Betriebssystem OS X 10.8: Apples Berglöwe folgt aufs Wort

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Jetzt geht es der Tastatur an den Kragen: Mit Apples neuem Mac-Betriebssystem kann man Texte einfach ins Mikrofon diktieren. Mehr als 200 neue Funktionen bietet OS X 10.8 Mountain Lion - und ist fast zehn Euro billiger als der Vorgänger. Der Praxis-Test.

OS X 10.8 Mountain Lion: Mehr Sicherheit, mehr Infos, mehr Cloud Fotos
SPIEGEL ONLINE

Wie viel ein neuer Mac kostet? 15,99 Euro. Jedenfalls wenn man "neu" als Maß für die Funktionen und Fähigkeiten eines Geräts annimmt. Diese Summe verlangt Apple für Mountain Lion, die neue Version seines Computer-Betriebssystems OS X. Und die krempelt den Rechner gründlich um. Mehr als 200 neue Funktionen listet Apple für die Software mit der Versionsnummer 10.8 auf, viele davon sind dem Betriebssystem iOS von iPhone und iPad entnommen. Die neunte Fassung von OS X rückt Apples Mobilgeräte und Computer noch näher zusammen als der Vorgänger mit der Bezeichnung Lion.

Überall steckt jetzt iCloud drin. Ständig wird synchronisiert, was das Zeug hält, ohne dass man davon etwas bemerken würde. Notizen werden in der iCloud gespeichert, Adressen, Kalendereinträge und Termine sowieso. Aber auch die Daten für E-Mail-Accounts, für soziale Netzwerke sowie Dokumente, die man mit Apples Office-Programmen erstellt hat. Außerdem wandern Spielstände in die Cloud - Fotos, E-Books und Apps sowieso.

Das funktioniert zwar nicht immer ganz so einfach und reibungslos, wie man es sich wünschen würde, und ähnliche Funktionen ließen sich auch mit Diensten wie Dropbox realisieren, aber hier ist eben alles bereits im System verankert. So ist der Einrichtungsaufwand minimal: Einmal mit der Apple-ID angemeldet (die hat man als iTunes-Kunde sowieso), geht alles andere fast von selbst - solange der Rechner Zugriff auf das Internet hat.

Hör - mir - zu!

Das gilt auch für die Diktierfunktion, die von iPhone und iPad nun auch auf die Macs gefunden hat. Offensichtlich nutzt Apple auf allen Plattformen dieselbe Technik: Die Spracheingaben werden digitalisiert an einen Server geschickt, der erkennt die Sprache und schickt Text zurück. Zusätzlich werden die im Adressbuch gespeicherten Daten einmalig an den Server übermittelt, um Namen, Adressen und Beziehungen zu Personen besser aufschlüsseln zu können ("Sende eine E-Mail an Opa"). Weil diese Funktion die Privatsphäre tangiert, muss sie explizit aktiviert werden.

Nachdem wir das getan hatten, arbeitete die Diktierfunktion im Test so gut, dass Teile dieses Textes per Spracheingabe eingegeben wurden. Fehlerlos ging das allerdings nicht, so dass manuell nachbearbeitet werden musste. Für kürzere Texte, E-Mails oder Twitter-Nachrichten etwa, ist die Spracherkennung aber prima geeignet.

Sozial spielen

Ebenso von iPhone und iPad auf den Mac übertragen wurde das Game Center. Es dient dazu, Bestenlisten zu führen, Highscores zu vergleichen, andere Spieler kennenzulernen und zu gemeinsamen Spiele einzuladen. Grundsätzlich funktioniert das jetzt auch zwischen OS X und iOS. Bislang gibt es allerdings erst eine geringe Zahl entsprechend angepasster Spiele, so wie etwa "Real Racing 2".

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Mit Airplay: Mit dem iPad auf dem Fernseher spielen

Ein wenig Konsolen-Feeling kommt auf, wenn man solche Spiele per Airplay Mirroring drahtlos auf den großen TV-Bildschirm bringt. Das System funktioniert im Grunde genau so wie auf iOS-Geräten, indem man die Settop-Box Apple TV als Zuspielstation verwendet. Wie das geht, hatten wir bereits im April gezeigt.

Kraftschlaf

Wer träumt nicht davon, Arbeit im Schlaf erledigen zu können? Mit Mountain Lion will Apple diesen Traum zumindest für Macs erfüllen. Sogar wenn sie eigentlich im Schlafmodus sind, sollen sie mit dem neuen OS X in der Lage sein, beispielsweise E-Mails abzurufen, Daten mit der iCloud abzugleichen oder Software-Updates zu laden. Um den Stromverbrauch dabei gering zu halten, werden nur die benötigten Komponenten aktiviert, also Prozessor, Netzwerkkarte und Festplatte.

Hört sich prima an, ist auch bestimmt prima, konnten wir bisher aber ebenso wenig ausprobieren wie die meisten anderen Mountain-Lion-Nutzer. Denn Power Nap funktioniert nur auf einigen Macbook-Air-Modellen ab Baujahr Mitte 2011 und dann auch nur nach einem Firmware-Update. Für unser zum Test verwendetes Macbook Pro Retina ist Power Nap zwar angekündigt, das entsprechende Firmware-Update jedoch noch nicht verfügbar.

Ein neuer Browser, nicht für alle

Zeitgleich mit Mountain Lion hat Apple eine neue Version seines Browsers Safari veröffentlicht. Auch der ist jetzt eng an iCloud angebunden. Wer mehrere Macs hat, kann damit die auf den jeweiligen Rechnern zuletzt geöffneten Tabs abgleichen. Richtig gut wird das aber erst, wenn im Herbst iOS 6 erscheint und die Tab-Synchronisation auf iPhone und iPad ausgedehnt wird. Dann erst wird man die Funktion nutzen können, um beispielsweise Texte, die man in der U-Bahn auf dem iPhone zu lesen begonnen hat, nahtlos auf dem Mac im Büro zu Ende zu lesen.

Außerdem gibt es in Safari 6 unter Mountain Lion eine neue Übersicht der aktuell geöffneten Tabs. Per Zweifingergeste mutiert der Browser zu einer Art Mini-Desktop, über den man per Fingerwisch am Trackpad Kleinansichten der offenen Web-Seiten schieben kann. Zudem wurden Funktionen zum sofortigen Weitergeben von Webseiten integriert. So kann man eine geöffnete Seite direkt aus dem Browser heraus beispielsweise per E-Mail oder iMessage verschicken oder samt Kommentar twittern.

Unterwegs ist die Offline-Leseliste besonders nützlich. Es können ganze Webseiten zum späteren Lesen ohne Online-Verbindung gespeichert werden, was beispielsweise für Flug- oder Zugreisen nützlich ist. Diese Funktion ist zudem sowohl unter OS X Lion als auch Mountain Lion verfügbar, während einige andere Safari-Funktionen der neueren Betriebssystemversion vorbehalten sind. Ohnehin ist Safari 6 derzeit nur innerhalb von Mountain Lion und über die Update-Funktion von Lion erhältlich. Einen regulären Download gibt es nicht. Ebenso wenig sind Downloads für ältere OS-X-Versionen oder Windows verfügbar. Auf eine Anfrage, ob es noch eine Variante für Windows-PC geben wird, hat Apple bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht beantwortet.

Fazit

Hunderte neuer Funktionen, mehr Datensynchronisation per iCloud und mehr Funktionen aus dem iOS: Das Update auf OS X Mountain Lion lohnt sich. Während der Testphase sind uns weder Fehler aufgefallen, noch kam es zu Systemabstürzen oder Kompatibilitätsproblemen mit älterer Software. Auf Computern mit SSD-Festplatte war die Installation binnen einer Viertelstunde erledigt. Angesichts des wirklich günstigen Preises für die Vollversion, die man zudem auf beliebig vielen eigenen Mac-Computern installieren darf, spricht einiges dafür, Apples Berglöwen eine Chance zu geben.

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insgesamt 220 Beiträge
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1. Was Apple alles darf...
franks1972 27.07.2012
Wenn Microsoft eine eigene iCloud so fest in seinem Betriebssystem verknüpft hätte, dann wäre der Aufschrei groß und tausend Klagen wären anhängig, bis es ein Zusatzprogramm gibt, wo man auch die Konkurrenz-Clouds connecten kann. Alles schon mal dagewesen, siehe Browser-Thematik. Für Apple gelten andere Regeln. Ich persönlich finde die iTunes-Anbindung ok und bin auch kein Microsoft-Jünger, aber die ungleiche Behandlung hat für mich ein Geschmäckle.
2. Alles überall?
einervondenen 27.07.2012
Ist es nicht seltsam, ein Dokument auf alle Rechner zu synchronisieren? Was genau muss ich denn beruflich machen, damit das einen Sinn gibt? Im Büro etwas anfangen, in der U-Bahn weiterbearbeiten und zu Hause fertig stellen? Eigentlich gilt das nur für Selbstständige, die Hobby mit Beruf und Kommunikationsverhalten verquicken. Diese Sync-Krankheit hat auch IPhoto, IMovie und andere Einbibliothekenlösungen, die Privates, Berufliches und wasumauchimmer mischen. Natürlich gibt es Lösungen, das zu vermeiden. Aber der große Überknaller, als das es permanent promotet wird, ist es nicht. Bevor ICloud, Dropbox und andere Mixer ganz die Weltherrschaft übernehmen, fände ich eine übersichtliche Verwaltungsoberfläche praktisch, mit der ich einfach Bereiche OS-weit klar trennen kann. So hat Google mit Groups schon Erfolge erzielt.
3. Shut up and take my money... and my privacy!
Morbo 27.07.2012
Ein kostenpflichtiges Update welches pausenlos die Daten der Nutzer an Apple und sonst wen weitergibt und dies jetzt auch kann während der Nutzer glaubt sein Gerät sei im Schlafmodus. Der Käufer merkt das nicht mal und glaubt er würde ein neues OS kaufen und das viiiel billiger als die Idioten die z.B. teilweise dreistellige Beträge für Windows 7 zahlen. Wobei bei jemandem der seine Daten in eine Cloud läd eigentlich sowieso schon Hopfen und Malz verloren sind. Da tut das jetzt auch nix mehr zur Sache. Da ist es auch eigentlich Egal ob Mac Jünger oder Windows Nutzer. Am besten ist es, wenn ihr da z.B. Geschäftsprojekte und ähnliche Dinge speichert. Bravo Apple zur Zeit hat es niemand so gut verstanden den Kunden zur Selbstauslieferung zu bringen wie ihr. "...Die Spracheingaben werden digitalisiert an einen Server geschickt,..." "...Zusätzlich werden die im Adressbuch gespeicherten Daten einmalig an den Server übermittelt, um Namen, Adressen und Beziehungen zu Personen besser aufschlüsseln zu können..." Und das alles freiwillig....einfach genial wie ihr das hinkriegt. Wobei es ja immer noch Leute geben soll die sich wundern wieso Siri lernfähig ist und wieso Apple mir das nächste Restaurant zeigen kann. Naja aber bei Google Street View scheißt man sich dann kollektiv vor Angst und Empörung in die Hose.
4. Monopolstellung
adal_ 27.07.2012
Zitat von franks1972Wenn Microsoft eine eigene iCloud so fest in seinem Betriebssystem verknüpft hätte, dann wäre der Aufschrei groß und tausend Klagen wären anhängig, bis es ein Zusatzprogramm gibt, wo man auch die Konkurrenz-Clouds connecten kann. Alles schon mal dagewesen, siehe Browser-Thematik. Für Apple gelten andere Regeln. Ich persönlich finde die iTunes-Anbindung ok und bin auch kein Microsoft-Jünger, aber die ungleiche Behandlung hat für mich ein Geschmäckle.
Bei den Klagen gegen Microsoft spielt eben immer auch die marktbeherrschende Reichweite der MS-Produkte eine Rolle.
5.
el3ktro 27.07.2012
Zitat von franks1972Wenn Microsoft eine eigene iCloud so fest in seinem Betriebssystem verknüpft hätte, dann wäre der Aufschrei groß und tausend Klagen wären anhängig, bis es ein Zusatzprogramm gibt, wo man auch die Konkurrenz-Clouds connecten kann. Alles schon mal dagewesen, siehe Browser-Thematik. Für Apple gelten andere Regeln. Ich persönlich finde die iTunes-Anbindung ok und bin auch kein Microsoft-Jünger, aber die ungleiche Behandlung hat für mich ein Geschmäckle.
Es gibt hier keine "ungleiche Behandlung". Microsoft hat in dieser Hinsicht einfach deswegen strengere Auflagen, weil sie mit Windows ein Quasi-Monopol auf Desktop-Betriebssysteme haben, und da greifen eben die diversen Kartellgesetze. Apple hat kein solches Monopol, ergo greifen auch keine Kartellgesetze.
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