Parteitag der Piraten: Netzwerk für Nerds

Von , Neumünster

Smartphones, Laptops, Tablets, Netbooks: Ein Piraten-Parteitag braucht schnelles Internet. Technikchef Hartmut Semken über das Piraten-Netzwerk - und warum Neumünster der ideale Ort für den Parteitag ist.

Parteitag: Die Technik der Piraten Fotos
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Das Netzwerk-Center ist eine bunte Mischung aus Schlafsäcken, Kabeln, leeren Getränkeflaschen und ein paar blinkenden Kisten. Von hier aus wird der Parteitag der Piraten mit Internet versorgt - für die twitternde Partei überlebenswichtig. Jeder Pirat hat im Schnitt 1,4 Netzwerk-fähige Geräte bei sich, sagt Technikchef Hartmut Semken, genannt Hase.

Semken ist außerdem Vorsitzender der Berliner Piraten und als solcher heftig umstritten, weil er sich nicht all zu deutlich gegen Rechtsextremismus abgrenzen wollte. Auf dem Parteitag sorgt er mit seinem Team im Hintergrund für den reibungslosen Ablauf. Auf Dienstleister verzichten sie, die Piraten packen selbst an. Hunderte Meter Kabel haben sie durch die Halle gelegt, auf den Tischen Strom- und Netzwerk-Anschlüsse bereitgelegt.

Fünf Piraten kümmern sich allein ums Netzwerk, noch einmal zehn um Audio- und Videotechnik. Mehrere Beamer übertragen die Veranstaltung in der Holstenhalle, noch auf dem WC wird der Parteitag live übertragen. Der Internet-Stream, über den Piraten in aller Welt zugucken können, hat schon am Sonntagmittag 56 Terabyte Daten ausgeliefert. "Wir haben hier ideale Bedingungen vorgefunden", sagt Semken, "und der Veranstalter kennt sich auch schon mit Nerds aus."

64 Mal schneller als DSL

Denn in den Holstenhallen in Neumünster findet regelmäßig eine riesige Netzwerk-Party, eine sogenannte Lan-Party, statt. Mehr als 3000 Computerspieler bauen dann ihre Rechner auf und brauchen jede Menge Bandbreite. Die Stadtwerke Neumünster haben deswegen einen Internetanschluss mit einer Kapazität von einem Gigabit pro Sekunde gelegt - 64 Mal schneller als ein DSL-Anschluss zu Hause.

Den nutzen nun die Piraten. Bei früheren Parteitagen habe man etwas tricksen müssen, sagt Semken. Sie hätten Proxy-Server zwischengeschaltet und mit einer Priorisierung der Datenpakete sichergestellt, dass der Live-Videostream des Parteitags Vorrang hatte vor den privaten Facebook-Nachrichten der Mitglieder. "Mit einem Gigabit braucht man so etwas nicht mehr", sagt Semken.

Die einzige Vorkehrung, damit nicht einzelne Piraten die Riesenanbindung mit Spielereien blockieren: Das Netzwerk ist in rund drei Dutzend Segmente geteilt, jedes Segment hat eine Kapazität von zehn Megabit pro Sekunde. Das Verteilen von Raubkopien wird so zum Beispiel etwas erschwert. "Aber wer hier auf den Parteitag kommt, der will Politik machen", sagt Semken. Das Filmen und Fotografieren von Computerbildschirmen ist streng verboten, die Piraten schätzen ihre Privatsphäre.

Profi-Equipment von Ebay

Im Vorfeld des Parteitags hatte die Partei Journalisten vor Hackern gewarnt und empfohlen, nur verschlüsselte Internetverbindungen zu nutzen. Für die Presse gibt es in Neumünster ein eigenes Netzwerk-Segment, damit die Piraten gar nicht erst in Versuchung geraten. Wobei Hacker leichtes Spiel hätten: Die meisten Journalisten lassen ihre Notebooks auch für längere Zeit unbeaufsichtigt herumstehen. Aber die Piraten wollen dieses Wochenende keine Rechner hacken, sondern den politischen Betrieb.

Für den Piraten-Parteitag haben Semken und seine Helfer 400 Meter Glasfaserkabel einmal quer durch die Halle verlegt. Bei einem Preis von einem Euro pro Meter der teuerste Posten. Denn die Verteilerboxen, die auch auf den langen Tischreihen überall aufgebaut sind, kommen zum großen Teil von Ebay. "Das ist acht bis zehn Jahre altes Profi-Equipment, das spottbillig zu haben ist", sagt Semken. Das heißt: Die Geräte lassen sich aus der Ferne warten und halten auch etwas gröbere Behandlung aus.

Die Piratenpartei hat mittlerweile eine ansehnliche Technik-Ausstattung zusammengekauft. Die Strategie, möglichst billige, einfach Technik einzusetzen und keine High-End-Lösungen erinnert dabei an Google. Auch der Suchkonzern setzt auf austauschbare, günstige Hardware. "Wir sparen uns damit die Miete für Netzwerk-Technik", sagt Semken, "das rechnet sich schon bei nur einem Parteitag".

Experiment dezentraler Parteitag

In einem Seitengang der Holstenhalle liegen Switches und Router bereit, falls ein Gerät streikt oder von Piraten versehentlich mit Club Mate übergossen wird. Von Berlin aus, wo die Technik lagert, haben sie 2,5 Tonnen Material nach Neumünster geschafft. Neben Netzwerk- war auch die Sound- und Videotechnik dabei, die ein Unternehmen den Piraten gegen eine Spendenquittung zur Verfügung stellt.

Insgesamt 1600 Netzwerk-Anschlüsse, sogenannte Ports, haben sie eingerichtet - viel Platz für die Steckerkabel der Piraten-Mitglieder. Auf ein Funknetz haben Semken und sein Team verzichtet. "Ein Kabel-Netzwerk funktioniert in dieser Größenordnung zuverlässiger", sagt Semken. Außerdem ist es günstiger. Für die Presse hat er trotzdem ein Funknetz eingerichtet, vier Access-Points versorgen die rund 200 Journalisten mit Internet.

Die Technik läuft, Semken kann sich am Sonntagmittag beruhigt ein paar Stunden schlafen legen, bevor es mit dem Lastwagen nachts zurück nach Berlin geht. Für den nächsten Parteitag in Bochum planen er und sein Team, die Versammlung gleichzeitig in zwei Hallen parallel durchzuführen. Eine technische Herausforderung, jeder muss gleichermaßen an Diskussionen und Abstimmungen teilnehmen können, damit der Parteitag nicht seine Gültigkeit verliert. Klappt das in Bochum mit zwei direkt nebeneinander liegenden Hallen, könnte es eines Tages dezentrale Parteitage bei den Piraten geben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes war die Zahl der Netzwerk-Anschlüsse falsch angegeben. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Wenigstend das können sie - etwas
soznet1 29.04.2012
Zitat von sysopSmartphones, Laptops, Tablets, Netbooks: Ein Piraten-Parteitag braucht schnelles Internet. Technikchef Hartmut Senken über das Piraten-Netzwerk - und warum Neumünster der ideale Ort für den Parteitag ist. Parteitag der Piraten: Netzwerk für Nerds - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,830477,00.html)
Na das ist ja mal etwas Erfreuliches über die Piraten. Aber auch hier zeigt sich : es gibt nur wenige Orte in Deutschland, wo die Partei überhaupt technisch gesehen tagen kann. Ob das nicht auch bald bei einer größeren Zahl von Mitgliedern so sein wird : Die Technik wird die Einzelnen überfordern, sodass nur noch eine "Elite" überhaupt mitstimmen kann, oder sie den neuen Lobbyisten, die sich innerhalb der Paretei eingenistet haben , überlassen muss
2.
soznet1 29.04.2012
Die Äzte, Notare und Rechtsanwälte haben es schon geschafft: Ihre Interessenvertretungen in den Kammern dürfen nach dem Willen der Piarten bleiben. Clever diese schon bei der FDP so erfolgreichen Interessengruppen, die wohl kaum im Verdacht stehen nur am Allgemeinwohl interessiert zu sein.
3. ...
Mindbender 29.04.2012
"Jeder Pirat hat im Schnitt 1,4 Netzwerk-fähige Geräte bei sich, sagt Technikchef Hartmut Semken, genannt Hase." *facepalm So langsam offenbart sich mir, was die Piraten wirklich sind... "Technikchef", ich lach mich tot!
4. ...
Mindbender 29.04.2012
Zitat von soznet1Na das ist ja mal etwas Erfreuliches über die Piraten. Aber auch hier zeigt sich : es gibt nur wenige Orte in Deutschland, wo die Partei überhaupt technisch gesehen tagen kann. Ob das nicht auch bald bei einer größeren Zahl von Mitgliedern so sein wird : Die Technik wird die Einzelnen überfordern, sodass nur noch eine "Elite" überhaupt mitstimmen kann, oder sie den neuen Lobbyisten, die sich innerhalb der Paretei eingenistet haben , überlassen muss
Von was für einer "Lobby" reden sie hier? Apple? "Die Technik" überfordert überhaupt keinen.
5. Lobbyisten
soznet1 30.04.2012
Zitat von MindbenderVon was für einer "Lobby" reden sie hier? Apple? "Die Technik" überfordert überhaupt keinen.
da wäre eher an google u.Co. Zu denken. Die freuen sich über jede Aufweichung der Urheberrechte. Konkret hat es die Lobby der Notare, Rechtsanwälte und Ärzte wohl schon geschafft: Sie alleine sollen ihre Kammern mit den Privilegien als Körperschaft öffentlichen Rechts nach Beschuluss der Piraten in NRW behalten.
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Worum geht es?
Die Piratenpartei trifft sich zum Parteitag im schleswig-holsteinischen Neumünster - von den Piraten in #neumonster umgetauft. Alle Mitglieder können kommen und abstimmen, es gibt keine Delegierten. Derzeit zählt die Partei nach eigenen Angaben rund 26.000 Mitglieder. Tatsächlich erwartet werden um die 2500 Piraten. Auf Twitter wird der Parteitag mit #BPT12 abgekürzt. Im Dezember hatten sich rund 1500 Piraten in Offenbach zum Parteitag getroffen.
Wer trifft sich dort?
Die Piratenpartei Deutschland wurde im September 2006 in Berlin gegründet und versteht sich als liberale Bürgerrechtspartei, die intern und darüber hinaus für Basisdemokratie und Transparenz eintritt. Ihr Programm ist noch nicht abgeschlossen und soll ausgehend von den Internet-Kernthemen nach und nach erweitert werden. Umfragen sehen die Partei derzeit bei über zehn Prozent. In Berlin (8,9 Prozent) und im Saarland (7,4 Prozent) stellen die Piraten Abgeordnete.
Wer wird Parteichef?
Nach einer internen Umfrage sieht alles nach einer Entscheidung zwischen dem bisherigen Parteivorsitzenden Sebastian Nerz (28) und seinem Stellvertreter Bernd Schlömer (40) aus. Insgesamt kandidieren zwölf Piraten für den Chefposten, darunter zwei Frauen. Nur zehn Minuten hat jeder Kandidat zur Verfügung, um sich vorzustellen und Fragen zu beantworten.
Wer steht noch zur Wahl?
Neben in der Partei bekannten Personen bewerben sich eine ganze Reihe Außenseiter auf Posten - im Spott "Fünf-Minuten-Piraten" genannt. Einige wollen wohl die Bühne - es haben sich rund 250 Journalisten angemeldet - für sich nutzen. Gute Chancen auf einen Platz im Vorstand haben außerdem Julia Schramm, Mathias Schrade, Johannes Thon, Johannes Ponader und Klaus Peukert. Mehr über Kandidaten und Wahl-Procedere auf SPIEGEL ONLINE.
Ist das alles?
Auf dem ersten von zwei geplanten Parteitagen dieses Jahr ist vor allem die Wahl einer neuen Parteispitze vorgesehen. Außerdem liegen fast 200 Anträge vor - auch zum Umgang mit Rechtsextremen innerhalb der Partei. In den vergangenen Wochen waren die Piraten wegen allzu großer Toleranz heftig kritisiert worden und hatten über Konsequenzen gestritten. Auch Basisdemokratie und Amtszeiten könnten Thema werden.
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