hobby-Fotograf hat wohl mindestens eine dieser Szenen im Kopf, bei der er nicht schnell genug auf den Auslöser gedrückt hat. Noch ärgerlicher: Meistens hat man ja rechtzeitig ausgelöst, doch die voreingestellte Blendenöffnung war zu groß, die Brennweite zu gering, so dass auf der Aufnahme das interessante Motiv verschwommen war. Oder man hatte den langsamen Autofokus eingeschaltet, so dass beim Auslösen der eine Moment schon verflogen war, weil der Hund sich zum Passanten, das Kind zum Eis drehte.

Das soll bei der neuen Lichtfeldkamera des kalifornischen Unternehmen Lytro nicht vorkommen. Bis zum Jahresende will das Unternehmen ein erstes Modell in den Handel bringen. Laut "New York Times" hat Lytro 50 Millionen Dollar Risikokapital bei Investoren eingeworben. Die Firma des Informatikers Ren Ng hat nun erste Fotos veröffentlicht, die Fotografen mit Prototypen der Lytro-Kamera geschossen haben.

Die Lichtfeldkamera der Firma unterscheiden sich von herkömmlichen in einem entscheidenden Punkt: Ihr Bildsensor ist so konstruiert, dass Software nachträglich berechnen kann, woher die einfallenden Lichtstrahlen kamen. Dieser Ansatz macht es möglich, dass die Lichtfeld-Kamera laut Lytro einiges schafft, was mit herkömmlichen Fotoapparaten unmöglich ist:

  • Der Fokuspunkt kann nach der Aufnahme jederzeit auf einen anderen Bildbereich gelegt werden. Scharfer Vordergrund, unterscharfer Hintergrund oder einfach alles durchgängig scharf - das soll alles mit einer einzigen Aufnahme machbar sein. Betrachter können Fotos neu fokussieren, "living pictures" nennt Lytro das.
  • Schnelle Aufnahmen: Da die Kamera nicht fokussieren muss, verspricht Lytro erhebliche Geschwindigkeitsvorteile gegenüber anderen Kameras.
  • 3-D-Details: Da die Lichtfeldkamera aufzeichnet, woher die einfallenden Lichtstrahlen in welchen Intensität kommen, könnten aus den gespeicherten Bilddateien auch 3-D-Aufnahmen errechnet werden, sogar Perspektivänderungen sollen möglich sein, verspricht Lytro.
  • Hohe Lichtempfindlichkeit: Der Hersteller verspricht "großartige" Aufnahmen an Orten mit wenig Licht - Konzerthallen zum Beispiel oder nur mit Kerzen ausgeleuchtete Räumen.

Mehr Bildinformationen dank Linsengitter

Die theoretischen Grundlagen dieser Technik hat Lytro-Gründer Ren Ng vor Jahren in seiner Doktorarbeit zur Lichtfeldfotografie beschrieben. Diese Arbeit zeichnete die renommierte US-Informatikvereinigung ACM (Association for Computing Machinery) 2007 als beste des Jahres aus.

Vor dem Bildsensor, der das einfallende Licht in digitale Bildinformationen übersetzt, liegt bei der Lichtfeldkamera ein Gitter aus vielen winzigen Linsen, die das einfallende Licht zu Kegeln aufweiten. Statt eines Lichtpunkts wie bei normalen Kameras fällt so ein Lichtkreis auf den Sensor.

Aus dieser Informationsfülle kann Software dann nachträglich ganz unterschiedliche Fotos berechnen - je nachdem, welche Bildbereiche der Fotograf scharf zeigen will. Wie hoch die Auflösung der Lytro-Kamera sein wird, hat das Unternehmen bisher nicht mitgeteilt. Als Ren seine Doktorarbeit abgab, schrumpfte die Auflösung durch die Mikrolinsen beträchtlich, weil jeder Lichtkegel mehrere hundert Bildpunkte abdeckte.

Fotojournalist über die Lichtfeldkamera: "verblüffende Technologie"

Die Auflösung dürfte inzwischen höher sein - laut Lytro soll die marktreife Lichtfeldkamera herkömmlichen Kameras für Privatkunden Konkurrenz machen. Ein Vertreter des Unternehmens sagte der " New York Times", das erste Modell solle über Amazon und einen Lytro-Webshop vertrieben werden. Unklar ist, wie gut die Bildqualität der Kamera in anderen Bereichen ist - einige der Lytro-Beispielbilder zeigen Bildrauschen, auf anderen haben Schwarztöne einen Rotstich. Das kann bei den in Serie gefertigten Modellen der Lichtfeldkamera natürlich schon ganz anders sein.

Lytro hat einigen Fotografen Prototypen der Lichtfeldkamera für erste Versuche überlassen. Der US-Fotojournalisten Richard Koci Hernandez berichtet, dass sein Modell in etwa die Größe einer Kompaktkamera hatte. Die Auflösung der Bilddateien sei ebenfalls mit der von Kompaktkameras vergleichbar - konkreter wird Hernandez da nicht. Er twitterte seinen ersten Eindruck: "Das ist eine ziemlich verblüffende Technologie."

Sollte Lytro tatsächlich die Lichtfeldtechnik zum Preis, im Format und mit der Auflösung klassischer Kompaktkameras anbieten, könnte das den Fotomarkt völlig verändern - grundsätzliche technische Innovationen hat der Sektor seit der Einführung spiegelloser Wechselobjektiv-Systeme nicht gesehen, wobei auch dieser Kameratyp herkömmliche Bildsensoren nutzt. Firmengründer Ren Ng vergleicht die Marktreife der Lichtfeldfotografie in einem Interview mit dem US-Blog "TechCrunch" sogar mit dem Sprung von der Analog- zur Digitalfotografie (siehe unten).

Ob die Technik hält, was Lytro und Ngs Forschungsergebnisse heute versprechen, wird sich in einigen Monaten zeigen - laut Lytro soll die erste Lichtfeldkamera Ende des Jahres verkauft werden.

Katzen, Models und Kaffeehäuser - diese Probeaufnahmen von Lytro können Sie im Web nachträglich fokussieren.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
jfehr 27.06.2011
1. gute PR
also die PR-Abteilung dieses Startups scheint schon mal sehr gut zu funktionieren... Erstaunlich wie die (deutschen) Medien dieses Thema hypen - obwohl es noch nicht mal ein Bild der angekündigten Kamera gibt. Dabei ist das alles ein "Alter Hut". Die Dissertation des Firmen gründers ist schon ein paar Jahre her und im jungen Forschungsbereich der "Computational Photography" hat sich seither einiges getan. Unter anderem ist die deutsche Firma Raytrix schon seit einiger Zeit mit Lichtfeldkameras auf dem Markt die Technisch dem System von Lytro überlegen sind... Erstaunlich ist auch, dass Lytro überhaupt keine Werbung damit macht, dass man 3D Bilder (Tiefenschätzung) mit so eine Kamera machen kann - das wäre eigentlich die Killerapplication. Für mich deutet das darauf hin, dass sie noch arge Probleme haben (die hauptsächlich von den kleinen Sensoren im Consumerbereich geschuldet sein sollten). Das reine Refokusieren ist zwar ein nettes Spielzeug, eine richtige Anwendung dafür habe ich aber noch nicht gesehen...
maconaut, 27.06.2011
2. Leider keine echte Demo
Es wäre schön, mal eine echte Demo zu sehen und nicht nur Animationen mit zwei oder drei Schärfeebenen. Beim Wuschu-Bild z.B. kann man die Bäume im Hintergrund nicht fokussieren. Ich stelle es mir softwareseitig eher so vor, dass ich die Schärfe-Ebene (wohl eher eine Kugelschale) per Slider stufenlos verstellen kann. Das ganze dann noch nicht auf die gesamte Fläche sondern auf ausgewählte Bereiche beschränkt. Es sollte sogar möglich sein, im o.g. Bild die Speerspitze UND das Gesicht scharf zu stellen und alle anderen Bildteile aus dem Fokus zu lassen. DAS werden interessante Gestaltungen.
hdgenscher 27.06.2011
3. sehr interessant für 3D
Sollte in Kombination mit Eye-Tracking für 3D Fotos & Filme verwendet werden. Die vorgegebene Tiefenschärfe ist der größte Nachteil der aktuellen 3D-Formate.
vogelskipper 27.06.2011
4. Richtig scharf sieht anders aus!
Wenn die Beispiele die finale Schärfe wiedergeben, die man damit erreichen kann, dann ist das vielleicht mit einer Digiknipse verglichen ganz ok, an die Schärfe einer richtigen DSLR mit guter Linse und hoher Auflösung kommt das bei weitem nicht heran!
Bernd.Brincken 27.06.2011
5. Demo-Fotos nur zum demonstrieren?
Die Demofotos hier dienen offenbar nur dazu, den Effekt zu illustrieren, können aber die behauptete Funktion nicht immer liefern. Bei der "Straßenszene mit Model" z.B. kann man nur zwei Ebenen scharfstellen, das Model oder den Betrachter vorne - nicht aber die Fußgänger weiter hinten. Vermutlich wurde hier einfach ein vorn wie mitte (aber nicht hinten) scharfes Bild genommen, dann in der Nachbearbeitung mal der eine, mal der andere Bereich unscharf gestellt, aus diesen zwei Bildern wird dann per Mausklick eine Überblendung gebildet. Das nährt etwas meine Zweifel an der technischen Machbarkeit dieses Konzepts, aber vielleicht habe ich es einfach noch nicht ganz verstanden, der Artikel hält sich da auch etwas zurück.
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