Von Matthias Kremp
Es war eine Ankündigung mit Ansage: Vor zwei Wochen verschickte der PC-Konzern HP Einladungen an eine Schar internationaler Journalisten. "Think big. Think small. Think beyond", "Denke groß, denke klein, denke weiter", hieß es da. Und HP hat Wort gehalten. Der Konzern hat nicht nur einen großen Tablet-PC und ein winziges Smartphone vorgestellt, er hat auch eine neue Strategie angekündigt, die den PC-Markt verändern könnte - und Microsoft sauer aufstoßen wird.
Der Hinweis auf diese neue Strategie kam erst gegen Ende der Veranstaltung. Zwei Stunden lang hatte Jon Rubinstein, Ex-Apple-Manager, Ex-Palm-Chef und heute Chef der Palm-Abteilung von HP, sein Publikum mit Informationen und Details über die neuen Geräte eingelullt, als Todd Bradley, Executive Vice President bei HP, die Anwesenden mit einem Hammerschlag weckte. "Ich bin stolz, unseren Plan anzukündigen, webOS auf das Gerät mit der weitesten Verbreitung zu bringen: den Personal Computer", sagte Bradley und sorgte damit bei vielen für fassungsloses Staunen. Hatte Bradley da gerade HPs Abkehr von Microsofts Windows verkündet?
Ein bisschen zumindest. Denn webOS ist das Betriebssystem, das sich HP mit der Übernahme von Palm vor einem Jahr für 1,2 Milliarden Dollar eingekauft hat. Eigentlich war die Software nur für Smartphones und nicht als Windows-Alternative gedacht, doch das scheint sich nun geändert zu haben. Mit einem derart drastischen Schritt hatte wohl kaum jemand gerechnet. Zwar gab es für die Software von Testern und Palm-Fans viel Beifall, weil sie schnell, schön und einfach zu bedienen ist, ein Erfolg wurde sie dennoch nicht.
63 Millionen PC pro Jahr - bald mit webOS?
Die Übermacht der konkurrierenden Systeme von Google (Android) und Apple (iOS) war einfach zu groß. Vor allem gab es kaum Entwickler, die Apps für das neue System programmierten. Genau an diesem Manko könnten auch die drei webOS-Geräte, die HP jetzt in San Francisco vorgestellt hat, scheitern, fürchten viele Beobachter. Doch mit dem Schritt, das Palm-Betriebssystem auf PC zu übertragen, hätte HP die Möglichkeit, genau das zu verhindern.
Schließlich ist HP der größte Computerhersteller der Welt. 63 Millionen Desktop-PC und Notebooks hat das Unternehmen 2010 unter die Leute gebracht. Zum Vergleich: Apple konnte im selben Zeitraum 13,7 Millionen Mac-Computer absetzen. Wenn HP sich nun anschickt, diese gewaltige Marktmacht auf webOS umzurüsten, bildete der Konzern damit auf einen Schlag einen riesigen Absatzmarkt für webOS-Entwickler und forcierte auf diese Weise die Entwicklung eines Software-Katalogs, der das neue System wiederum für Anwender attraktiv machen würde.
Fingerfreundliche Desktop-Rechner
Der Umstieg werde aber nicht sofort, sondern erst später und auch dann nur auf Raten stattfinden, erklärte HP-Technikchef Phil McKinney. Vermutlich werde man das webOS zunächst über ein bestehendes Windows 7 installieren, erklärte er. Und auch vollständig auf webOS basierende PC seien denkbar, sagte McKinney, ohne weitere Details zu nennen. Ein logischer Schritt wäre es, würde HP das webOS zunächst auf seinen Touchscreen-Desktop-Rechnern verwenden.
Auf denen läuft derzeit ein von HP programmierter Software-Aufsatz, der das darunter liegende Windows fingerfreundlicher macht. Eine HP-eigene webOS-Oberfläche würde diese Computer ungleich attraktiver machen. Nicht nur, weil diese Oberfläche von Grund auf für Touchscreen-Bedienung entwickelt wurde, sondern auch, weil auf solchen Rechnern Apps laufen würden. So hätte HP die Möglichkeit, das erfolgreiche App-Store-Prinzip auf PC zu übertragen. Damit nicht genug: Ganz neue Möglichkeiten der Interaktion von PC, Tablet und Smartphone würden sich ergeben. Wie das aussehen könnte, lässt sich schon anhand der neuen Geräte, die das eigentliche Highlight von HPs Veranstaltung sein sollten, erahnen.
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