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04. Dezember 2009, 10:14 Uhr

Philips G7000

Das Telespiel mit dem Supermampfer

1981, als die deutsche Antwort auf "Space Invaders" "Weltraummonster" hieß und man Telespiele von Videopacs lud, wünschte sich SPIEGEL-ONLINE-Leser Michael Heßburg nichts sehnlicher als eine Philips G7000 Konsole. Er spielt heute noch damit.

C64, Atari 2600 - diese Computer haben Generationen geprägt. Viele Menschen fühlen sich mit Technikoldtimern auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsgerät und ihre persönlichen Erlebnisse damit vor. Wir freuen uns auf Ihren Beitrag (siehe Kasten links)! Diesmal erzählt Michael Heßburg, wie er sein erstes Telespielsystem bekam. Ein Philips G7000, als Weihnachtsgeschenk 1981.

Als ich klein war, Mitte der siebziger Jahre, kannte ich Computer nur aus Science-Fiction-Filmen. Bei meinem Onkel durfte ich mit meinem Bruder Mark aber ab und zu an einem "Pong"-Telespiel spielen. Das war so eine Art stilisiertes Tennis mit zwei Balken und einem eckigen Ball. Natürlich in schwarzweiß und mono. Der Ton bestand nur aus zwei Pieps-Geräuschen. Onkel Hansi sprach fast ehrfürchtig davon: Das Gerät sei ein Abfallprodukt der Mondlandung. Wir waren beeindruckt.

Und wir verbrachten dann viele Stunden mit diesem Telespiel vor dem flimmernden Fernseher. Ich erinnere mich gut an das völlig neue Gefühl, etwas auf der Mattscheibe direkt steuern zu können, statt nur passiv das Programm der drei verfügbaren Sender zu konsumieren.

Pong als "Abfallprodukt der Weltraumfahrt"

Vieles in den Siebzigern wurde als "Abfallprodukt der Weltraumfahrt" bezeichnet, ohne dass es dies tatsächlich war. Die Teflonpfanne ist so ein populäres Beispiel der Fehlinformation. Tatsächlich wurden die Mikroprozessoren erst zum Ende der Dekade hin immer schneller und leistungsfähiger. Magnavox, ein Tochterunternehmen von Philips, entwickelte um einen Intel-Chip herum ein Telespielsystem, die Odyssey 2, in Europa meist als Philips G7000 bekannt.

Dieses Gerät war bereits eine Spielkonsole der sogenannten zweiten Generation und erschien in Deutschland im Jahr 1979. Im Gegensatz zum G7000 war aus damaliger Sicht das Atari VCS 2600 das System mit der besseren Grafik und dem komplexeren Sound. Ich wollte trotzdem die Philips-Konsole. Das uramerikanische Design des Atari VCS gefiel mit überhaupt nicht: Eine Holzblende aus Plastik, schwarzes Kunststoffgehäuse und silberne Kippschalter, wie aus dem Armaturenbrett eines 70er-Jahre-Straßenkreuzers.

Hinzu kam, dass mein Cousin Andreas, der Sohn von Onkel Hansi, mittlerweile ein Atari VCS sein eigen nennen durfte. Auf keinen Fall wollte ich dann auch eines haben. Ich wollte das Philips G7000. Es war die einzige Spielkonsole, die durch eine eingebaute Tastatur nicht nur wie ein Homecomputer aussah, sondern auch mit zwei verschiedenen Computermodulen annähernd deren Leistungsfähigkeit erreichte.

Computer mit Holzdekor aus Plastik

Das Design wirkt heute noch modern: relativ flach, pultförmig und in elegantem Silber mit schwarzen Akzenten - etwas überzeichnet, wie aus der Kulisse der damaligen Science-Fiction-Filme. Meine Mutter hatte sich damals erst einen brandneuen, stylischen Highend-Fernseher von Loewe gegönnt, dazu passte das Philips G7000 perfekt, dachte ich mir. Bloß kein Holzdekor aus Plastik.

Die Philips-Konsole alleine kostete damals um die 350 DM, und pro Spiel musste man rund 89 DM anlegen. Etwas ältere Module konnte man im Angebot in den neu aufkommenden Elektronikmärkten auf der grünen Wiese für 50 bis 70 Mark erwerben. Das war deutlich weniger Geld als von Besitzern eines Atari verlangt wurde.

Kurz vor Weihnachten 1981 war ich mit meiner Mutter und meinem Bruder in der Metro in Kassel. Wie immer zog es mich zur Videospielabteilung. Das Objekt meiner Begierde stand in einer Glasvitrine und glitzerte silbern wie ein Juwel. Es wirkte im kalten Licht der Vitrinenbeleuchtung geradezu überirdisch technisch. Als ob es gerade aus dem Schaltpult eines Sternenzerstörers oder direkt aus dem Feuerleitstand des Todessterns ausgebaut worden wäre. So drückte ich mir die Nase an der Glastür platt, nur Zentimeter vom wohl tollsten Stück Technik auf diesem Planeten getrennt.

"Weltraummonster" und "Super Mampfer"

Normalerweise bereitete mir das Ende eines jeden Einkaufs in diesem Großmarkt geradezu einen körperlich zu spürenden Trennungsschmerz. Aber an diesem Abend schöpfte ich, durch das plötzliche Interesse meiner Mutter an dem Gerät, endlich Hoffnung. Sie fragte mich, welche Spiele mich denn so interessieren würden.

Sollte ich eines zu Weihnachten bekommen?

Die Zeit bis Heiligabend dehnte sich fortan Richtung Unendlichkeit. Und dann lag unter dem Weihnachtsbaum auch ein großes Paket, welches sich, nach dem hektischen Zerreißen des bunten Geschenkpapiers, als die Packung eines G7000 entpuppte. Ich war glücklich.

Zwei meiner Spiele - bei Philips Videopac genannt - waren "Weltraummonster" und "Super Mampfer", dreiste Kopien der erfolgreichen Spiele "Space Invaders" und "Pac Man". "Super Mampfer" war allerdings tatsächlich deutlich besser als das Original. Zusammen mit Mark spielte ich diese Spiele stundenlang - jedenfalls solange, bis wir den Fernseher wieder freigeben mussten oder uns die Hände durch die unförmigen Joysticks wehtaten.

Programmieren auf der Folientastatur

Das für mich wichtigste Videopac war zweifellos "Computerprogrammer", welches die Programmierung der Konsole in Maschinensprache erlaubte. Folgte man der dicken Anleitung und schaffte es, die Befehle auf der heftig prellenden Folientastatur fehlerfrei einzutippen, wurde man nach wenigen Stunden Arbeit einzig mit Männchen oder UFOs belohnt, die sich träge über den Bildschirm bewegten. Die Programme ließen sich nicht abspeichern, so dass alle Mühe vergeblich und verloren war, sobald man wieder etwas spielen wollte oder die Konsole ausschaltete.

Die Konsole hatte keinen Netzschalter - man musste den Stecker ziehen, um sie abzuschalten. Die Module wurden folglich im laufendem Betrieb gewechselt, eine Methode, die andere Konsolen mit ihrem baldigen Ableben belohnt hätten.

Ich habe mich nie von meinem G7000 trennen können und baute in all den Jahren meine Spielmodulsammlung immer weiter aus. Mittlerweile habe ich auch zwei Brettspiele für das Gerät, die allerdings überdeutlich erklären, warum dieses Spielgenre ausgestorben ist. Zusammen mit meiner Frau und unseren Kindern haben wir neulich "Die Suche nach den Ringen" gespielt. Dabei ersetzt die Spielkonsole nicht nur den Würfel. Man erkämpft sich das Weiterkommen auf dem Spielbrett auch in einem Minispiel auf dem heimischen Fernseher.

"Burgenschlacht" als Konsolenspiel

Klingt gut, ist aber schrecklich öde umgesetzt: Die Minispiele sind immer die gleichen und auch nur vier an der Zahl. Die Schwierigkeit steigt nicht und liegt auf einem Niveau, welches auch die kurzsichtige Oma problemlos meistern kann. Freude kommt aber wenigstens dadurch auf, dass man in Teams kämpft und sich so gegenseitig anfeuert.

Das beliebteste Spiel bei uns ist heute Videopac Nummer 20 - "Burgenschlacht". Dabei stehen sich zwei Ritter mit Katapulten in je einer Burg gegenüber. Ziel des Spiels ist, die gegnerische Festung mit gezielten Steinwürfen nach und nach zu zerstören. Je länger man den Joystick nach unten zieht und dann loslässt, desto weiter fliegt der Stein. Ein simples Prinzip, das jeder versteht, welches aber auch heute noch enormen Spaß macht. Selbst meine Kinder und deren Freunde spielen dieses Spiel sehr gern. Obwohl oder weil das Technikspielzeug in ihren Zimmern die Weltrechenleistung von 1970 weit übertrifft.

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