Alternativen zur Bildbearbeitung Doppelbelichtung statt Photoshop

Um mehrere Bilder zu kombinieren, wird meist Photoshop benutzt. Ähnliche Ergebnisse lassen sich aber auch rein fotografisch erzielen. "Docma"-Autor Eberhard Schuy zeigt, wie das geht.

Eberhard Schuy/ DOCMA


Wann immer in einer Fotografie keine Menschen abgebildet werden, sollten Sie auf eine plakative Wirkung des Bildes achten. Da der menschliche Faktor fehlt, der auf den ersten Blick für Sympathie und eine entsprechende Stimmung sorgt, müssen Sie die Aufmerksamkeit des Betrachters mit anderen Mitteln auf Ihr Bild lenken.

Das funktioniert nicht mit überladenen Fotografien, die sich erst nach genauerer und längerer Betrachtung erschließen. Wie ein Bild entstanden ist, welche Technik dahintersteckt oder gar mit welcher Blende fotografiert wurde, interessiert ohnehin kaum jemanden.

Eine Methode, mit der ich gerne arbeite, sind Doppelbelichtungen. Dabei spielt die Intuition eine große Rolle. Mir ist es wichtig, die Gestaltung nicht in die Bildbearbeitung zu verlagern, sondern schon am Set die Stimmung, die Farbigkeit und die Haptik der Dinge aufzunehmen, um damit spielerisch Bilder zu gestalten. Auch wenn es einfacher erscheint, Bilder in der Postproduktion in Ebenen und damit nicht-destruktiv übereinanderzulegen - von der Spontaneität des Moments geht dabei viel verloren.

Glas mit Reflex

Eberhard Schuy/ DOCMA

Ich baue manchmal recht umständlich erscheinende Sets auf, um die Motive miteinander zu verschmelzen. So war es auch bei diesen Aufbauten mit dem Sektglas. Zunächst wird nur ein Set für einen Lichtreflex aufgebaut. Zerknickte Plastikfolie strahle ich dabei mit einem kleinen Spot und sehr hartem Licht so an, dass der dabei entstehende Reflex direkt auf den Sensor der objektivlosen Kamera gerichtet ist (a):

Eberhard Schuy/ DOCMA

Es braucht viel Geduld und Erfahrung, um die Folie und das Licht so zu positionieren, bis gute, klare Reflexe zu sehen sind. Durch kleinste Bewegungen der Folie kann der Reflex in seiner Form verändert und mit entsprechender Übung auch gezielt gestaltet werden. Wichtig ist, darauf zu achten, dass es hinter dem Folienstück und im Studio absolut dunkel ist.

Eberhard Schuy/ DOCMA

Für die zweite Belichtung - diesmal mit einem Objektiv - wird die Kamera, die auf ein Stativ montiert sein muss, um 90° gedreht. In dieser neuen Position erfolgt der Aufbau eines zweiten Sets mit einem Glas. In diesem Fall habe ich direkt vor einem mittelgrauen Hintergrund fotografiert, der leicht gewölbt ist, um einen schönen Schatten zu erzeugen. Um hierbei viele dunkle Bereiche zu bekommen, in denen später der Lichtreflex klar abgebildet wird, habe ich auch hier mit einem Spot ausgeleuchtet (b):

Eberhard Schuy/ DOCMA

Beide Sets werden nun in Belichtung und Stand perfekt aufeinander abgestimmt und dann mit je einem Blitz beleuchtet. Zu beachten ist, dass sich beide Aufnahmen mit ihren Helligkeiten addieren. Durch eine leichte Unterbelichtung stellen Sie sicher, dass keine Bereiche überbelichtet werden und ausfressen. In den unbelichteten Zonen der einen Aufnahme erscheint eine weitere Aufnahme besonders klar und deutlich.

In absoluter Dunkelheit richte ich die Kamera auf das Set mit dem Sektglas aus, öffne den Verschluss zum Beispiel mit einer Belichtungszeit von 20 Sekunden und blitze mit einem Funkauslöser von Hand einmal. Dann wird die Kamera wieder um 90° zurückgedreht. Dabei hilft eine Stativplatte für die Panoramafotografie, die Rasten zum genauen Schwenken hat. Das Objektiv wird abgenommen und mit dem Spot, der die Folie anstrahlt, ein weiteres Mal geblitzt. Etwa zu diesem Zeitpunkt sollten die 20 Sekunden vorbei sein, und der Verschluss schließt sich. Bei guter Vorarbeit kann das Ergebnis sehr beeindruckend ausfallen.

Kaffee mit Milch

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Für Doppelbelichtungen sind nicht immer so aufwendige Aufbauten nötig. Auch mit simplem Zweifachblitzen können schöne Bilder entstehen, so wie bei diesem Set aus Kaffee- und Milchkanne. Beide standen auf einem schwarzen, spiegelnden Untergrund vor schwarzem Molton. Dieser Stoff schluckt besonders viel Licht und wird daher sehr dunkel abgebildet.

Für Tests und Feineinstellungen brauche ich dann noch ein paar Probeaufnahmen. Wenn alles perfekt steht, stelle ich Blende und Blitzleistung so ein, dass zwei Blitze zusammen eine optimale Belichtung ergeben. Ich wähle eine so lange Verschlusszeit, dass ich innerhalb dieser Zeit - natürlich in einer möglichst dunklen Umgebung - die vordere Kanne wegnehmen kann. Zehn Sekunden reichen meist aus. Die Reihenfolge ist dann folgende:

1. Auslösen - der Verschluss öffnet sich,
2. von Hand einmal blitzen,
3. die Milchkanne wegnehmen,
4. ein zweites Mal blitzen.

Wenn die gewählte Verschlusszeit passt, schließt sich der Verschluss kurz nach dem zweiten Blitz. Falls Sie etwas mehr Zeit benötigen, um zwischen den Blitzen das Set umzubauen, versuchen Sie es noch einmal mit einer längeren Verschlusszeit. Für den Probedurchlauf verzichten Sie auf das Blitzlicht und testen damit, ob das abgedunkelte Raumlicht später bei der eigentlichen Aufnahme nicht stören wird: Wenn das Bild nahezu schwarz ist und nur minimal erkennbare Konturen zeigt, passt es.

Bei Blende 16 bis 22 und einem ISO-Wert von 100 können sie in einem relativ dunklen Raum getrost zehn Sekunden belichten, bevor es zu einer deutlichen Abbildung des Sets kommt. Die Leistung des Blitzes stellen Sie dann entsprechend der Blende ein und berücksichtigen dabei, dass Sie zwei Mal blitzen.

Schuhe

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Wer zweimal blitzt, kann auch dreimal blitzen: Durch die Anzahl der Blitze und die Bewegung der Objekte bestimmen Sie die Intensität der durch die Mehrfachbelichtung überlagerten Bilder. Bei dieser Aufnahme war ein Schuh fixiert (a), damit er sich zwischen den Belichtungen nicht bewegen konnte. Die Lage des zweiten Schuhs (b) wurde nach dem ersten Blitz verändert (c); danach habe ich noch zwei weitere Male geblitzt. So wurden die Schuhe unterschiedlich intensiv abgebildet und der Betonboden, auf dem das Set fotografiert wurde, scheint unterschiedlich durch.

Der erste Schuh wirkt opak, da er bei allen Belichtungen an der gleichen Stelle lag. Der zweite wurde einmal an der einen Stelle geblitzt und zweimal an der anderen; daraus ergibt sich eine unterschiedliche Transparenz. Noch stärkere Unterschiede erreichen Sie, indem Sie noch öfter blitzen. Zum Ausgleich blenden Sie dann stärker ab. Sie können die Objekte auch noch weitere Male verändern oder zusätzliche Bildelemente in die Aufnahme integrieren.

Der rote Schuh

Eberhard Schuy/ DOCMA

Bei der Aufnahme eines Sportschuhs, deren Ergebnis im Aufmacherfoto zu sehen ist, habe ich mit zwei Belichtungen gearbeitet. Die erste ist eine relativ simple Aufnahme des Schuhs mit scheinbar fliegenden Schnürsenkeln. Dabei halfen ein dünnes Nylonseil und etwas Schweißdraht, der in die Schnürsenkel geschoben wurde. Damit ließen sich die Bänder frei formen und positionieren.

Nach dem ersten Blitz, wie immer im dunklen Studio und bei längerer Belichtungszeit, hielt ich für den zweiten Blitz eine Glasscheibe mit ein wenig senkrecht verstrichener Vaseline vor das Objektiv. Dadurch wurden alle markanten Lichtpunkte waagerecht weichgezeichnet abgebildet. Der Mix der beiden Aufnahmen sorgt für ungewöhnliche Abbildungen der Motive, die eine Bewegung vortäuschen. Lichtquellen oder hell angestrahlte Objekte eignen sich besonders gut für diesen Effekt.

Gefunden in

Bei allen diesen Aufnahmen wird klar, wie gut sich die Technik der Doppel- oder Mehrfachbelichtung eignet, um Objekte und Effekte so darzustellen, dass sie miteinander verschmelzen. Auf den Vorteil, die einzelnen Bilder direkt bei der Aufnahme zu kombinieren und nicht im Nachhinein per Ebenenüberlagerung zu verbinden, bin ich bereits eingegangen - für den Fotografen ist dies eine besonders intuitive Arbeitsweise.

Dennoch bleibt es auch bei dieser Technik sinnvoll, jeweils eine Aufnahme ohne Doppelbelichtung zu machen. Mit dieser lassen sich in der Bildbearbeitung noch Details und Konturen hervorheben, ohne dass sich der Gesamtcharakter des Bildes wesentlich verändert. Bei der Aufnahme des roten Schuhs ist es nützlich, von der Vaseline beeinträchtigte Bereiche mithilfe einer normalen Aufnahme zu verbessern. Diese kleinen Korrekturen sind mit einfachen Maskierungstechniken in Photoshop in wenigen Minuten erledigt.


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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
nadennmallos 19.06.2017
1. Sehr hübsche Aufnahmen ...
... und ja, es geht auch ohne Photoshop. Logisch: Funktionierte ja früher, im analogen Zeitalter, auch auch :) Allerdings habe ich mittels digitaler Technik deutlich mehr Möglichkeiten und jederzeit die Kontrolle.
m_reuter 19.06.2017
2. Kaffee mit Milch ...
... scheint auch etwas Photoshop-Nachhilfe erhalten zu haben. Zumindest kann man mit dem Angegebenen "Rezept" nicht ohne Weiteres das Resultat erzeugen (die Milchkanne ist transparent, der Griff der Kaffeekanne scheint aber nicht durch). Hier könnte eine zweite, einfach-geblitzte Aufnahme in Photoshop verwendet worden sein. Eine andere Möglichkeit, die ohne PS auskommt, wäre, dass der verdeckte Abschnitt des Kaffeekannen-Griffes mit schwarzer Farbe abgedunkelt wurde. Würde mich interessieren wie es wirklich gemacht wurde.
mactor2 19.06.2017
3. Steht doch im Artikel.
Zitat von m_reuter... scheint auch etwas Photoshop-Nachhilfe erhalten zu haben. Zumindest kann man mit dem Angegebenen "Rezept" nicht ohne Weiteres das Resultat erzeugen (die Milchkanne ist transparent, der Griff der Kaffeekanne scheint aber nicht durch). Hier könnte eine zweite, einfach-geblitzte Aufnahme in Photoshop verwendet worden sein. Eine andere Möglichkeit, die ohne PS auskommt, wäre, dass der verdeckte Abschnitt des Kaffeekannen-Griffes mit schwarzer Farbe abgedunkelt wurde. Würde mich interessieren wie es wirklich gemacht wurde.
Wie es gemacht wurde steht doch im Artikel. Eberhard Schuy ist übrigens der "Meister" für Objektfotos ohne viel Photoshop. In Interviews oder seinen Büchern weist er immer darauf hin dass maximal 10min Photoshop für jedes Motiv reichen müssen sonst hat man falsch fotografiert... Wenn überhaupt werden nur 2 oder mehr Bilder überlagert etwas die Übergänge in Photoshop angepasst und gut ist. Das übernimmt man mit der Zeit und das passt dann tatsächlich in der Regel auch. Man muss sich eben vorher überlegen wie man welches Motiv macht und wie man welche Technik richtig verwendet. Dann gehts auch ohne oder mit sehr wenig Photoshop. Das Problem ist nur viele Leute können einfach nicht richtig fotografieren und fummeln stundenlang in Photoshop an handwerklich schlechten Bildern rum damit irgendwas vorzeigbares rauskommt.
m_reuter 19.06.2017
4. @mactor2
Wo bitte steht im Artikel wie es gemacht wurde, dass die Milchkanne zwar transparent erscheint, ihr Griff jedoch nicht? Das "Rezept" Auslösen, von Hand einmal blitzen, Milchkanne wegnehmen, zweites Mal blitzen würde bewirken, dass auch der Griff der Milchkannne transparent ist.
olga_kulmann gestern, 11:07 Uhr
5. Schön, aber ...
Viele der PS-Plugins imitieren bekannte Effekte, die sich eigentlich mit verschiedenen Lifehacks umsetzen lassen. Dieses Vergnügen können sich heute nur Fotokünstler leisten, alle anderen wollen ein Foto einfacher und mit maximaler Zeitersparnis bearbeiten.
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