Polaroid Gaga-Comeback für die Sofortknipse

Die analoge Polaroid-Kamera galt in der digitalen Welt als Technologie von gestern. Doch jetzt erlebt die Instant-Fotografie eine plötzliche Renaissance. Eine Schlüsselrolle bei der Wiederbelegung spielt die Begeisterung von Popdiva Lady Gaga.

Josh Coleman

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Hamburg - Der Gaga-Schock kam für Florian Kaps völlig unerwartet. Kaps war da gerade in Japan. Auf einer Messe für Fotografie, am Stand von Polaroid, begegnete er zwei Frauen mit ziemlich hässlichen Jacken, wie Kaps fand. Direkt über dem Gesäß, etwa auf Steißhöhe, war eine durchsichtige Tasche aufgenäht. Als Einsteckhülle für Polaroid-Fotografien.

Die Jacken sind Teil einer Markenkampagne der US-Künstlerin Lady Gaga für Polaroid, jener Sofortbild-Firma, die vor neun Jahren erstmals in Insolvenz ging und das analoge Sofortbild damit beinahe beerdigt hätte. Wenn nicht Hobbyfotograf Kaps ein paar Tage vor der Verschrottung der Maschinen von Wien ins niederländische Enschede gereist wäre, um den Sofortfilm zu retten.

Bei einem Bier überzeugte er an diesem Tag den Polaroid-Produktionsleiter, einen Mann, der seit fast 30 Jahren jede Schraube und jeden Chemikalienkanister in der Fabrik kennt, die Sofortbildfilme mit ihm gemeinsam in Eigenregie weiterzuproduzieren. Kaps kaufte Polaroid damals die letzte Fabrik mit sämtlichen Maschinen ab, in der noch Filme produziert wurden. Dem Unternehmen kam das gelegen, den analogen Sofortfilm hatte man komplett aufgegeben - nicht mit der digitalen Welt vereinbar, viel zu unmodern, viel zu unperfekt.

Und eben jenes Geschäft, das Polaroid damit aufgab, läuft seitdem entgegen aller Prognosen gut für Kaps. So gut, dass Polaroid nun doch auch wieder daran verdienen will. Deshalb erwägt der Hersteller den Rückzug vom eigenen Rückzug. Ende des Jahres wolle man nun doch wieder eine analoge Sofortbildkamera Polaroid 1000 auf den Markt bringen, ein bisschen aufgehübscht, im Grunde genommen aber unverändert im Vergleich zur Erstvorstellung 1977.

Allein Kaps könnte die Produktion der Sofortfilme gewähren

Das klingt, als wolle Polaroid an die alten Traditionen anknüpfen, aber ganz möglich ist das natürlich nicht. Denn da ist ja nun Kaps, der neue Eigentümer der alten Fotofilm-Fabrik mitsamt den Anlagen zur Herstellung. Kaps allein hat derzeit die Ressourcen, um den komplizierten Sofortfilm produzieren zu lassen.

Ohne Kaps könnte Polaroid zwar so viele Sofortbildkameras produzieren, wie die Firma wollte, aber keinen einzigen Film dafür. Und Kaps hofft vom alten Ruhm der Weltmarke zu profitieren. Einen Namen haben die Filme-Packs aus seiner Produktion sicherheitshalber nicht wirklich. Sie heißen etwa "PX-100 Silver Shade".

Kaps spekuliert darauf, dass die Menschen die Bilder in Ermangelung eines anderen Namens weiterhin schlicht Polaroid nennen werden - denn die Markenrechte dafür gehören ihm nicht. Damit sind Kaps und Polaroid in einer merkwürdigen Beziehung zueinander gefangen. Polaroid mag alle Namensrechte, alle Erfahrung, alle Tradition haben - die Maschinen aber hat nun einmal Kaps.

Florian Kaps, 40, sitzt im Wiener siebten Bezirk in seinem Büro; ein Kloster war mal in dem Haus und ein Bordell. Er hält eine "I-Zone Digital Combo" in der Hand, graues Plastik, orangefarbene Knöpfe. Die Digital Combo war der Versuch, eine Kamera auf dem Markt zu etablieren, die eine Kombination aus Digital- und Sofortbild möglich macht - ein Ladenhüter. Sie ist Symbol des Scheiterns eines einst stolzen Weltkonzerns mit riesiger Markenbekanntheit und gewaltigen Umsätzen.

Geschätzte 300 Millionen Polaroid-Kameras im Umlauf

Polaroid zog aus dem Geschäftsdebakel den Schluss, dass die digitale mit der analogen Welt nicht vereinbar sei, was vielleicht auch stimmt. Allerdings scheint es nun so, als habe Polaroid die Zeichen genau falsch gelesen. Die Firma dachte, die Menschen wollten nichts Analoges im Digitalen, zu altmodisch, zu unperfekt.

Es scheint aber so, als sei es genau andersherum gewesen. Als wollten viele das analoge Sofortbild behalten, nichts Digitales beimischen. Vielleicht auch gerade weil es so schön altmodisch und unperfekt ist. Kaps sagt, bis heute hätte Polaroid nicht wirklich verstanden, worum es beim Sofortbild eigentlich geht. Abzulesen sei das unter anderem am aktuellen Produktangebot.

So gibt es tatsächlich Kameras mit einem Mini-Drucker, der digitale Fotos visitenkartengroß druckt. Neuerdings verteilt Polaroid Papierbögen dazu, in der Optik eines Sofortbildes mit weißem Rand - der Digitaldruck kann aufgeklebt werden.

Geschätzte 300 Millionen funktionstüchtige Polaroid-Kameras aus alten Zeiten sind noch im Umlauf und werden im Internet oder auf Flohmärkten verkauft. Ebenfalls im Umlauf sind die letzten Filme von damals. Im Internet überboten sich die Filmliebhaber nach Produktionseinstellung gegenseitig um die Restposten, zahlten Mondpreise dafür.

Gespräche mit Lady Gaga über neue Produkte geplant

Kaps arbeitet seitdem am Revival: Neue Filme sollen endlich wieder zum Kauf stehen, statt nur die Reste. Dem Projekt ständen allerdings rund 7000 Probleme im Weg, sagt Kaps. Das geht schon damit los, dass ehemalige Zulieferer wichtige Vorprodukte nicht mehr herstellen, die aus dem Mini-Chemielabor im weißen Rand des Fotopapiers mittels einer Entwicklerpaste ein Bild entstehen lassen. Wie schwierig es auch für Kaps ist, konnte man zum Beispiel im 22. Februar sehen. Dabei sollte an diesem Tag eigentlich alles überwunden sein. Kaps hatte es perfekt geplant.

Exakt 63 Jahre und einen Tag, nachdem Edwin Herbert Land, Studienabbrecher und Erfinder des Sofortbildes, in New York auf die Bühne getreten war, wortlos auf den Auslöser drückte und einen Film aus der Kiste zog, der kurz darauf ein Bild zeigte, wollte Florian Kaps der Weltöffentlichkeit den neuen Polaroid-Film präsentieren.

Daraus wurde jedoch nichts, die 100.000 Euro teure Filmrolle, aus der mehrere tausend Film-Packs hergestellt werden sollten, klebte zusammen wie ein Kaubonbon. Die Pressekonferenz wurde abgeblasen, die Rezeptur abermals überarbeitet.

Am Montag war es nun soweit. In einem New Yorker Hotel wurde nun endlich der Erfolg verkündet, der Sofortbildfilm wäre damit gerettet. Im April wollen die Polaroid-Distributoren mit Lady Gaga über neue Produkte und Aktionen sprechen. Schon im Februar lies sich Gaga von Kaps 300 Filme an eine Hoteladresse schicken.

insgesamt 10 Beiträge
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fiutare 23.03.2010
1. Retro, die 293.094.145.
Der nächste Retro-Kult. Schon traurig, wenn man alles hat.
3-plus-1 23.03.2010
2. Warum Lady Gaga?
Warum wird hier eigentlich Lady Gaga so oft ohne wirklichen Bezug erwähnt? Mir fällt aus der jüngeren Vergangenheit eher Amy Macdonald ein, in deren Video zu "This is the life" Polaroidfotos sehr prominent in Szene gesetzt sind. Außerdem, wo bleibt - wenn wir im Musikbereich verweilen - das Revival der hochwertigen Compact Cassette vom Schlage einer BASF Chrome Maxima II, TDK MA-XG oder Maxell Metal Vertex? Was es da aktuell noch gibt (http://forum2.magnetofon.de/bildupload/Versteigerung_IECI.jpg) ist ja nur ein Schatten der früheren Vielfalt und Qualität.
amtegi123 23.03.2010
3. Einfach nur geil
"So gibt es tatsächlich Kameras mit einem Mini-Drucker, der digitale Fotos visitenkartengroß druckt. Neuerdings verteilt Polaroid Papierbögen dazu, in der Optik eines Sofortbildes mit weißem Rand - der Digitaldruck kann aufgeklebt werden." Das ist so bescheuert und absurd, dass es schon wieder lustig ist...
amtegi123 23.03.2010
4. Lange lebe Analog!
Ein Kumpel von mir, Musiker und Teilzeitphilosoph, hat mal gesagt: "Daten geben mir keine Befriedigung, ich brauche Dinge". Das war zwar auf MP3 vs. Vinyl bezogen, passt aber auch hier wunderbar
fiutare 23.03.2010
5. .....
Zitat von amtegi123Ein Kumpel von mir, Musiker und Teilzeitphilosoph, hat mal gesagt: "Daten geben mir keine Befriedigung, ich brauche Dinge". Das war zwar auf MP3 vs. Vinyl bezogen, passt aber auch hier wunderbar
Das ist ja alles nett. Aber den Fortschritt der digitalen Fotografie lasse ich mir von niemandem nehmen. Mein erster Fotoapparat war die Agfa Clack. 12 Schwarzweiss-Fotos auf einem Rollfilm. Wenn man das weiterdrehen (Finger im Suchfenster!) vergessen hat, dann hatte man lustige Doppelbelichtungen. Jedes Foto wollte gut überlegt sein. Natürlich kann das lehrreich sein. Aber auf das Gefummel kann ich gerne verzichten. Und meine Erinnerungen an die Polaroid sind durchweg negativ besetzt. Schlechte Bildqualität, hohe Preise, unförmiges Handling. Nur das Geräusch war geil. Dieser Retro-Cool-Analog-Geknister-Wahn ist entweder etwas für ewig Gestrige oder Leute, die vor lauter Langeweile und Überdruss den Trost der Nostalgie brauchen.
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