Pebble Time im Test Die Retro-Smartwatch

Mehr als 20 Millionen Dollar sammelte das kalifornische Start-up Pebble bei Unterstützern, um eine Uhr zu entwickeln. Jetzt werden die ersten Exemplare der Pebble Time ausgeliefert. Was taugt sie?

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Wenn sich Erfolg in Dollar messen lässt, ist Pebble sehr erfolgreich. Mit der Kickstarter-Kampagne für die Smartwatch Pebble Time hat das kalifornische Start-up einen Rekord gebrochen: Innerhalb des ersten Tages kamen acht Millionen Dollar für das neue Produkt zusammen, insgesamt zahlten mehr als 78.000 Unterstützer über 20 Millionen Dollar ein. Die ersten davon bekommen die 250 Euro teure Smartwatch jetzt zugeschickt, eine haben wir zum Testen bekommen.

Den neuen Armbandcomputer macht unter anderem interessant, dass er, anders als die Apple Watch und Uhren mit Android Wear, mit beiden großen Smartphone-Plattformen zusammenarbeitet. Die Pebble-Time-App ist also sowohl für Android als auch für iOS erhältlich.

Allerdings unterschieden sich die Apps - und damit die Anbindung ans Smartphone - deutlich. So kann man an Android-Handys Nachrichten per Spracheingabe schreiben, was bei iPhones nicht funktioniert. Der Musikplayer des Handys lässt sich in beiden Varianten vom Handgelenk aus fernsteuern, sodass das Smartphone in der Tasche bleiben kann.

Zeitreise auf Knopfdruck

Eine Besonderheit der Pebble Time ist die sogenannte Timeline, also Zeitleiste. Über zwei Knöpfe am Gehäuse kann man vom Ziffernblatt aus durch seinen Kalender blättern. So verschafft man sich schnell einen Überblick, welche Termine bald anstehen.

Ein Klick auf den mittleren Knopf auf der rechten Gehäuseseite führt wiederum zu einer bebilderten Liste der installierten Apps, durch die man scrollen muss, um eine App aufzurufen. Je nachdem, wie viele Apps man installiert, kann das eine durchaus zeitraubende Angelegenheit sein. Es bietet sich deshalb an, die Apps so zu sortieren, das häufig genutzte Programme oben in der Liste stehen.

Minimale Fitnessfunktionen

Bei mir gehörte während des Tests beispielsweise die Fitness-App von Misfit zu den vielgenutzten Anwendungen. So umfangreich wie bei der Konkurrenz sind die Möglichkeiten, sich selbst zu vermessen, bei der Pebble Time aber nicht. Zwar hat sie einen Schrittzähler, aber keine weiteren Sensoren, etwa um die Herzfrequenz zu messen.

Solche Funktionen könnten allerdings über Armbänder von Drittherstellern nachgerüstet werden. Pebble-Gründer Eric Migicowsky erklärte auf dem Mobile World Congress, Fremdhersteller könnten über die Kontakte auf der Rückseite der Uhr eine Verbindung zu deren Elektronik herstellen. So seien beispielsweise Armbänder mit GPS-Modul, Pulsmesser oder Zusatzakku denkbar.

Der Bildschirm spart an Strom und Brillanz

Anders als bei der Konkurrenz verwendet Pebble bei seinen Smartwatches keine hochauflösenden Farbbildschirme. Stattdessen nutzt die junge Firma E-Ink-Displays, wie sie in E-Readern verbaut werden. Diese Technik hat zwei entscheidende Vorteile: Zum einen ist der Bildschirm, wie bei einer analogen Uhr, immer ablesbar und muss nicht erst aktiviert werden. Zum anderen braucht die Uhr keine eigene Beleuchtung. Wenn die Umgebung hell genug ist, verbraucht sie deshalb sehr wenig Strom.

Pebble Time: Dank E-Ink-Display sehr viel ausdauernder als andere Smartwatches. Unser Testgerät wurde mit einem weißen Kunststoffarmband geliefert, das relativ leicht gegen andere handelsübliche 22-Millimeter-Armbänder ausgetauscht werden kann.

Da kann man sich auf die Schulter klopfen: Ein Aufdruck auf der Rückseite weist darauf hin, dass man zu jenen gehört, die das Projekt via Kickstarter unterstützt haben.

Für die neue Smartwatch hat Pebble eine eigene App entwickelt, die nur mit dem neuen Modell funktioniert. Sie ist für iOS und Android erhältlich.

Paarungsritual: Pebble Time und Smartphone kommunizieren miteinander per Bluetooth. Der Kopplungsvorgang klappte im Test problemlos an verschiedenen Handys.

Nach erfolgreicher Kopplung ließ sich die App allerdings nicht sofort benutzen. Zuerst musste ein Software-Update auf die Uhr kopiert werden.

Herausragendes Merkmal der App zur Pebble Time ist der integrierte Onlineshop, über den man sich Apps und Ziffernblätter besorgen kann.

Anders als beispielsweise bei der Apple Watch können Pebble-Apps unabhängig vom Smartphone auf der Smartwatch laufen. Zugleich gibt es sogenannte Begleit-Apps, die nur in Kombination mit einer Smartwatch-App funktionieren.

Hunderte Ziffernblätter stehen zur Wahl, können teilweise noch konfiguriert werden.

In der Smartphone-App werden für manche Apps auch Einstellungen vorgenommen. Außerdem lässt sich hier festlegen, in welcher Reihenfolge die Apps auf der Uhr angezeigt werden sollen.

Über die Knöpfe an der rechten Seite des Gehäuses kann man virtuelle Zeitreisen unternehmen. Der obere Knopf zeigt vergangene Ereignisse an, ...

... ein Druck auf den unteren Knopf führt zuerst zu aktuellen Ereignisse und Wettermeldungen, ...

.... drückt man den Knopf erneut, gelangt man zu anstehenden Terminen der kommenden Tage.

Die Auswahl an Ziffernblättern ist gewaltig, wohl auch, weil es einfach zu nutzende Software-Werkzeuge gibt, mit denen man selbst Designs erstellen kann.

Es wundert nicht, dass viele Ziffernblätter typische Nerd-Themen aufgreifen. So wie dieses in Star-Trek-Optik.

Üppige grafische Qualitäten darf man nicht erwarten. Aufgrund der Limitierungen des E-Ink-Displays sind Benutzeroberflächen, wie hier die des Weckers, oft sehr schlicht gehalten.

Auch Spiele werden für die Pebble Time angeboten. Deren grafische Qualität erinnert an frühe Heimcomputer: Die oft geringe Geschwindigkeit erfordert den festen Willen, damit spielen zu wollen.

Sogar Karten-Apps sind für die Pebble Time erhältlich und machen unmissverständlich deutlich, welche Einschränkungen die Farb-E-Ink-Technik mit sich bringt.

Selbst wenn man die Karten stark vergrößert, sind sie kaum brauchbar. Straßennamen und Symbole werden so winzig dargestellt, dass man Mühe hat, sie zu erkennen.

Die Pebble Time bietet grundlegende Fitnessfunktionen, etwa durch den eingebauten Schrittzähler. Apps wie die von Misfit werten diese Daten aus und machen sie nutzbar.

Das Einstellungsmenü ist sehr übersichtlich und leicht bedienbar.

Einer der Nachteile des kleinen, vergleichsweise grob auflösenden Bildschirms ist, dass es mühselig ist, darauf E-Mails zu lesen. Selbst Absenderadressen und Betreffzeilen werden stark gekürzt.

Die versprochenen "bis zu sieben Tage" Akkulaufzeit schaffte unser Testgerät nicht. Nach drei bis vier Tagen verlangte die Uhr nach neuer Energie.

Pebble gibt deshalb bis zu sieben Tage Akkulaufzeit an. Im Test konnten wir das bei Weitem nicht erreichen, was aber auch an der besonders intensiven Nutzung liegen dürfte. Im Alltag sollten drei bis fünf Tage realistisch sein, Apple Watch und Android-Wear-Geräte müssen meist täglich aufgeladen werden.

Dafür muss man allerdings auch Einschränkungen hinnehmen. Denn selbst wenn sich die automatisch gesteuerte Beleuchtung einschaltet, strahlt der E-Ink-Bildschirm nicht so hell wie beispielsweise das OLED-Display der Apple Watch. Auch werden Farben nicht sonderlich hell und klar angezeigt, sondern wirken meist blass und matt.

Fazit

Die Pebble Time ist eine Hipster-Smartwatch. Verglichen mit der Apple Watch oder Android-Geräten wie der Moto 360, wirkt die Hardware veraltet und Materialien und Design wirken weniger wertig. Wenn man so etwas mag, macht genau das den Charme dieses Mini-Computers aus.

Viele Apps spielen damit und kommen bewusst in einem dazu passenden Retro-Look daher. Sie sind grob gepixelt, nutzen Computersymbolik der Achtziger- und Neunzigerjahre. Wer schon jetzt mit einer digitalen Casio-Quartzuhr am Arm herumläuft, wird die Pebble lieben.

Der eigentliche Vorteil des Pebble-Systems: Die Auswahl an Apps ist groß. Wer mag, kann sich quasi seinen persönlichen Armbandcomputer zusammenstellen. Allerdings muss man dafür einen blassen Bildschirm und eine nur teilweise Verzahnung mit dem Smartphone in Kauf nehmen.

Vorteile und Nachteile

Lange Akkulaufzeit

Kompatibel mit Android und iOS

Viele Apps und Ziffernblätter verfügbar

Über Armbänder funktionell erweiterbar

Relativ günstig

Blasse Farbdarstellung

Uneinheitliche Anbindung an iOS und Android

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Thomas Kossatz 25.06.2015
1.
Wenn iOS bestimmte Schnittstellen nicht offenlegt, um seine grandios überteuerte Uhr besser vermarkten zu können, so ist das bestimmt kein Mangel dieser Uhr. Man befindet sich nun mal in der Apple-Sklaverei. Vielmehr handelt es sich hier um die erste wirklich nutzbare Uhr, denn aufladen alle 24 h ist völlig untauglich für die Praxis.
W113 25.06.2015
2.
Auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass der Fokus bei diesem Wecker auf Funktion ausgerichtet ist, aber: Gibt’s die auch in schön?
c218605 25.06.2015
3. Magerkost
Optisch erinnert sie mich an eine dünnere Kiddizoom-Smartwatch von Vtech die ich meinem Kind zu Weihnachten geschenkt habe. Deswegen hat sich der Autor wohl auch nicht damit ablichten lassen, da macht die Apple-Swatch doch schon mehr her. Allerdings erwarte ich auch bei dieser Uhr schon zeilenmässig von einem Test mehr als das was ich dem Datenblatt entnehmen kann.
acer66 25.06.2015
4. #1
Ich vestehe Ihre kritic nicht so richtig denn wenn ich das richtig sehe sind beide versionen fuer apple und google gleich.
Deutscher__Michel 25.06.2015
5. Die Hardware ist veraltet?
Was ist an der Hardware bitte veraltet? EInk ist auf dem neusten Stand und wird wohl früher oder später Standard bei allen Uhren werden, denn es ist das einzig sinnvolle die Uhrzeit bei einer Uhr immer anzuzeigen. Ich würde diese Uhr von der Technik her allen anderen vorziehen - aber das Design überzeugt mich nicht - allerdings finde ich die Apple Watch noch wesentlich hässlicher.. ..naja ich kann auch noch auf die nächste Generation warten.
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