Von Frank Patalong
Der Fall ist längst Legende, der Videobeweis im Alltag von und vor allem gegen Polizisten Standard: Anders als 1991 ist es heute nichts Ungewöhnliches mehr, dass Passanten eine Videokamera griffbereit haben. Denn in fast jedes Handy ist eine Kamera integriert. So landen Videobeweise echter oder vermeintlicher Polizeibrutalität regelmäßig bei YouTube, in den Nachrichten, auf speziellen Web-Seiten, die das alles dokumentieren wollen. Das schafft eine Menge Druck.
Unter Druck steht auch die Firma Taser, gerade weil ihre Geschäfte prächtig gehen. Taser ist Entwickler und Hersteller der meistverkauften Elektroschockwaffen, Ausrüster zahlreicher Polizeibehörden. Die Taser-Waffen gelten als nicht tödliche Werkzeuge, sie lähmen ihr Ziel mit starken Stromstößen oder quälen es im sogenannten Kontaktmodus mit kurzen, schmerzhaften Impulsen.
Taser sind Waffen, die sanfter sind als Schusswaffenprojektile, die Gewebe zerfetzen, Menschen verletzen oder töten, zum anderen aber auch gut geeignet, Menschen - berechtigt oder nicht - starke Schmerzen zuzufügen. In den Augen vieler Kritiker sind sie elektrische Knüppel, die weniger Spuren hinterlassen als der Hieb mit dem Gummischlagstock. Rund 300 Menschen sollen in den fünf Jahren ab 2003 an Taser-Schocks gestorben sein.
Selbstverteidigung oder Überwachung?
Jetzt liefert Taser ein neues Produkt, mit dem sich mancher Streitfall, ob ein Taser-Einsatz berechtigt war oder nicht, in Zukunft wird klären lassen: Mit Kopf-Kameras sollen US-Polizisten künftig ihren eigenen Videobeweis erstellen können.
Axon heißt das System, das in einem ersten Modellversuch von der Polizei in San José ausgetestet wird. 18 Beamte werden die Kameras zunächst tragen, sollen ab sofort jede Amtshandlung dokumentieren. Am Ende der Schicht kommt die Kamera, die hinter dem Ohr klemmt wie ein Freisprech-Headset, in eine Dockingstation, wo sie alle Mitschnitte in eine Videodatenbank überspielt werden.
Science-Fiction-Filmer haben das seit Jahren vorhergesehen. In ihren Filmen sehen wir immer wieder Einsätze von Soldaten oder Polizisten aus der Ich-Perspektive. Paul Verhoevens "RoboCop" trieb das schon 1987 auf die Spitze, machte den Polizisten zum Cyborg aus Mensch- und Maschinenteilen: Seine Augen sind Kameras. Auch Tom Cruise und seine Polizistenkollegen dackeln 2002 in Steven Spielbergs "Minority Report" mit Helmvisieren durch die Gegend, die nicht nur aufzeichnen, sondern auch das Realbild per Augmented Reality mit Zusatzinformationen ergänzen.
So weit ist man in San José längst noch nicht. Die Überwachungskamera am Kopf der Polizisten ist ein Anfang, der Sicherheit schaffen soll. Die Polizeibehörden hoffen, dadurch Handlungssicherheit zu gewinnen - und Polizeikritiker hoffen, dass die Dauerüberwachung Beamte dazu anhält, sich gesetzeskonform und weniger ruppig zu verhalten. Zwar muss der Beamte die Kamera über einen Schalter aktivieren, damit diese mit der Aufzeichnung beginnt. Sollte der Einsatz aber zum Standard werden, würde eine nicht aufgezeichnete, eskalierte Amtshandlung tendenziell wohl eher gegen den Polizisten interpretiert werden - das dürfte motivieren.
Noch ist das alles ein Test, ein Modellversuch, von Taser im Alleingang finanziert. Sollte sich das System bewähren, würde es zu einem lukrativen Geschäft: 5700 Dollar pro Polizist soll der Dreijahresvertrag für das System dann kosten. Was billiger wäre, als in den USA vor Gericht gezerrt und erfolgreich verklagt zu werden.
Damit kennt sich auch die Polizei in San José aus: Sie steht öffentlich unter Druck, seit zwei Beamte im September dabei gefilmt wurden, wie sie einen Studenten aus Vietnam offenbar gezielt quälten. Einer schlug mehr als zehnmal mit einem Metallschlagstock auf den 20-Jährigen ein. Sein Kollege besorgte den Rest: Er schockte ihn mit einem Taser im Kontaktmodus.
Der Fall wird vor Gericht gehen. Die Polizeibehörde versichert, der Kamera-Versuch sei keine Reaktion darauf.
mit Informationen der AP
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gadgets | RSS |
| alles zum Thema Überwachung | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH