Kleiner, leichter, billiger: Nikon zielt mit der neuen D600 auf Amateur- und Hobbyfotografen. Doch brauchen die heutzutage noch eine Spiegelreflex-Kamera mit Vollformat-Bildsensor? Unser Test verrät, wie gut sich die D600 gegen Sonys Mittelklasse-Kamera Alpha 65 schlägt.
Eigentlich müsste das Rennen schon gelaufen sein, bevor es überhaupt begonnen hat. Nikon, seit jeher bekannt für Kameras mit vorbildlich niedrigem Bildrauschen, hat die D600 auf den Markt gebracht - die bisher kleinste und leichteste Spiegelreflex-Kamera mit Vollformat-Sensor.
Der FX-Bildchip der Nikon ist fast zweieinhalb Mal so groß wie der APS-C-Sensor der Sony Alpha 65. Das heißt: Jeder Bildpunkt kann mehr als doppelt so viel Licht einfangen, Fotos sind dadurch auch bei schlechten Lichtverhältnissen noch rauscharm. Bei der Sony-Kamera fallen obendrein nur drei Viertel des einfallenden Lichts auf den Bildchip.
Kann das gutgehen? Ein Praxistest zeigt, ob eine Spiegelreflex-Kamera mit Vollformatsensor noch immer entscheidende Vorteile bietet.
Technik: Die Nikon D600 arbeitet nach dem klassischen Spiegelreflex- oder SLR-Prinzip. Zwischen Objektiv und Sucher hängt ein Spiegel, der das Licht in den Sucher umleitet. Drückt man den Auslöser, klappt der Spiegel hoch und lässt das Licht auf den Sensor fallen. Sony geht einen anderen Weg: Bei seinen Alpha-Kameras ist ein fest installierter, teildurchlässiger Spiegel eingebaut. Weil er sich nicht mehr bewegen muss, erlaubt er rasende Geschwindigkeiten: Die Alpha 65 schießt bis zu zehn Bilder pro Sekunde. Das schafft im Hause Nikon nur das rund 5500 Euro teure Spitzenmodell D4. Die D600 kommt nur auf relativ betuliche 5,5 Bilder pro Sekunde.
Ein weiterer Vorteil von Sonys SLT-Prinzip ist, dass das Autofokussystem auch im Videomodus aktiv bleibt. Bei der Nikon bleibt der Spiegel dagegen hochgeklappt - die normale Fokusmessung fällt dadurch aus, die Kamera muss in die Kontrastmessung wechseln. Das Ergebnis: Die Schärfemessung wird deutlich langsamer und unsicherer.
Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Systemen ist der Sucher: Während die Nikon ein klassisches optisches Modell besitzt, hat die Sony einen kleinen OLED-Monitor eingebaut. Der bietet ein enorm großes und mit 2,3 Millionen Bildpunkten erstaunlich scharfes Bild, in das man zudem diverse Informationen einblenden kann - etwa ein Histogramm oder eine elektronische Wasserwaage. Der klassische optische Sucher der D600 bildet noch schärfer ab. Doch ob dieses Prinzip langfristig eine Zukunft hat, ist fraglich - insbesondere wenn die Qualität der elektronischen Sucher künftig weiter steigt.
Handling: Die Nikon D600 ist erstaunlich leicht und kompakt - für eine Vollformat-DSLR. Das bedeutet allerdings immer noch 706 Gramm allein für das Gehäuse. Hinzu kommen 465 Gramm für das Set-Objektiv, das Nikon AF-S 24-85 mm 1:3.5-4.5G ED VR. Dennoch liegt die Nikon angenehm in der Hand - besonders, wenn die Hand ein wenig größer ist. Menschen mit richtig großen Pranken könnten die Sony Alpha 65 ein wenig zierlich finden - sie ist mit 543 Gramm aber auch spürbar leichter als die Nikon. Die Bedienung ist bei beiden Kameras intuitiv möglich: Die Menüs sind logisch aufgebaut. Unnötig klein wirkt lediglich die Vier-Wege-Wippe an der Rückseite der Nikon.
Ausstattung: Hier leistet sich die D600 fast keine Schwächen. Der intelligente Automatikmodus macht deutlich, dass die Kamera nicht nur für Profis gemacht ist, zusätzlich gibt es 19 verschiedene Szene-Modi und natürlich alle erdenklichen Möglichkeiten zur manuellen Aufnahmesteuerung. Die D600 verfügt, auch das ein Unterschied zu manchen professionellen Modellen, über einen eingebauten Aufklapp-Blitz. Weniger überzeugend ist die Videofunktion: Zwar bietet die D600 die Full-HD-Auflösung von 1920 mal 1.080 Pixeln, das allerdings nur bei 30 Bildern pro Sekunde. Die Sony hat hier mit 50 Bildern pro Sekunde die Nase vorn. Und sie verfügt auch über ein schwenk- und klappbares Display, während der Nikon-Benutzer sich mit einem fest installierten begnügen muss. Für eine Consumer-Kamera - und als solche vermarktet Nikon die D600 ausdrücklich - ist das merkwürdig inkonsequent. Auch ein GPS-Modul enthält die Nikon, anders als die Sony, nicht.
Gespart hat Nikon auch am Autofokus-System. Zwar besitzt es 39 Sensoren, davon neun Kreuzsensoren - deutlich mehr als das der Sony mit lediglich 15 Messpunkten, von denen drei Kreuzsensoren sind. Doch das Messsystem der Nikon stammt aus der Mittelklasse-Kamera D7000 mit kleinem APS-C-Sensor. Das führt dazu, dass sich die Messfelder stark auf das Bildzentrum konzentrieren. Liegt das Bildmotiv außerhalb oder auch nur am Rand des Messbereichs, hat die Nikon ihre Probleme mit dem Scharfstellen. Im Test lag der Fokus der insbesondere bei schlechteren Lichtverhältnissen überraschend oft daneben.
Bildqualität: Und was macht er nun aus, der Vollformat-Sensor der Nikon? In der Praxis zeigt sich: Der Vorteil gegenüber dem APS-C-Chip ist erstaunlich gering. Bis ISO 400 sind praktisch keine Unterschiede erkennbar. Ab ISO 800 zeigt die Sony verstärktes Bildrauschen, ab ISO 1600 wird es deutlich erkennbar. Die Nikon hängt die Sony in dieser Disziplin mühelos ab: Selbst bei ISO 3200 sehen ihre Bilder noch äußerst sauber aus. Hier fordern die hohe Pixeldichte auf dem Sony-Sensor und die SLT-Technologie ihren Tribut.
Allerdings: Klar erkennbar wird ein Unterschied nur, wenn man die Fotos auf 100 Prozent vergrößert und direkt nebeneinander legt. Betrachtet man sie als Ganzes, werden bei ISO 1600 selbst im Vollbildmodus auf einem 26-Zoll-Monitor kaum Unterschiede sichtbar. Zudem ist ein Teil des Qualitätsverlusts bei den Sony-Fotos offenbar der mäßigen JPEG-Engine in der Alpha 65 geschuldet. Hier kann man lediglich zwischen "Standard" und "Fein" wählen, während die Nikon D600 drei Qualitätsstufen bietet. In der höchsten produziert sie fast doppelt so große Bilddateien wie die Sony. Fotografiert man aber mit der Sony im unkomprimierten Raw-Modus und wandelt die Bilder mit Photoshop in JPEGs um, sehen sie deutlich besser aus (siehe Fotostrecke). Das zeigt auch das Bildvergleichstool von DPReview.
Fazit: Muss es ein Vollformat-Sensor sein? Kommt darauf an: Wer überdurchschnittlich oft mit Empfindlichkeiten jenseits von ISO 1600 fotografiert, dürfte starke Argumente für den XXL-Bildchip finden. Und in diesem Fall ist die Nikon D600 ein verlockendes Angebot. Allerdings sind die Unterschiede in der Bildqualität gegenüber einem APS-Chip bis ISO 1600 nur mit der Lupe erkennbar. Zudem hat ein Vollformat-Chip seinen Preis. Die Nikon D600 kostet ohne Objektive derzeit rund 1600 Euro. Die Sony Alpha 65 ist mit rund 700 Euro nicht einmal halb so teuer. Die APS-C-Modelle der Konkurrenz, etwa die Canon EOS 650D oder die Nikon D7000, sind sogar noch ein wenig günstiger zu haben.
Zudem verlangen Vollformat-Kameras auch nach besseren Objektiven, da eine größere Sensorfläche ausgeleuchtet werden muss. Ist eine preisgünstige Optik montiert, fällt die Bildqualität zu den Rändern hin oft stark ab. Bei den kleineren APS-C-Sensoren fällt das weniger ins Gewicht, da sie nur den zentralen Bereich der Linsen benötigen. Was die Ausstattung und das Handling betrifft, bieten heutzutage auch APS-C-Kameras alles, was für kreatives Fotografieren notwendig ist.
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