Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Neues Social Network: Wieso Apple plötzlich pingt

Von

Wieso tut Apple das? Steve Jobs verpasst iTunes ein ziemlich schlechtes Social Network - der Nutzer hat wenig davon. Der Konzern aber verschafft sich im Eiltempo eine freundschaftsgetriebene Kaufplattform.

Steve Jobs bei der Ping-Vorstellung: "Welcome to the social, Apple" Zur Großansicht
AP

Steve Jobs bei der Ping-Vorstellung: "Welcome to the social, Apple"

Apples Ping braucht kein Mensch.

Außer Steve Jobs, versteht sich.

Ein Social Network für Musikliebhaber soll Ping sein, die neueste Ergänzung von iTunes. Das ist Ping aber nicht. Sondern so etwas wie iLike - ein schon existierender Musikempfehlungsdienst, den man in sein Facebook-Profil einbinden kann.

Mehr als iLike kann Ping nicht. Wer sich anmeldet, wird (wenn er sich durch die Geschäftsbedingungen müht) erst mal darauf hingewiesen, dass er jegliche Restprivatsphäre in Sachen Musikkonsum fahren lässt. "Wenn Sie nicht wollen, dass Informationen über Sie von anderen eingesehen werden können, sollten Sie Ping nicht aktivieren", steht da. Das macht dann restlos klar, dass der Dienst wie all die konsumorientierten Facebook-Applikationen nichts anderes als ein gigantisches Marktforschungswerkzeug ist.

Genius, der schon länger in iTunes eingebaute Service, war gewissermaßen der erste Schritt - er hat bei der Informationssammlung allerdings keine soziale Komponente: "Wenn Sie nicht wollen, dass wir Informationen aus Ihrer iTunes Bibliothek auf diese Weise sammeln und nutzen, dürfen Sie diese Geniusfunktion nicht aktivieren." Genius protokolliert die Hörgewohnheiten der Nutzer, gleicht Geschmäcker, Vorlieben und Playlisten mit denen anderer Hörer ab und formuliert auf dieser Basis Empfehlungen. So wie man das von Amazon kennt: "Kunden, die diese Platte kauften, kauften auch..."

Die Idee hatte Microsoft schon 2006

Ping soll das Rasenmäherprinzip von Genius nun um eine soziale Dimension ergänzen. Empfehlungen sollen aus dem eigenen digitalen Freundeskreis kommen und damit besser werden - das ist im Kern das Facebook-Prinzip.

Gleichzeitig soll der digitale Freundeskreis kontinuierlich mit automatisierten Werbebotschaften beschickt werden: "Max Mustermann hat gerade Album X von Künstler Y erworben." Neu ist das nicht. Microsoft verpasste seinem Musikplayer Zune in den USA schon 2006 ein eingebautes Musik-Netzwerk. Die US-Fachseite "Cnet" spöttelte jetzt über Ping, indem sie ihren Artikel über das Netzwerk mit Microsofts damaligem Werbespruch betitelte: "Welcome to the social, Apple".

Statusmeldungen bei Ping sehen sehr ähnlich aus wie jene bei Facebook. Sie sind allerdings etwas völlig anderes. Denn Ping erlaubt nicht, einfach mal eine beliebige Botschaft an seine Freunde zu schicken - man kann nur mitteilen, was man gerade kauft. Diese Funktion, bei anderen Netzwerken meist optional, ist bei Ping praktisch die einzige.

Mitmachen können nur iTunes-Nutzer. Der eigene Freundeskreis kann die eigenen Einkäufe dann kommentieren - aber ohne Links. Wer auf ein tolles Live-Video der genannten Band verweisen möchte, hat Pech. Zwar kann man in den Kommentaren Internetadressen eintragen, aber man kann sie weder anklicken noch als Text kopieren. Ping-Text ist toter Text. Ping hat nur einen einzigen Ausgang, und der führt in den iTunes Store.

Wieso macht Apple das?

Mit "Social Media" hat das nichts zu tun. Beim Nutzer ankommen würde Ping wohl nur, wenn sich Apple an Facebook ankoppeln würde - mit einer App, die mehr kann als Ping. Aber so ist das Ganze derart unpraktisch, dass die Nutzung nach anfänglichen Testläufen vermutlich rasant einschlafen wird. Im iTunes-Ghetto wird der Dienst bald nur noch als stiller Datensammler all der Karteileichen ackern.

Aber vielleicht reicht das ja auch.

Apple hat diese so überfällige wie überflüssige Neuerung vor allem aus einem Grund eingeführt: Dem Konzern fehlt im Moment ein wichtiger Bestandteil der integrierten Digitalstrategie, die alle Web-Konzerne verfolgen. Von Google, Amazon, Microsoft, Apple bis zu in diesem Markt kleineren Spielern wie Sony und Nokia hätten alle im Prinzip gern das gleiche:

  • Zugriff auf einzelne Nutzer über Hard- oder Software, am besten beides.
  • Einen Onlineshop für digitale Medieninhalte und Spiele.
  • Möglichst ein eigenes digitales Zahlungssystem.
  • Erhebung möglichst umfangreicher Nutzungsdaten zur optimalen Anpassung von Werbung und Marketing.
  • Am liebsten natürlich eine Suchmaschine - aber da ist neben Google und Microsofts Bing derzeit wenig Platz im Markt. und die Anschubkosten für einen halbwegs erfolgversprechenden Markteintritt wären gewaltig.
  • Und ein eigenes Social Network, um das Sozialgefüge der eigenen Kundschaft abbilden zu können und Marketing und Werbung entsprechend zu verfeinern.

Geld verdienen wollen schließlich alle auf die gleiche Weise - über Werbung, direkte Verkäufe und/oder Verkaufsprovisionen. Wobei die Unternehmen im großen Streben nach digitalen Monopolen derzeit unterschiedlich erfolgreich sind.

Beispiel Hardware-Zugriff auf die Nutzer: Hier liegt Apple mit seinen Endgeräten weit vor der Konkurrenz. Aber Google holt rasant auf - dank des cleveren Tricks, über das Betriebssystem Android eine wesentlich breitere, derzeit rasant wachsende Basis von Endgeräten zu erschließen. Dem Marktforschungsinstitut Nielsen zufolge hatte Apple im ersten Halbjahr 2010 bei neu gekauften Geräten im Smartphone-Markt einen Anteil von 23 Prozent. Android-Handys kamen auf 27 Prozent. Amazon hat derzeit als fest angebundenes Endgerät nur den Kindle anzubieten, der sich inzwischen immerhin schon mit Apps erweitern lässt. Microsoft hat gerade sein neues Handybetriebssystem Windows Phone 7 auf den Markt gebracht. Facebook hält sich aus dem Geräte-Wettstreit bislang heraus. Der Netzwerk-Konzern braucht nicht unbedingt eigene Endgeräte, denn er ist über entsprechende Apps ohnehin auf praktisch jedem vertreten. Sprich: Hardware-Zugriff hat Facebook nicht, sein Software-Zugriff ist dafür phänomenal.

In Sachen Verkauf sind Amazon und Apple derzeit weit vorne. Erst an diesem Mittwoch wurde kolportiert, dass Amazon künftig vermehrt digitale Bewegtbild-Inhalte als kostenpflichtigen Stream vermarkten will - wie Apple, Google, Netflix (in den USA) und auch Sony. Microsofts Zune Store kann man derzeit nur aus den USA erreichen, außer man besitzt eine Xbox 360.

In Sachen Bezahlung hat Google den Dienst Checkout. Apples iTunes-System mit Kredit- oder Punktekarte hat sich bewährt. Amazon hat sein "One Click"-System und Facebook vor kurzem erst eine virtuelle Währung eingeführt. Sony und Microsoft verkaufen für ihre Spielkonsolen Inhalte über Kredit- oder Punktekonten, die wiederum mit Kreditkarten oder im Handel erhältlichen Gutscheincodes aufgefüllt werden können.

In Sachen Social Networks allerdings hinken derzeit alle dem Giganten hinterher - Facebook. Das Netzwerk liegt nach dem derzeitigen Stand der Dinge uneinholbar vorn. Der Weltmarktzweite MySpace verliert kontinuierlich Kundschaft. Google ist mit seinem letzten Networking-Versuch Buzz offensichtlich kläglich gescheitert (der nächste Anlauf ist in Planung und soll Gerüchten zufolge "GoogleMe" heißen). Amazon verzichtet auf ein individualisiertes Netzwerk und operiert lieber mit der algorithmischen Auswertung des Kaufverhaltens aller seiner Kunden, statt die sozialen Beziehungen zwischen ihnen einzubeziehen. Über Apps und Links ist Amazon außerdem ohnehin auf allen großen Networking-Plattformen vertreten.

Apple? Hat jetzt Ping. Aber das könnte sich als zu wenig, zu spät erweisen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. It's not a bug, it's a feature
janman23 02.09.2010
SPON hat den neuen Messias ganz falsch verstanden! Ping ist ein durchdachtes Designkonzept, dass Nutzer nicht überfordert. Copy&Paste - das ist für iPhone-Anwender doch völliges Neuland. Außerdem ließe sich das alles ohne rechte Maustaste doch gar nicht steuern. Überflüssige Knöpfe (alles außer iTunes) zu eliminieren, war auch schon immer Teil von Apples Designkonzept. Darüber hinaus ist der Name absolut innovativ und hat nichts mit Microsofts Bing zu tun.
2. Und doch
tasch 02.09.2010
Zitat von sysopWieso tut Apple das? Steve Jobs verpasst iTunes ein ziemlich schlechtes Social Network -*der Nutzer hat wenig davon. Der Konzern aber verschafft*sich im Eiltempo eine freundschaftsgetriebene Kaufplattform. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,715323,00.html
werden es wieder zig Applefans aktivieren.
3. !
Wer ich wirklich bin, 02.09.2010
Für den größten Teil der Nutzer ist das nicht zu empfehlen. Durch die Koppelung an iTunes holt man sich ja nicht nur iTunes, sondern auch QuickTime auf den Rechner. Und Apple ist bei seiner Software Sicherheitslückenweltmeister. Man geht also ein sehr großes Risiko mit Apple-Software generell ein. Dazu kommt natürlich die permanente Überwachung und Datensammlung durch Apple. (Von manipulierten Bestsellerlisten und zensierten Karrikaturen mal abgesehen.)
4. naja ...
grinta, 02.09.2010
... geht wohl eher in richtung last.fm, kann dieses aber leider nicht ersetzen. ich weiss nicht, was all die häme soll ... apple hat schon mehrfach bewiesen: wer zuletzt lacht, lacht am besten. und der hinweis auf microsoft hier -- LOL. ich weiss nicht, warum keinem der SPON redaktion last.fm eingefallen ist. zeigt wohl nur einmal mehr, wie schlecht informiert SPON selbst eigentlich ist.
5. Thema verfehlt
mercuryfox 02.09.2010
Ich denke, der Artikel stellt unsinnige Theorien auf. Apple braucht Ping nicht, um weitere Informationen zu sammeln - allein die Werbung im 'Freundeskreis' für Produkte in iTunes ist neu und Ziel des Dienstes. Würde Apple versuchen im Bereich der Social Networks Fuß zu fassen, sähe der Dienst entscheidend anders aus. Es ist ein Gimmick im Sinne von Genius, mehr nicht. Warum Apple damit zu spät für irgendwas sein soll verstehe ich nicht. Es ist eine Shop-Erweiterung wie Amazons Empfehlungslisten, kein Versuch einer Konkurrenz zu Facebook.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Apple-Neuheiten: Hier spielen die digitalen Inhalte

Fotostrecke
Apple: Vom Apple I bis zum iPad

Fotostrecke
Steve Jobs: Lenker, Vordenker, charismatischer Verkäufer

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: