Kunstprojekt Stromschläge bestrafen Facebook-Fans

Statt zu arbeiten, verbrachten zwei amerikanische Doktoranden viel zu viele Stunden auf Facebook. Um die Zeitverschwendung zu reduzieren, griffen sie im Selbstversuch zu schmerzhaften und skurrilen Mitteln: Elektroschocks und Beschimpfung per Telefon.

Facebook-Elektroschocker "Pavlov Poke": Mini-Computer (vorne im Kasten) versetzt Benutzern einen Stromschlag
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Facebook-Elektroschocker "Pavlov Poke": Mini-Computer (vorne im Kasten) versetzt Benutzern einen Stromschlag


Ein unscheinbarer Kasten neben ihren Laptops soll die Doktoranden Robert Morris und Daniel McDuff zum Arbeiten animieren - oder besser: vom Trödeln abhalten. Die Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben in einem Heimprojekt (YouTube-Video) eine Technik entwickelt, die ihnen helfen soll, nicht mehr so viel Zeit bei Facebook zu verschwenden. Die Zutaten dafür sind ein Mini-Computer, etwas selbst geschriebene Software und ein paar Metallelektroden.

Sobald der Mini-Computer, der mit ihrem Laptop verbunden ist, entdeckt, dass der jeweilige Anwender zu lange oder oft Facebook-Seiten anschaut, reagiert er: Auf dem Bildschirm erscheint als bildschirmfüllende Warnmeldung ein roter, nach unten gerichteter Daumen. Der Tippende erhält über die Elektrode einen leichten, aber schmerzhaften Stromschlag und wird so ermahnt, wieder an die Arbeit zu gehen.

Die beiden Doktoranden bezeichnen ihr Bastelprojekt als Tastatur-Zubehör und gaben ihm den Namen "Pavlov Poke", übersetzt etwa Pavlov-Stupser, in Anlehnung an die Konditionierungsexperimente, die der Forscher Ivan Pavlov an Hunden durchführte.

"Das Gerät nutzt Technik zur Gegenkonditionierung, um dabei zu helfen, Angewohnheiten abzulegen", beschreibt Miterfinder und Ingenieur McDuff. Morris und McDuff sind am MIT Media Lab angestellt und beschäftigen sich auch beruflich mit menschlichem Verhalten und Computer-Interaktion. Das Elektronik-Material und die Idee fielen dabei als verrücktes Nebenprodukt ihrer Arbeit ab, sagen die Doktorranden über den Ursprung des "Pavlov Poke". Statt zu arbeiten, ertappten sie sich dabei, über 50 Stunden pro Woche auf Facebook umherwandernd zu verbringen. Diesen Verlust ihrer Produktivität wollten sie nicht hinnehmen und entwickelten den Elektroschocker als Gegenmaßnahme.

Erkaufte Telefon-Beschimpfungen

Sie betonen jedoch, dass das Projekt nicht ernstgemeint ist. Sie bezeichnen es als "provokatives Kunst- und Design-Projekt" und nicht als "legitime Methode zur Verhaltensintervention". Es soll Menschen dazu anregen, über ihr eigenes, möglicherweise unbewusstes Facebook-Verhalten nachzudenken. Sie wollten damit auf amüsante Art und Weise zeigen, welche Wege sie beschritten hätten, um ihr Online-Verhalten zu ändern.

Zwar entfernten die beiden Doktorranden nach kurzer Zeit das Gerät wieder von ihren Computern, weil sie die Elektroschocks nicht mehr ertragen konnten. Doch zumindest kurzzeitig erzielte es das gewünschte Ergebnis. Vor allem das unbewusste Einloggen und Surfen auf Facebook in einer Art "hypnotischer Trance" hätte ein Ende gehabt, beschreibt Morris den Selbstversuch.

Um die per Elektronik ausgelösten Ermahnungen noch "gruseliger" zu machen, haben Morris und McDuff ihren "Pavlov Poke" mit einer Telefon-Funktion erweitert. Statt einen unpersönlichen Stromschlag auszulösen, veränderten sie ihr Programm so, dass es über das Internet Arbeitsaufträge an Menschen schickte: Die wurden über einen Online-Dienst, einer Art Job-Plattform, automatisch beauftragt bei ihnen anzurufen und einen vorgegebenen Text mit Beschimpfungen vorzulesen. Anschließend ermahnten sie Morris und McDuff dazu, wieder an die Arbeit zu gehen. Doch vielleicht trug nicht nur der menschliche Aspekt dieser Maßnahme dazu bei, dass die beiden sich seltener auf Facebook sehen ließen. Denn auch finanziell lohnte sich die Facebook-Abstinenz für die beiden: Jeder der bezahlten Beschimpfungsanrufe kostete sie 1,40 Dollar.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
tiefseetanker 26.08.2013
1.
50 Stunden pro Woche ? Wie haben die es denn durchs Studium geschafft?
fraktalfabrik 27.08.2013
2. erstaunlich
auf was für Ideen manche kommen nur um ihren Mangel an Selbstdisziplin zu kompensieren. wieviel Stunden hat denn die Entwicklung dieser 'Methoden' gekostet?
bl3h 27.08.2013
3. entzugskur?
wie waehre es mal mit entzugskur? "computern" kann suechtig machen. und ich spreche hier als langzeit nerd. aber wer sich nicht selbst regulieren kann, der braucht kein gadget, sondern professionelle hilfe. wenn ich meinen kumpel darum bitte mir jedesmal eine zu batschen wenn ich ne zigarette an mache und mich dabei zu beschimpfen, und ich somit weniger rauche, komm ich dann auch in die zeitung? Die jungs sind genauso arm drann wie die redaktion die meint das ist die bandbreite wert.
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