Von Matthias Kremp, London
Stephen Elop gab sich gewohnt kämpferisch. Als er vor mehr als 3000 Entwicklern, Journalisten und Nokia-Partnern in London die ersten Windows- Smartphones des finnischen Konzerns präsentierte, sagte der Nokia-Chef: "Wir sind hier, um zu gewinnen". Allein auf die Windows-Phone-7-Modelle Lumia 800 und 710, die er zum ersten Mal öffentlich zeigte, will er sich dabei aber nicht verlassen.
Das wäre auch vermessen, denn was vor allem das neue Highend-Modell Lumia 800 auszeichnet, ist sein Design. Das neue Handy sieht dem Meego-Smartphone N9 zum Verwechseln ähnlich. Sein Gehäuse ist eine einteilige Kunststoffschale. Im Gegensatz zu Metallhüllen soll dadurch die Leistung der Antennen besser sein. Bemerkenswert ist der nahtlos ins Gehäuse eingelassene Bildschirm. Im Ruhezustand ist er vollkommen schwarz, macht das Lumia zu einem eleganten Accessoire. Schön ist das Gerät ohne Frage. Sicher ist es eines der am besten designten Handys der Gegenwart.
Die Vorstellung des neuen Nokia-Handys war mit Spannung erwartet worden, seit
Nokia und Microsoft im Februar erklärt hatten, künftig bei Smartphones eng zusammenarbeiten zu wollen. Nokia hatte zur Überraschung vieler angekündigt, seine Smartphones künftig mit Microsofts
Betriebssystem Windows Phone 7 auszustatten, statt weiter auf sein über Jahre gepflegtes Symbian-System zu setzen. In der Branche war die Entscheidung als Selbstrettungsversuch zweier Ertrinkender gewertet worden. Während Nokia kontinuierlich Marktanteile an
Apple und
Android-Handys verliert, konnte Microsoft
mit seinem neuen Handy-Windows bisher keine signifikante Marktposition erreichen.
Die Kooperation erinnert an den Pakt, den Apple
und Microsoft 1997 schlossen. Damals hatte der Windows-Konzern Apple vor dem drohenden Untergang bewahrt, indem er für 150 Millionen Dollar Apple-Anteile übernahm und versprach, seine Office-Software weiterhin auch für Macs anzubieten. Dieses Mal half
Microsoft Nokia mit einer Milliarde Dollar aus.
Technisch Mittelklasse, Microsoft sei Dank
Mit dem Lumia 800 wolle man einen neuen Standard definieren, heißt es nun von Nokia, dabei handelt es sich technisch nur um ein Mittelklassemodell. Ein Manko, das Microsoft angelastet werden muss. Der US-Konzern, mit dem sich Nokia
zusammengetan hat, um sich selbst und das eigene Handy-Betriebssystem Windows Phone wieder auf Kurs zu bringen, macht strikte Vorgaben, mit welcher Hardware Windows-Smartphones ausgestattet werden dürfen.
Entsprechend kann das Lumia 800 nicht überraschen: Es hat einen 1,4 GHz-Prozessor von Qualcomm, eine 8-Megapixel-Kamera, ein 3,7 Zoll-Display mit 800 x 480 Pixel Auflösung. Und es hat 16 GB Speicher, nicht erweiterbar. Stellt man daneben das gerade vorgestellte Samsung Galaxy Nexus mit 4,65 Zoll Display, 1280 x 720 Pixel Auflösung, Dualcore-Chip, bis zu 32 GB Speicher und NFC-Funktechnik wirkt das Nokia ziemlich blass. Aber das ist Microsoft anzulasten, dessen Richtlinien nur Standard-Komponenten vorsehen, Abweichungen von diesem Standard nicht erlauben.
Und das sieht man dem neuen Nokia eben an. Sobald das Gerät zum Leben erwacht, erscheinen die für Windows Phone 7 typischen Icons, aktive Mini-Widgets, die beispielsweise aktuelle Nachrichten, das Wetter oder Fotos anzeigen. So beeindruckend das aussieht, und so schnell man damit über Aktuelles informiert wird, so hektisch ist es auch. Das Display ist immer in Bewegung. Aber das ist es eben auf allen Windows-Smartphones.
Kostenlose Musik
Auf die Frage, wie sich Nokias Lumia 800 von anderen Windows Phones unterscheidet, antwortete Ilari Nuumi, Marketingchef für Smartphones, SPIEGEL ONLINE, Nokia sei doch eine für ihre Qualität bekannte Marke, und das Lumia würde sich schon des Designs wegen von der Konkurrenz abheben. Er fügte allerdings hinzu, dass es ein paar nennenswerte Dienste gebe, die man als Lumia-User kostenlos nutzen kann. Eine integrierte Nokia-Navigationssoftware beispielsweise, und den Musikdienst Nokia Music.
Der könnte tatsächlich ein Killer-Feature für das neue Handy sein. Laut Nuumi verfügt der Konzern über ein Portfolio von 14 Millionen Songs. Die kann man natürlich, wie gewohnt, kaufen. Man kann sie über den neuen Dienst aber auch kostenlos auf das Handy streamen oder bis zu 200 Songs auf dem Gerät speichern, aber nicht auf einen PC übertragen. Zusätzlich wird das Angebot mit Tipps für anstehende Konzerte angereichert. Ein Mix, der an den Web-Radiodienst Last.FM erinnert. Der Clou: Eine Registrierung ist für den neuen Musikdienst nicht erforderlich, ein Lumia-Handy allerdings schon.
Massenmarkt im Lowend
Das kann aber auch das billigere Lumia 710 sein. Etwas kleiner, etwas einfacher konstruiert, verfügt es über fast alle Funktionen des Lumia 800, soll aber rund 320 Euro kosten, während für das Modell 800 ein Preis von 500 Euro fällig wird. Nicht wenig Geld, im Umfeld von iPhone und Galaxy Nexus aber ein vertretbarer Preis.
Genau der Preis ist es aber, mit dem Stephen Elop Nokias Marktanteil halten, wenn nicht ausbauen will. Er sieht "die nächste Milliarde Handynutzer" in Schwellenländern. Genau für diese Märkte wurden die neuen Modelle 200, 201, 300 und 303 der Nokia-Asha-Serie entwickelt: kleine, günstige Smartphones - mit Series-40-Betriebsystem. Sie sind bunt, haben Tastaturen, teilweise Touchscreens und sollen in erster Linie junge Kunden mit begrenztem Budget ansprechen. Dass der Begriff Asha auf Hindi Hoffnung bedeutet, ist wohl kaum ein Zufall. Dass die Low-End-Handys mit einem halbstündigen Schwall von Marketingparolen vorgestellt werden, wohl auch nicht.
Nach dem Ende von Elops Produktvorstellung bleibt jedenfalls der Eindruck, Nokia werde sich bei seinen neuen Smartphones vor allem auf das Marketing konzentrieren, nicht so sehr auf die Technik. Begriffe wie der schnelle Datenfunk LTE werden in London nur am Rande erwähnt. Solche Techniken will man 2012 nachliefern, vermutlich, sobald Microsoft dafür grünes Licht gibt.
Die neuen Nokias, vor allem das Lumia 800, werden trotzdem nicht unter Absatzproblemen leiden, wenn sie im November in Europa auf den Markt kommen. Das Design nach dem Grundsatz "form follows function" dürfte manchen Kaufwilligen schnell überzeugen, sich nicht von technischen Daten, sondern von optischen Eindrücken leiten zu lassen. Dreimal mehr Werbegelder als je zuvor für ein Nokia-Handy sollen in die Vermarktung des Lumia 800 gesteckt werden.
Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, Samsungs Galaxy Nexus enthalte einen Slot zur Erweiterung mit Micro-SD-Karten. Das ist nicht korrekt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.
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